Weiße Tischtücher und Halbasien

Wir schreiben das Jahr 1878. Mit der Eisenbahn kann man von Wien nach Czernowitz oder Jassy fahren. Der in Galizien geborene und in der Bukowiner Hauptstadt Czernowitz aufgewachsene Karl-Emil Franzos (1848-1904) widergibt ein Gespräch, das er im Eisenbahnabteil aufgefangen hat. Und spinnt es weiter:
„`Bitte, mein Herr, ist die asiatische Grenze schon passiert? – Wo denken Sie hin – erst am Ural… Ja – wie diese Geographen sagen. Aber blicken Sie doch hinaus…` Das that ich. Es war hinter Lemberg … Daß `diese Geographen` Unrecht haben, steht fest. Das weiß jeder, der jemals die Steppe zwischen Don und Wolga durchmessen … Also westwärts zurück mit den Grenzpfählen des kleinsten Welttheils! Aber wie weit?! … Nach meiner Ansicht laufen die Grenzen beider Welttheile sehr verwickelt ineinander. Wer zum Beispiel den Eilzug von Wien nach Jassy benützt, kommt zweimal durch halbasiatisches, zweimal durch europäisches Gebiet. Von Wien bis Dzieditz Europa, von Dzieditz bis Sniatyn bis Suczawa Europa, von Suczawa bis zum Pontus oder zum Ural Halbasien, tiefes Halbasien, wo alles im Morast ist, nicht bloß die Heerestraßen im Herbste. In diesem Morast gedeiht keine Kunst mehr und keine Wissenschaft, wo allem aber kein weißes Tischtuch mehr und kein gewaschenes Gesicht … Wer auf dieser Bahn … bei Tage reist, wird vor Langeweile sterben, wenn er nicht vor Hunger stirbt. Wol gibt es einige Restaurationen auf dieser Strecke … aber der Mensch begehre sie nimmer und nimmer zu schauen … was zwischen Krakau und Lemberg die Nacht milde verhüllt, das zeigt hier in Ostgalizien der Tag erbarmungslos klar: die kahle Haide, die ärmlichen Hütten, der Mangel jeglicher Industrie und Cultur … Die Haide bleibt hinter uns, den Vorbergen der Karpathen braust der Zug entgegen und über den schäumenden Pruth in das gesegnete Gelände der Bukowina. Der Boden ist besser angebaut und die Hütten sind freundlicher und reiner … Prächtig liegt die freundliche Stadt auf ragender Höhe. Wer da hinfährt, dem ist seltsam zu Muthe; er ist plötzlich wieder im Westen, wo Bildung, Gesittung und weißes Tischtuch zu finden. Und will er wissen, wer dies Wunder vollbracht, so lausche er der Sprache der Bewohner: sie ist die deutsche…“
Als ich zum ersten Mal in Suceava Worte der Nostalgie um die ehemals deutschen Mitbewohner und des Bedauerns über ihr heutiges Fehlen hörte – es war während einer Veranstaltung der „Friedrich Ebert“-Stiftung Mitte der 90er Jahre – dachte ich vorschnell, es gehe hier um eine der vielen Nullitätsgesten rumänischer Politiker, die im selben Augenblick vergessen sind, wo sie öffentlich wurden. Ich habe mich geirrt.
Die Nostalgie nach „weißen Tischtüchern“ und das Verwerfen „Halbasiens“ ist tief verwurzelt – Letzteres verstärkt durch Nationalkommunismus und seine hochgezüchtete indoktrinierte Abneigung gegen „Mutter Rossija“.
Werner Kremm
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