Medizintourismus heißt nicht nur günstige Zahnbehandlung

Dr. Elena Pop: „Vorläufig Behandlung zu Heilzwecken, Spa kommt bald hinzu“.
Banater Heilbäder zwischen klassischem Rentner- und Medizintourismus. Blick auf den Behandlungstrakt in Kalatscha.
Banater Kurorte kommen verstärkt an ausländische Patienten
Von Siegfried Thiel
Die meisten Touristen, die zu medizinischen Zwecken aus dem Ausland nach Rumänien kommen, tun dies wegen der Zahnbehandlung. Etwa 60.000 Ausländer sind im vergangenen Jahr zur Behandlung nach Rumänien eingereist und sie haben hier insgesamt zirka 250 Millionen Euro ausgegeben. Die rumänische Tourismusministerin Elena Udrea will diese Art Tourismus fördern, um die Einnahmen in diesem Bereich bis 2015 zu verdoppeln. Touristen, die zur Behandlung anreisen, geben auch sonst Geld aus, sagte Udrea.
Medizintourismus führt auch ins Thermalbad
„Früher wusste man, dass in Kalatscha/Calacea Rheuma geheilt wird, postoperatorische Behandlungen haben jetzt an Gewicht in unserer Therapie-Palette dazugewonnen“, hatte bereits vor geraumer Zeit die Ärztin Elena Pop gesagt. Physiotherapie, Kinetotherapie und andere Methoden gehören seit Jahren zu ihren Behandlungsmethoden. Jahre lang verbrachte ein deutscher Rentner einen Teil des Sommers bei Bekannten in Girok/Giroc neben Temeswar/Timisoara und pendelte zur Behandlung nach Kalatscha. „Wesentlich billiger“ war es für ihn, seine Leiden in Kalatscha zu heilen und Fortschritte im Heilungsprozess hatte er ebenfalls schnell erkannt. „Die Bedingungen sind sehr gut“, hatte der Mann vor genau vier Jahren der Banater Zeitung gesagt. Also beschränkt sich der Medizintourismus in Rumänien bereits seit längerem nicht allein auf die Zahnmedizin. Der Hauptfokus bewegt sich zwar in diese Richtung, die Patienten kommen jedoch aus zweierlei Gründen: Zum einen geht es um Patienten, die mit komplexen Zahnproblemen zum Spezialisten gehen und andererseits gibt es jene, die aufgrund der Prophylaxe in westlichen Ländern eher zur Zahnkosmetik nach Rumänien kommen, heißt es unter Zahnmedizinern. Der Widerspruch, zum Thema, wer denn nun in Rumänien zum Zahnarzt reist, geht wohl auch auf den Kundenkreis zurück, beide Ebenen gehören jedoch zu einem Trend, der auf die geringeren Kosten in Rumänien zurückgeht.
Kur: Wirkungsvoll und billig
Vorwiegend ausgewanderte Bürger sind die Kunden der Freizeit- und Kurunternehmen im Banat. Aus Nostalgie kehren sie in die als Heilbäder bezeichneten Ortschaften zurück, egal, ob nach Busiasch/Buzias, Kalatscha/Calacea oder Lippa/Lipova. Sie kommen nach Rumänien, um Besuch und Behandlung zu verbinden. „Oft haben sie den Heilungsprozess hier vervollständigt oder fortgesetzt, haben konkrete Resultate erkannt und billiger ist es in Rumänien ebenfalls“, sagt heute die Ärztin Elena Pop, die seit zwölf Jahren im Kurort Kalatscha,22 Kilometervon Temeswar entfernt, tätig ist. Viele der Patienten würden bereits jetzt Unterkunft und Verpflegung in Anspruch nehmen, obwohl in dieser Hinsicht noch einiges zu tun ist, sagt Elena Pop, doch: „Von der Technik her sind wir auf EU-Niveau.“ Und sie setzt fort: „Viele verbinden Zahn- mit Rheumabehandlung“. Auch Daniel Crasovan, Marketingdirektor des Kurunternehmens in Busiasch, glaubt: „Ausländer kommen wegen günstiger aber auch guter Behandlung“. Er ist überzeugt, dass der medizinische Faktor der wichtigste ist: Gefragt nach dem Prozentsatz, den Naturgegebenheiten – Unterkunft – medizinische Betreuung ausmachen, vermutet Crasovan, dass etwa 50 Prozent den rein medizinischen Aspekt ausmachen. „Unterkunft kann man eh fast überall finden“, resümiert Crasovan. „Der Kostenfaktor ist ebenfalls wichtig“, ist der Marketingdirektor aus Busiasch überzeugt.
Postoperatorische Heilprozesse sind sowohl in Kalatscha, als auch in Busiasch Aspekte, auf die ein Hauptaugenmerk gelegt wird. Dazu kommt Rheuma-Behandlung in Kalatscha, in Busiasch sind es vor allem Kreislaufstörungen. „Oft werden nicht alle Heilprozesse von der Krankenkasse im Heimatland gedeckt und dann ziehen es Ausländer vor, hier ihre Behandlung fortzusetzen“, sagt Dr. Elena Pop aus dem Kurbetrieb in Kalatscha. Ihre Patienten sind vor allem aus Rumänien nach Deutschland, Kanada, Israel, Australien, Schweden und Österreich ausgewanderte Bürger.
Der Behandlungstrakt im Kurunternehmen in Lippa wurde bereits vor Jahren als Staatsunternehmen der Verwahrlosung preisgegeben. Nach der Privatisierung hat der neue Inhaber, Constantin Milos, vorerst in die Freizeitanlage investiert, die weitaus kostspieligeren Behandlungseinrichtungen will er schrittweise ebenfalls erneut aufbauen. Die Grundvoraussetzungen sind gegeben: Die Mineralwasservorkommen sind ausreichend und „das Mineralwasser kann das Herzmittel Aspen ersetzen“, weiß Milos.  
Die Nostalgie der „Antinevralgic“
Medikamente, deren Verschreibungspflicht in Rumänien noch nicht so ernst genommen wird, wie in vielen Ländern Westeuropas, aber auch sonst allgemein verwendete Medizin und Generika kaufen Ausländer in den rumänischen Apotheken. Ausgewanderte Deutsche würden die hierzulande vor Jahren als einzig wirklich bekannte Kopfschmerztablette „Antinevralgic“ kaufen: „Sie kaufen eigentlich ihre Erinnerungen“, sagt eine Apothekerin. Dasselbe galt lange Zeit für die „Algocalmin“-Ampullen – die in großen Mengen ins Ausland gelangten, als bekannt wurde, dass sie „rein pflanzlichen Ursprungs und hochwirksam“ waren (so ein Analyseergebnis aus Deutschland in den Endsiebziger Jahren) und für die Gerovital-Präparate zur Verzögerung des Alterungsprozesses, die vom Ana-Aslan-Institut zu Lebzeiten der Institutsgründerin in Umlauf gesetzt wurden. Wichtig ist meist, dass das Verfallsdatum stimmt und die Arzneimittel längere Zeit aufbewahrt werden können – auch das ist Medizintourismus, doch einer, dessen finanzielle Wirkung so gut wie gar nicht wahrnehmbar ist, zumal die Ausländer hier in letzter Zeit eher weniger, denn mehr Medizin kaufen.
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