Magnetkarte: Das angebliche Mittel gegen Fehlstunden

Schon bald ist zu Unterrichtsbeginn mit Massenandrang am Schultor zu rechnen.
Projekt scheitert möglicherweise an der Umsetzung
Von Siegfried Thiel
 „Ich komme mir vor, als wolle sich jemand mit mir einen Spaß erlauben. Wo soll ich denn hier eine Magnetkarte anbringen“, zeigt die Frau auf den kleinen, etwas mitgenommenen Zaun am Schultor. Überfordert vom Thema, aber auch leicht belustigt, blickt die Direktorin der Dorfschule in die Runde. Bis zum Schulbeginn am 12. September müsste sie – den Erwartungen des Ministeriums nach – am Schultor einen Zulassungsmechanismus anbringen lassen, der den Schülern den Eintritt per Magnetkarte gewährt und der auch die Verspätungen und Fehlstunden der Schüler aufzeichnet. Weder gäbe es die Möglichkeit, das System sinnvoll anzubringen, noch sei das Geld in der Gemeindekasse, um eines zu kaufen, vermutet die Schulleiterin. Die Magnetkarte – angebliche acht Lei pro Schüler – müsste von jedem individuell beglichen werden. Die Staatssekretärin im Bildungsministerium, Oana Badea, hatte vor etwa einem Monat gesagt, durch den Zutritt per Magnetkarte könne mehr Ordnung und Sicherheit in den Schulen gewährleistet werden. Etwa 1.500 Lei pro Mechanismus, hatte Oana Badea vermutet, werde es jede der nahezu 23.000 Schulen in Rumänien kosten.
30 Millionen Fehlstunden sammelten die 2,6 Millionen Schüler Rumäniens allein im ersten Semester des vergangenen Schuljahres. Dies komme 3.457 Unterrichtsjahren eines Schülers gleich, haben Medienkollegen errechnet. Diese Anzahl soll nun mit dem neuesten System eingedämmt werden. Doch je näher der Schulanfang rückt, umso mehr verschwindet dieses Thema aus den Schlagzeilen und in Dorfschulen wird es meist eh unter „jedes Wunder hält bei uns drei Tage lang“ geführt.
 „An großen Schuleinrichtungen, vor allem in den Städten, wäre der Zugang mit Magnetkarte nicht schlecht“, sagt Mircea Meila, stellvertretender Leiter des Schulamtes im Verwaltungskreis Karasch-Severin/Caras-Severin. Ansonsten müsse man Prioritäten setzen. „Man braucht keine Magnetkarte an einer Dorfschule mit 100 Schülern, wo nicht einmal eine Wasserleitung ist“, setzt Meila fort. Prinzipiell sei gegen das neue System nichts einzuwenden, nur realisierbar sei dies kaum, sagt der Abgeordnete des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, Ovidiu Gan]. „An einer Schule, wie der Lenau-Schule in Temeswar, würden die Schüler morgens Schlange stehen müssen und an Dorfschulen braucht man das eigentlich nicht“. Teurer würde es für Schulen, an denen der Unterricht in mehreren Gebäuden stattfindet. Für Lehrer könnte das bedeuten, dass sie mehrere Magnetkarten brauchen, oder sich eine Reihe von Code-Ziffern merken müssen. Schüler sehen nur im ersten Augenblick beklemmt in die Runde, dann haben sie sofort einen Einfall: Der in einigen Schulen bezahlte Wachmann würde damit verschwinden, vermuten sie, daher kann man auch die Schule leichter verlassen. Und ein Schließcode wäre für findige Schüler auch kein Problem: „Den Code knacken wir eben“.
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