Organspende längst kein Tabuthema mehr

 
Gefahr vor unliebsamen Praktiken allgegenwärtig
Gegensätzlicher geht es kaum: Notwendig und makaber zugleich finden es viele Temeswarer Bürger, wenn es darum geht, nach dem Tod Organe zu spenden. Das Für und Wider solcher Praktiken soll auf der Krankenversicherungskarte jedes einzelnen Bürgers festgehalten werden. Noch ist die Karte im Projektstadium, doch schon bald dürften die Rumänen diese in den Händen halten. Der Eigenbeitrag des Versicherten beläuft sich auf umgerechnete zwei Euro.
„Dann sind wir in ganz Europa versichert“, sagt Elena V., als sie erfährt, dass auch Rumäniens Staatsbürger eine  Krankenversicherungskarte mit Mikro-Chip erhalten werden. Die zwei Euro, die sie dazu als Eigenleistung beitragen muss, die gibt sie gerne dafür aus, auch wenn „ich noch nie im Ausland war und möglicherweise auch nie dahin reisen werde“, sagt die 55 Jahre alte Frau. Ein Prestigeobjekt eben. Bei solchen Aussagen sind erneut die Spötter am Werk, die in manchen Sachen gar nicht so unrecht haben: „Klar, dass die Rumänen keine Ahnung haben. Keiner klärt auf, Politiker streiten in Talk-Shows und die Bürger sehen sich eh nur die Nachrichten mancher Fernsehsender mit Mord, Totschlag und Vergewaltigung an“, so könnte zusammengefasst eine Stadtumfrage der Banater Zeitung zur neuen Versicherungskarte, aber auch zum Unwissen der Rumänen lauten.
Beim Gesetzesvorschlag zur Krankenversicherungskarte geht es eigentlich gar nicht um Auslandsreisende, sondern vielmehr ist diese für den Krankheitsfall im Inland im Portemonnaie. Eine Krankenversicherungskarte erhalten alle, die mindestens 14 Jahre alt sind – die Karte muss bei erforderlichen medizinischen Dienstleistungen vorgelegt werden. Was auf dem Mikrochip der Karte enthalten ist, sorgt jedoch für heftige Diskussionen. Warum denn da die Blutgruppe nicht enthalten ist, dafür aber die Zusage für eine Organspende, das verwirrt manch einen. „Einfach zu erklären ist, dass die Blutgruppe nicht mehr aufgedruckt wird, da in weniger als eine Minute die Blutgruppe festgestellt werden kann“, weiß eine Frau, die mit Blut entnehmen und Blut spenden bestens vertraut ist. Großes Gesprächsthema ist jedoch die Frage nach der Organspende. Prinzipiell haben zumindest junge Leute nichts dagegen einzuwenden, „nach dem Tod Organe zu spenden, makaber finden wir es trotzdem“. Die einen sahen es bei einer Stadtumfrage in Temeswar/Timisoara als ein Verstoß gegen religiöse Praktiken, die anderen fürchten, dass damit Handel getrieben wird. Dann gibt es noch die Gruppe, die so etwas ganz pessimistisch sieht: „Stellen Sie Sich vor, eine einflussreiche Person steht auf der Warteliste, nur ein internierter potentieller Spender will und will nicht sterben. Ich glaube, da würde der Arzt auch mal nachhelfen.“
Mächtig Gesprächsstoff hat das Gesetz mehrerer Abgeordneten und Senatoren aus allen großen Parteien Rumäniens zum Thema Organspende auf allen Ebenen gegeben. Der Senat – als erste Kammer – legte fest, dass Personen, die eine Organspende zu Lebzeiten nicht ausdrücklich verweigerten, nach dem Tode automatisch akzeptieren. Der Heilige Synode der Orthodoxen Kirche in Rumänien sprach sich gegen eine solche Praktik aus. Grundsätzlich sei die Kirche mit der Spende von Organen und Geweben einverstanden, „wenn dies dazu beiträgt, Leben zu erhalten, ohne andererseits Leben zu nehmen“, sagt Ionel Popescu, Sprecher der Orthodoxen Metropolie in Temeswar. Auch Ionel Popescu wies darauf hin, dass hinter solchen Entscheidungen keine politischen oder ökonomischen Faktoren stehen dürfen. Rechtswissenschaftler sehen es als einen  gravierenden Fehler, wenn nicht ausdrücklich festgehalten wird, wie der Bürger zur Organspende steht. Bejahen oder Verneinen sollte Pflichtfeld sein.
Siegfried Thiel
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