Buchtipp des Sommers

Catalin Dorian Florescus „Der blinde Masseur“
Der in Temeswar/Timisoara geborene und in der Schweiz lebende Schriftsteller Catalin Dorian Florescu erzählt im Buch „Der Blinde Masseur“ (rumänisch: „Maseurul orb“) die Geschichte eines blinden Buchnarren, der sich im rumänischen Kurort Moneasa aus zahlreichen Werken der Weltliteratur und Philosophie vorlesen lässt.
Teodor kehrt als erfolgreicher Mann in sein rumänisches Heimatdorf zurück, wohin er mal als Jugendlicher gelebt hatte und sich von abergläubischen Bauern verschiedene Geschichten erzählen ließ. Nun sind es Neugier und Zufall gleichzeitig, die ihn im Dorf verweilen lassen und ihn immer stärker im skurrilen Alltag der Dorfbewohner einbinden. Er will herausfinden, ob er hier glücklich gewesen wäre oder ob er seine erste Liebe wieder finden kann. Im Dorf trifft er auf einen blinden Masseur und dessen Freunde, die ihn faszinieren. Er mietet sich bei der verzaubernden Elena ein, muss aber bald feststellen, dass nicht alle Dorfbewohner wirklich ehrlich und gastfreundlich sind, wie er ursprünglich glaubte.
Durch die Dorfgemeinschaft schafft Florescu eigentlich eine Doppelwelt: gleichzeitig poetisch und kalt, schön aber doch unbarmherzig. Der Büchernarr Ion Palatinus hat als Jugendlicher sein Augenlicht verloren. Jedoch ist seine Büchersammlung bewundernswert: Über 30.000 Bücher hat der Masseur im Laufe der Jahre gesammelt. Er arbeitet im verfallenen Kurort Moneasa und „verfügt“ über eine große Anzahl von Vorlesern, die er die Werke der Weltliteratur auf Kassette sprechen lässt. Dorfbewohner, Kunden, Nachbarn – alle sollen für ihn aus den Werken vorlesen. So liest die schöne Elena Romane von Dostojewski vor und lässt sich sogar von ihrem Mann verprügeln, der auf die Bücher eifersüchtig reagiert. Ein Fabrikdirektor soll gegen seinen Willen immer wieder Schopenhauer oder Marx vorlesen, um dabei die Massagen genießen zu können.
Die komische Lebensweise des Masseurs wird aus der Perspektive von Teodor erzählt, der als Jugendlicher vor zwei Jahrzehnten mit seinen Eltern aus dem kommunistischen Rumänien ausgewandert ist. Durch die skurrile Welt, die Florescu im Roman „Der blinde Masseur“ entstehen lässt, gelingt es ihm ein gleichzeitig neues und altes Porträt von Rumänien zu skizzieren und beweist erneut seine beeindruckende Macht des Erzählens.
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