Mammut-Departement ersetzt Lehrstühle

Prof. Dr. Roxana Nubert
Stand und Perspektiven der Temeswarer Germanistik/Gespräch mit Prof. Dr. Roxana Nubert
 Der Germanistiklehrstuhl aus Temeswar/Timisoara blickt auf eine jahrzehntelange Tradition zurück. Ab dem Wintersemester 2011 soll mit Traditionen gebrochen werden. Über die geplanten Umstrukturierungen und die jüngsten Entwicklungen im universitären Bereich in Rumänien sprach der BZ-Redakteur Robert Tari mit Professor Dr. Roxana Nubert, ehemalige Leiterin des Germanistiklehrstuhls an der West-Universität Temeswar.
In diesem Sommer wurde viel über Veränderung gesprochen, besonders innerhalb der deutschen Minderheit. Auch der Germanistiklehrstuhl muss sich mit neuen Änderungen auseinandersetzen. Welche sind diese konkret?
Änderungen fanden eigentlich auf der Ebene der Struktur des Lehrstuhls statt. Aufgrund des neuen Unterrichtsgesetzes wurden die Lehrstühle auf Landesebene aufgelöst und es wurden größere Strukturen aufgebaut, die sogenannten Departements. Zur Zeit gehören alle Fremdsprachen an der West-Universität Temeswar zu einem Mammut-Departement und dieses heißt „Das Departement für Fremdsprachen und Literatur“ und wir gehören eigentlich dazu.
Was bedeutet das für die kommenden Generationen von Studenten, die hier ein Germanistikstudium absolvieren möchten?
Ich glaube es wird keine direkten Konsequenzen auf die Ausbildung der Studentinnen und Studenten haben. Es hat aber Auswirkungen, meines Erachtens, für das Prestige des Lehrstuhls, denn als selbstständige Einheit zählen wir bedeutend mehr, als ein kleines Mitglied eines Mammut-Departements mit 95 Mitgliedern. Ich glaube, wir hätten es verdient, als selbstständiger Lehrstuhl zu verbleiben, zumal wir uns durch zwei wesentliche Aspekte von den anderen ehemaligen Lehrstühlen bzw. Fremdsprachen unterscheiden. In erster Linie bilden wir auch Studentinnen und Studenten für Deutsch als Muttersprache aus. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt in einer Region Rumäniens, in der noch 40 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung lebt. Ein anderer wichtiger Grund für das Beibehalten des Lehrstuhls ist eigentlich die Tatsache, dass Herta Müller, unsere Absolventin, den Nobelpreis für Literatur 2009 erhalten hat und dadurch wurde die Universität sehr gut eingestuft. In einer Hierarchie der Universitäten auf Weltebene stehen wir eigentlich sehr gut da, dank dieser Tatsache. Leider wurden diese Aspekte nicht in Betracht gezogen, als es eigentlich um das Zusammenlegen der Lehrstühle ging. Vorrangig war der finanzielle Aspekt.
Wie sehen Sie die Entwicklung der deutschen Sprache in der Region? Fand eine Verlagerung von Deutsch als Muttersprache zu Deutsch als Wirtschaftssprache statt?
Ich glaube, das Glück besteht darin, dass die rumänische Bevökerung, die hier im Banat lebt, Interesse für die deutsche Sprache und Kultur hat. Das sieht man darin, dass sehr viele rumänische Kinder den deutschen Kindergarten besuchen. Das Problem beginnt meines Erachtens in der Schule. Nicht überall gibt es Verständnis seitens der Schulleitung gegenüber der deutschen Sprache und es wird einfach kein Deutsch unterrichtet. Ein typisches Beispiel dafür wäre das Wirtschaftslyzeum aus Temeswar, wo man nicht Deutsch als erste Sprache im Lyzeum studiert, unter den Umständen, dass die meisten Investoren im Banat aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz kommen. Die Ausbildung auf Universitätsebene besteht natürlich in Temeswar und auch sonst im Banat fort.
 
Die Bakkalaureatsergebnisse sind in diesem Jahr landesweit schwach ausgefallen. Hat das sich auch auf die Einschreibungen für den Studiengang ausgewirkt?
Dieses unerwünschte Resultat hatte meines Erachtens keine direkten Konsequenzen für die Germanistik bzw. für das Deutschstudium. Denn die deutschsprachigen Lyzeen aus dem Banat haben relativ gut das Bakkalaureat bestanden. Von dieser Perspektive aus gibt es keine negativen Konsequenzen für das Studium der Germanistik.
Wie viele haben sich dieses Jahr eingeschrieben?
Es haben sich für die Verhältnisse heutzutage in Rumänien relativ viele Studentinnen und Studenten eingeschrieben. Wir haben zwei Sektionen: die traditionelle Sektion, die philologisch ausbildet, heißt „Sprachen und Literatur“. Wir haben im Rahmen dieser Abteilung noch sieben gebührenfreie und zehn gebührenpflichtige Plätze für die Aufnahmeprüfung im September. Es gibt dann noch eine sprachangewandte Sektion. Im Rahmen dieser Sektion gibt es allgemein 50 gebührenfreie Plätze und die wurden alle belegt, aber es gibt für sämtliche Sprachen, einschließlich Französisch und Englisch, nicht nur für Deutsch, noch 24 gebührenpflichtige Plätze für die Aufnahmeprüfung im September.
 In Deutschland wird oft von Trends bei der Studienauswahl gesprochen. Das Interesse an Germanistik schwankte über die Jahre. Einmal war sie überaus beliebt, dann flaute das Interesse ab. Kann man bei uns das gleiche Phänomen beobachten?
Ich glaube, Jahrzehnte lang war das Interesse für die Germanistik in Temeswar konstant. Ich kann nicht sagen, dass dieses Interesse jetzt nicht mehr dasselbe ist, wie vor einigen Jahren. Wenn man die Umstände in Betracht zieht, dass jetzt deutschsprachige Studiengänge in den verschiedenen rumänischen Städten angeboten werden – in Arad, in Großwardein/Oradea, in Baia Mare. Andererseits studieren auch viele ehemalige Lenauschüler in Deutschland oder in Österreich. Von dieser Perspektive aus gibt es natürlich ein geringeres Interesse für das Studium der Germanistik in Temeswar. Eine Tatsache, die ich unberechtigt finde, da wir 13 promovierte Fachleute am Lehrstuhl haben. Eine solche Qualifikation gibt es eigentlich nirgends im westlichen Teil Rumäniens. Aber ich glaube, für die Kandidatinnen und Kandidaten zählt nicht die Ausbildung der Fachleute, sondern das Finanzielle.
 
Vielen Dank für das Gespräch. 
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