Lektüre-Stunde ab Herbst

Die Jugendlichen lesen, aber nur die Hälfte von ihnen versteht das Gelesene.
Unterrichtsministerium will Schüler zum Lesen bringen
Von Raluca Nelepcu und Melinda Tarîta
Eine obligatorische Lesestunde soll ab kommendem Schuljahr in allen Grundschulen von Rumänien eingeführt werden. Dies schlug vergangene Woche in Suceava die Staatssekretärin im Unterrichtsministerium Oana Badea vor. Dieser Überlegung liegt eine Umfrage zugrunde, die ergab, dass einer von zwei Jugendlichen im Alter von 15 Jahren zwar liest, aber kaum etwas vom Gelesenen versteht. Bis 2020 muss die Situation des rumänischen Unterrichts verbessert werden, sieht die Europa-Strategie vor. Dazu gehören unter anderen die Reduzierung der Fälle von vorzeitigem Schulabbruch und die Notwendigkeit, dass mehr Schüler die Grundschule abschließen.
Die obligatorische Lektüre-Stunde soll in den Klassen I – VIII eingeführt werden. Nicht nur bei Fächern wie Rumänisch oder Deutsch bzw. Muttersprache, sondern auch bei Mathematik, Physik, Chemie, denn auch hier gibt es zahlreiche Fälle, in denen die Schüler zwar die Aufgaben lesen, aber sie inhaltlich nicht erfassen können. Gründe für die Lücke im Leseverständnis gibt es reichlich. Zum Einen sind es die fehlenden Vorbilder in der Familie, andererseits die falschen Lektürevorschläge in der Schule – viel zu schwierig, langweilig oder altersunangepasst.
„Ich sehe gerade bei meinem Sohn, der aus einem Ferienheft Texte lesen soll, wie z.B. ´Odinioara´/Ehemals von Barbu Stefanescu-Delavrancea… Da gibt es Sätze wo ich bei manchen Wörtern selbst nachsehen musste, was sie bedeuten. Und dazu noch inhaltlich total pessimistische, traurige Texte. Da frage ich mich: Ist das die richtige Lektüre für einen Elfjährigen? Dann soll man auch nicht staunen, wenn man sie entmutigt, weiterhin zu lesen“, sagt Astrid Otiman, Deutschlehrerin am Nikolaus-Lenau-Lyzeum in Temeswar/Timisoara.
Die Hälfte der rumänischen Jugendlichen im Alter von 15 kann nicht richtig lesen. „Eigentlich hätte man früher schlussfolgern müssen, dass es in diesem Bereich Probleme gibt. Die peinlichen Ergebnisse der Pisa-Studie waren ausschlaggebend“, sagt Viorica Rosu, Inspektorin für Deutsch, auf Anfrage der BZ. Und weiter: „Für mich ist ein Argument mehr die Tatsache, dass sogar ´gut gedrillte´ Schüler Schwierigkeiten bei der Landesprüfung mit den Anforderungen der Themen haben. Sie haben schlicht keine Geduld, die Übung zu Ende zu lesen. Und, wenn sie es trotzdem tun, verinnerlichen sie den Text nicht und beantworten oft nur zum Teil die Frage. Das ist typisch!“ Die Einführung einer Lektüre-Stunde findet die Deutsch-Inspektorin als passend, denn immerhin sei Privatlektüre zu einer Seltenheit geworden.
„Die Lesestunden würde ich als Lektürestunden verstehen, die in manchen Fällen nötig sein könnten. Der Lehrer muss sich nämlich an der Klasse orientieren, ob man das laute Lesen und Vortragen üben muss, ob es um Leseverstehen als solches gehen soll, oder ob man bestimmte Lektüren auswählt, um unterschiedliche Sprachschichten oder Wissensbereiche abzudecken. Bei leistungsstarken Schülern würde eine normale Lesestunde sehr langweilig sein, bei Problemkindern hingegen nicht schlecht, wobei man bei großen Klassen schwer genau überprüfen kann, ob jeder Schüler auch wirklich versteht, was er liest“, sagt Lorette Br²diceanu-Persem, Deutschlehrerin an der Nikolaus-Lenau-Schule in Temeswar. Gute Schüler könnten die Möglichkeit haben, die Stunde frei zu gestalten, zum Beispiel durch stilles Lesen außerhalb des Klassenraums, durch gegenseitiges Vorlesen interessanter Informationen oder durch Schüler-Lesungen, schlägt die Lehrerin vor. „Dass man aber eine Lesestunde einschaltet, nur um sicher zu gehen, dass der Schüler überhaupt wenigstens eine Stunde pro Woche ein Buch in der Hand hält, ist kaum eine Lösung als Ersatz für individuelles Lernen oder Mithilfe seitens der Eltern“, sagt Lorette Br²diceanu-Persem.
Die Lesestunde soll attraktiv sein, meinen die Lehrer. „Statt Auszüge aus etablierten Texten der nationalen Literatur oder Weltliteratur, lieber frische, aktuelle, lesefreundliche Texte, die den Kindern und Jugendlichen gefallen und sie zum Lesen bringen. Nach dem Lesen muss natürlich die Diskussionrunde folgen, wobei verschiedene inhaltliche und formale Aspekte besprochen werden“, schließt Deutschlehrerin Astrid Otiman.
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