Vielerlei Gefälle am Ufer der Temesch

In den ehemaligen Häuschen zur Zollabfertigung an den Brückenköpfen sind heute kleine Läden untergebracht.
Deutsche Investitionen für den Aufwind
Von Siegfried Thiel
 Er hatte schon recht, der Bürgermeister von Lugosch/Lugoj, Francisc Boldea, als er den deutschsprachigen Investoren und Werksleitern aus Westrumänien seine Stadt auch mit dem Hinweis interessant  machen wollte, dass die Bevölkerung zu 55 Prozent aus Frauen besteht. Als wolle man dies bestätigen, stehen auf engstem Raum zwei Handelseinrichtungen mit Frauennamen: Im „La Maria“ werden Waschpulver, Haushaltsgüter und Unterwäsche zu „Bombenpreisen“ – so die Werbung – verkauft, zwei Häuser weiter wird im „La Dana“ das Tagesmenü angeboten. Trotz schmackhafter Speisen und kühler, preiswerter Limonade musste Dana – das überschriebene Plakat verrät es – mit ihren Preisen pro Menü von 9,50 auf 7 Lei herunter gehen. Beide Einrichtungen liegen im Stadtteil am Gemüsemarkt, da, wo sich tagsüber vor allem ärmere Bürger und Bauern aus der Umgebung aufhalten. Verwinkelte Gässchen, Plunder und Ramsch in den kleinen Läden – zum Teil auf dem Gehsteig ausgestellt – erinnern streckenweise an Filme über die 40er Jahre und der westeuropäische Werbeslogan der 70er „Alles unter einem Dach“ erhält eine völlig neue Dimension.
Investoren machen den Unterschied
Die (positive) Kehrseite der Medaille sind die Investoren – viele aus dem deutschsprachigen Raum – die auf den Industriegeländen stillgelegte Werkshallen renovieren, oder auf grüner Wiese neue Produktionsstätten aufbauen. Dass die Wirtschaft anzieht und der Brand-Name „Eybl“ erneut in der Spur ist, zeigt allein schon die Tatsache, dass Werksleiter Ernst Holzheimer, einer, der sich infolge seines beruflichen Werdegangs als „Spezialist für Investitionen auf grüner Wiese“ bezeichnen könnte, in angemieteten Räumlichkeiten die Produktion führt, und daneben eine neue Halle renoviert. Zu schnell ging es wohl mit der Niederlassungs-Expansion von Eybl Romania, die seit der Übernahme durch Prevent auch außerhalb von Detta investiert. Jahre lang hatte die ehemalige Betriebsleitung von Eybl in Österreich die Verlagerung eines Teils der Produktion über den rumänischen Hauptsitz Detta hinaus ins Auge gefasst. Realisiert wurde sie jetzt von der deutschen Prevent-Gruppe.
Unter zwei Prozent liegt die Arbeitslosenrate in Lugosch, eine Gefahr für die Belegung von künftigen Arbeitsplätzen sieht der Eybl-Personalchef Dan Cristiu nicht. Gute Bezahlung, ein stabiler Arbeitsplatz und die Tatsache, dass „wir Personal aus den Gemeinden der Umgebung anwerben“, sind die Argumente, dass er in seinem Job gelassen bleibt. Und weil von Argumenten die Rede ist: Auf seinem Tisch stapeln sich Anträge für Jobs aller Art, auch wenn Eybl keine diesbezüglichen Stellen ausgeschrieben hat.  Vor Kurzem wurde der Bürgermeister von Lugosch, Francisc Boldea, 63 Jahre alt. Mit 64, also im kommenden Jahr, strebt der ehemalige Schulinspektor und Schulleiter eine zweite Amtszeit an. „Meine bisherigen Realisierungen und die Tatsache, dass man in vier Jahren nicht alle Projekte abschließen kann“, so argumentiert Boldea, warum er im kommenden Sommer erneut für Amt des Stadtoberhauptes kandidieren wird und warum er glaubt, dass er die Wähler auf seiner Seite haben kann. Der PSD-Bürgermeister findet, dass die Abgeordneten im Kommunalrat seine Ideen gut finden und deshalb vorwiegend dafür stimmen, „weil meine Vorschläge im Sinne der Lugoscher sind“. Allein seinem Vorgänger, Marius Martinescu, aus der PDL schickt er Kritik hinterher. („In den zwölf Jahren seiner Amtszeit wurde nichts gebaut“.) und auch heute würde Martinescu als Beirat des Temescher Kreisratspräsidenten die Stadt Lugosch so gut wie gar nicht unterstützen. Dass er selbst einen großen Nachteil hat, da er in den drei Jahren seines Amtszeit so gut wie immer der Oppositionspartei angehörte, stört Boldea angeblich weniger. „Es ist schwieriger, aber auch interessanter, man kann sich einfach selbst testen“, sagt Boldea. Er habe gute Beziehungen zum Kreisrat und zur Präfektur und bis hin zu Staatssekretären. „Allein die Kontrollgänge von befugten Behörden waren häufiger, wurden jedoch nicht übertrieben durchgeführt“, sagt Boldea.
Seite und Kehrseite von Lugosch
Hohen Wert legt der Bürgermeister auf die Präsenz deutscher Firmen in Lugosch. „Wir haben die Flagge als europäische Stadt vor allem wegen unseres multikonfessionellen Zusammenlebens erhalten. Deshalb werden religionsübergreifend die Gemeinschaften unterstützt. Im vergangenen Jahr war es unter anderem die Beleuchtung des katholischen Friedhofs. Die Nähe des Bürgermeisters für das Deutschtum und das Deutsche im Allgemeinen geht etwas weiter: „Die deutschen Traditionen werden von allen als gut gesehen“, sagt der ansatzweise deutschsprechende Boldea. „Anfänglich gab es ein Deutsch- bzw. Rumänisch-Lugosch“, zeigt der Bürgermeister die deutsche Prägung der Stadt am Ufer der Temesch/ Timis auf. Nicht zuletzt weist er auf die guten Beziehungen der Stadtverwaltung zum Deutschen Konsulat hin und besonders sei auch „die gefühlte Nähe des Konsulats zur Stadt“.
Die Stadtpromenade mit ihren Blumen, die kleinen Läden für die Mittel- und Oberschicht und die Gartenterrassen haben einen mondänen Anstrich. Nur wenige Besucher sitzen jedoch auf den Bänken oder Terrassen der Restaurants und Cafés – das Verhältnis zwischen Preisen und Einkommen ist einfach zu groß.
Am Marktplatz herrscht weiterhin reges Treiben. Manch einer hat begonnen, seine Ware in den Allzweckladen einzuräumen und im Café drängen sich die Besucher, die den Platz eingenommen haben, an dem sich am Nachmittag zeitweilig sogar vier Polizisten auf einmal bei einem Becher Kaffee labten. Daneben wird in einem kleinen Schaufenster in schlichter Aufschrift Personal gesucht. „Es wie ein Teufelskreis. Hierher kommen meist arme Leute, deshalb bleiben die Preise niedrig, das Personal wird schlecht bezahlt“, sagt eine Verkäuferin. Genannt will sie nicht werden und geantwortet hat sie nur, weil sie – nicht üblich bei ihrer Kundschaft – Trinkgeld erhalten hat.
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