Klein, aber aktiv

 
Die jüdische Gemeinde aus Temeswar hat ihren Sitz in der Gheorghe-Lazar-Straße Nr. 5.
 
Jüdische Gemeinschaft pflegt Sprache und Kultur
Im nächsten Jahr findet die nächste Volkszählung statt. Besonders kleinere Minderheiten schauen in eine ungewisse Zukunft. Auch die deutsche Minderheit ist in den letzten Jahren geschrumpft. Während in den 1990er Jahren noch die Auswanderung nach Deutschland den wichtigsten Faktor darstellte, ist heute das fortgeschrittene Alter der Deutschen ein Problem. Doch während man die Anzahl an Deutschen auf ein paar Tausend in Temeswar/Timi{oara schätzt, gibt es Minderheiten, deren Zahl wesentlich geringer ist. Eine solche Minderheit ist die jüdische Gemeinschaft aus Temeswar.
In der Zwischenkriegszeit lebten in Temeswar über 13.000 Juden. Die Stadt an der Bega zählte damals 80.000 Einwohner. Die Präsenz der jüdischen Minderheit war also recht groß. Heute besteht diese Gemeinschaft nur noch aus rund 600 eingeschriebenen Mitgliedern. Wie viele Minderheiten des Banats stellen auch die Juden eine aussterbende Minderheit dar. Luciana Friedmann ist seit 2010 die neue Vorsitzende der jüdischen Gemeinde aus Temeswar. Friedmann studierte in Temeswar Journalistik an der West-Universität. Ihr Vorgänger Paul Costin hat Jahrzehnte lang die Stelle des Vorsitzenden inne gehabt. Als junger Student kam Costin in den 1950er Jahren nach Temeswar, um für die Gründung einer Medizinhochschule zu werben. Er zählte zu den ersten Studenten dieser Hochschule und blieb Temeswar bis heute treu. Grund dafür war neben dem Beruf besonders seine Frau, die er im Banat kennengelernt hatte. Ihre Liebesgeschichte klingt ungewöhnlich, besonders aufgrund ihrer Herkunft. Costin verliebte sich in eine Schwäbin und heiratete sie schließlich trotz der Einwände ihrer Eltern. Costin zweifelt jedoch daran, dass es zur Zeit in Temeswar mehr als 300 eingeschriebene Mitglieder gibt.
Doch trotz der spärlichen Anzahl ist die Gemeinde noch aktiv. Weil mehr als 200 Mitglieder über 60 sind, ist Friedmann um Angebote für die älteren Mitglieder bemüht. Durch soziale Hilfsprogramme und die Errichtung eines Seniorenzentrums möchte man die älteren Mitglieder zusammenführen. Mit dem Dahinscheiden des Rabbiners Ernest Neumann hat die jüdische Gemeinde aus Temeswar ihren religiösen Vertreter verloren. Seit seinem Tod 2004 hat kein Nachfolger seinen Platz eingenommen. Bei der niedrigen Anzahl an Juden wird auch in Zukunft niemand eine Nachfolge antreten. Von den drei bestehenden Synagogen in Temeswar werden Gottesdienste nur noch in der Josephstadt abgehalten. Die Synagogen aus dem Stadtzentrum und aus der Fabrikstadt wurden an andere Kultureinrichtungen übergeben. Das Nationaltheater möchte die Synagoge aus der Fabrikstadt in einen Theatersaal umbauen. Die Banater Philharmonie nutzt die Synagoge aus dem Stadtzentrum für Konzerte. Meistens steht aber das historische Gebäude leer. Kulturell arbeitet die jüdische Gemeinde besonders mit dem Französischen Kulturinstitut, den Universitäten der Stadt, dem Kunstmuseum und dem Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus zusammen. Kürzlich wurde auch das Deutsche Konsulat als Kulturpartner gewonnen. Gemeinsam mit dem Kulturinstitut möchte das Deutsche Konsulat und die jüdische Gemeinde eine Lesung veranstalten, die dem rumäniendeutschen Schriftsteller Paul Celan gewidmet ist. Celan wurde in Czernowitz  in einer deutschsprachigen jüdischen Familie geboren. Seine Eltern starben in deutschen Konzentrationslagern und er wurde in verschiedenen rumänischen Arbeitslagern festgehalten. Sein Holocaustgedicht „Todesfuge“ gehört zu den bekanntesten lyrischen Werken des 20. Jahrhunderts.
Mit dem Kunstmuseum hat die jüdische Gemeinde im vergangenen Jahr elf israelische Tage organisiert. Die Veranstaltungsreihe wird auch in diesem Jahr im Herbst stattfinden. 
Genau wie die deutsche Minderheit ist auch die jüdische darum bemüht, die Sprache zu erhalten. Weil Hebräisch eher in religiösen Zeremonien und Gottesdiensten gesprochen wird, kennt die Jugend die Sprache nicht. Die Gemeinde veranstaltet zweimal wöchentlich Sprachkurse für Interessenten. Zu den Teilnehmern dieser Kurse zählen aber nicht nur Juden, sondern auch Personen, die einer anderen Ethnie angehörig sind. Die Sprache ist ein wichtiges Bindeglied zu Israel. Viele junge Juden sehen im Erlenen der Sprache eine Chance, nach Israel auszuwandern. Ältere Mitglieder können auch die Jiddische Sprache sprechen. Auch Paul Costin kann sich problemlos auf Jiddisch unterhalten.
Einmal pro Woche trifft sich auch der Laienchor der Gemeinde, der von dem Lehrer Alexander Fischer geleitet wird. Seine Schwester Regine Fischer ist vor einigen Jahren nach Israel ausgewandert. Sie stellt eine der wenigen Ausnahmen dar. Heute wandern fast keine Juden mehr aus. Die letzte große Auswanderungswelle war Anfang der 1990er Jahre. Bevorzugte Länder waren Deutschland, Kanada, die Vereinigen Staaten und Israel.
Dass fast keiner heute mehr auswandert, hängt besonders vom fortgeschrittenen Alter der Mitglieder ab. Doch die Gemeinde rühmt sich auch mit ihren jungen Mitgliedern. 10 bis 15 Jugendliche beteiligen sich konstant an den Kulturprogrammen der Gemeinde.
Robert Tari
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