Der Heilige Geist hat den Domplatz verlassen

270 Jahre schwebte der Heilige Geist, Teil der Heiligen Dreifaltigkeit, als Taube über den auf der Dreifaltigkeitssäule sitzenden Gott Vater und Gott Sohn. Golden glänzend überstrahlte die Taube den Domplatz von Temeswar/Timisoara. Sie ist weg, hat die Gottheiten verlassen, ist einfach davon geflogen. Ob vor Ärger über den aus großen Lautsprechern dröhnenden Lärm, der bis spät in die Nacht währt und den Domplatz in einen Rummelplatz verwandelt, ob sie sich einfach mal die Freiheit nahm, die andere hunderte Tauben auf dem Domplatz genießen, einfach herum fliegen und turteln? Wir wissen es nicht. Die Taube ist weg und mit ihr auch der Strahlenkranz, einfach weg.
Von Herumstreunen satt, ist die Taube dann doch wieder aufgetaucht. Im Kunstmuseum ist sie erschienen, wollte wieder auf ihren Ehrensitz über dem Domplatz. Dort war man nicht zuständig, da es eine geistliche Taube ist. Wollte sie zur Geistlichkeit, zur katholischen Diözese. Für die ist die Taube einfach Teil eines Denkmals, eines geschützten Denkmals, das der Stadt Temeswar gehört. Dort ist man aber nicht an solchen Denkmälern interessiert. Wäre man dies, säße die Taube noch immer an dem ihr gehörenden Ehrenplatz, denn es war dort schon seit fünf Jahren bekannt, dass die Taube auf  lockeren Füßen stand und davon fliegen könnte.
Damals flog ein Werbeluftballon der Alphabank über die Köpfe Tausender Zuschauer auf dem Domplatz. Fatalerweise war die Taube mit Stahlstiften fest in der Säule verankert, wegfliegen oder abtauchen ging nicht. Der Ballonkorb verfing sich im Strahlenkranz der Taube, bog den Metallaufbau um und zog die Säule aus der Senkrechten. Kein Problem, der  Schadensverursacher, die Alphabank machte sich ja nicht davon. Sie verpflichtete zwei Bergsteiger, die Seile am Strahlenkranz und am oberen Säulenende befestigten, mit Menschenmasse wurde auf Hauruck die Steinsäule fast wieder in die Senkrechte gebracht, Strahlenkranz und Taube blieben verdreht und schräg auf dem Sockel. Bis der Taube die Position missfiel und sie davon flog.
Natürlich gab es welche, die forderten, der Schaden sei fachgerecht zu beheben. Von Sachkundigen kamen Gutachten: nicht nur der Metallaufbau war verbogen, auch in der Säule waren Risse entstanden. Briefe gingen an die Stadt, an die Präfektur und an die Bank. Eine hochrangige deutsche Politikerin wurde eingeschaltet. Vergebens: kein Verantwortlicher wollte einen Finger krumm machen, damit die Taube wieder gerade steht.
Die Taube ist davon, die Säule zerfällt. Mitleidig sind sie, die Neutemeswarer. Seit fast 300 Jahren steckten dem Hl. Sebastian auf dem Sockel der Säule Pfeile im Bein. Diese haben jetzt barmherzige und mitfühlende Temeswarer herausgezogen. Den Hl. Rochus hat man von der Bürde seines vergoldeten Schäferstabes befreit. Allein bei Karl Borromäus ist es nicht gelungen, ihn von der Last seines Kreuzes zu befreien. Krampfhaft hält er weiter das verbogene Kreuz in seiner Linken.
In der Barockzeit geschaffene Dreifaltigkeitssäulen gibt es in ganz Mitteleuropa. Große, von bekannten Künstlern geschaffene Dreifaltigkeitssäulen zieren Wien, Salzburg, Innsbruck, Prag, Pressburg, Krakau, Budapest und Agram. Hunderte befinden sich in Österreich, Böhmen, Mähren, Schlesien, Ungarn, Kroatien und auch im Banat in kleineren Städten und Dörfern. Es sind Zeugen der Glaubenseinheit und Kulturgemeinschaft Mitteleuropas, zu der scheinbar die dafür Verantwortlichen in Temeswar nicht mehr gehören.
Peter Krier
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