„Der Zuschauer soll mit Fragen nach Hause gehen“

Claudia Ieremia ist eine der beliebtesten Temeswarer Schauspielerinnen.
Gespräch mit der Schauspielerin Claudia Ieremia
 Als Kind wollte sie Verkäuferin werden. Aber nur von Süßigkeiten oder in einem Schmuckladen. Statt dessen wurde sie eine der besten Schauspielerinnen in Temeswar/Timisoara. Bereits als Schülerin entdeckte Claudia Ieremia (37) den Theaterkreis im Kulturhaus in Szeklerburg/Miercurea Ciuc. Und da kam es dazu, wie es immer wieder der Fall ist: Das Hobby wurde zur Leidenschaft. Sie absolvierte die Theaterhochschule in Neumarkt/Târgu-Mures und zog nach Temeswar/Timisoara. Die Temeswarer Theaterfreunde  kennen sie aus den Vorstellungen „Das ist die Frau, die ich liebe“ von Camil Petrescu, „Das Wintermärchen“ von William Shakespeare oder „Die Krankheit der Familie M“. Über Theater, Leidenschaft und ihre Karriere sprach die BZ-Redakteurin Ana Saliste mit Claudia Ieremia.
 Bei der letzten Vorstellung „Das ist die Frau, die ich liebe“ von Camil Petrescu mussten Sie in die Rolle von zwei gegensätzlichen Frauengestalten schlüpfen. Einerseits die verführerische Kabarett-Sängerin Bella Zadu, andererseits die verliebte und schüchterne Zwillingsschwester Ana Zadu. Die zwei erweisen sich zuletzt als eine einzige Person. Wie schwer war es, diese Rollen parallel aufzubauen?
 Es war ziemlich verwirrend, weil es am Anfang zwei Gestalten sind. Erst zum Schluss soll der Zuschauer verstehen, dass es sich eigentlich um eine einzige Person handelt. Die Geschichte ist ziemlich kompliziert, man muss sie aber für den Zuschauer vereinfachen. Das ist die Arbeit des Schauspielers und dafür muss er an den Einzelheiten feilen. Zum Schluss ist immer noch nicht alles klar, aber das ist auch Sinn der Sache. Ich mag es nicht, den Punkt zu setzen. Der Zuschauer soll mit offenen Fragen nach Hause gehen.
 Welche der beiden Rollen fanden Sie am schwierigsten?
Bella respektiert einen Prototyp, ein vorgeschriebenes Rezept. Sie ist die verführerische, charmante Sängerin, die man aus Filmen kennt. Daher ist es bei ihr ein bisschen leichter. Sie muss schön sein, singen können, flirten usw. und da helfen mir auch das Kostüm und die Perücke. Schwierigkeiten hatte ich bei Anna, auch wenn die Gestalt vielleicht etwas fade zu sein scheint. Ich glaube, ich mag Anna mehr, wenn sie die charmante Bella nachzuahmen versucht.
 Sie haben das Stück zweimal gespielt, es wird im Herbst, in der neuen Spielzeit, wieder aufgenommen. Basteln Sie an der Rolle von einer Vorstellung zur anderen?
Bestimmt. Bei der Premiere sind alle Schauspieler viel zu aufgeregt, es ist der erste Kontakt mit dem Publikum, die Nervosität ist groß. Eine Vorstellung muss aber mit der Zeit reifer werden, sie muss wachsen. Und das schafft man nur, wenn man sie öfter spielt.
 Sie hatten die Erfahrung mit der Aufführung „Der anonyme Venezianer“, eine Vorstellung des Arader Nationaltheaters, die sechs Jahre lang gespielt wurde.
Das war für mich eine der besten Berufserfahrungen. Es gibt da einen Wendepunkt, wo du die Gestalt nicht mehr ausstehen kannst. Du willst die anderen Schauspieler nicht mehr sehen. Aber man muss diese kritische Phase überwinden können. Das schafft man mit Hilfe der anderen. So kannst du neue Sachen entdecken, im Text, an der Gestalt, im Partner. Da wird auch die Aufführung komplexer, du greifst tiefer in das Innere der Gestalt ein.
 Sie haben das Stück „Die Krankheit der Familie M“, unter der Spielleitung von Radu Afrim, zehn Tage lang in Paris gespielt. Jeden Abend. Wie groß ist da die Anstrengung?
Es ist eine Erfahrung, die man als Schauspieler unbedingt machen soll. Ich wünsche mir, dass alle meine Kollegen so etwas erleben. Im Westen ist es so, dass sie jeden Tag dieselbe Aufführung spielen, solange sie sich verkauft. Erst nachher wird ein anderer produziert. Es ist nicht wie bei uns: Wir bringen mehrere Vorstellungen auf und spielen mal die eine, mal die andere. Es ist natürlich anstrengend, egal, wie man es macht. Nach zehn Tagen war ich sehr müde, aber wir spürten, wie wir von Tag zu Tag, von einer Vorstellung zur anderen, immer besser wurden.
Jeder Schauspieler hat seine eigenen Gewohnheiten, bevor er vor das Publikum tritt. Welche sind Ihre?
Ich habe diese Leute immer bewundert. Kollegen, die vor der Vorstellung allein sein wollen, Schauspielerinnen, die sich mit ihrem Lieblingsparfüm bespritzen usw. Ich nehme mir immer vor, allein zu sitzen und schaffe das nie. Ich bin furchtbar aufgeregt, besonders vor den Premieren. Ich trinke viel Kaffee, spreche sehr laut, lache viel. Wenn ich eine Perücke tragen muss, dann verlange ich zwanzig Haarklammern, auch wenn ich nur sechs brauche. Das war der Fall bei ´Das ist die Frau, die ich liebe`, zum Beispiel. Hier war ich aufgeregter denn je. Aber zum Glück kennen mich die Kollegen schon und wissen, wie sie mit mir in solchen Momenten umgehen sollen.
Welche ist Ihre Stärke?
Die Tatsache, dass ich mich selbst beiseite lassen kann. Ich habe nicht das Bedürfnis, ich selbst auf der Bühne zu sein. Es sind Schauspieler, die das bei jeder Rolle machen: Sie bringen ihre Persönlichkeit in den Vordergrund. Das tue ich nicht. Einerseits, weil ich keine komplexe Persönlichkeit habe, die so viele Gestalten decken kann. Andererseits, weil ich es genieße, jemand anderer auf der Bühne zu sein. In eine andere Gestalt zu schlüpfen und deren Persönlichkeit freien Lauf zu lassen. Daher wurde mir immer wieder gesagt, dass ich in jeder Rolle natürlich wirke. Und da fällt mir eine Geschichte als Erklärung ein: Ich habe mir einmal eine Ballettaufführung angeschaut mit einer wunderbaren, zierlichen und eleganten Tänzerin. Sie wirkte so natürlich, dass ich plötzlich das Gefühl hatte, das kann ich auch machen, ich kann auch so tanzen. Da habe ich begonnen, durch das ganze Haus zu tanzen. Da liegt das Geheimnis: Die Sachen einfach darzustellen, auch wenn harte Arbeit dahinter steckt. Dazu braucht man Talent, Arbeit, schlaflose Nächte.
Sie haben über 40 Hauptrollen gespielt. Inwiefern können Sie auch kleine Nebenrollen aufbauen?
Ich war irgendwie verwöhnt. Ich hatte bereits als Studentin aufwendige Rollen bekommen. Oft ist es schwer, denn dann hängt die Vorstellung sehr viel von deiner Gestalt ab. Ich muss aber leider zugeben, dass ich mit Nebenrollen nicht viel anfangen kann. Ich habe da das Gefühl, ich muss mehr sagen, als es die Rolle erlaubt. Da kann es passieren, dass du drei Stunden auf der Bühne sitzt und alles gibst und derjenige, der nur fünf  Minuten auftaucht, einfach besser wirkt.
Sie spielen kaum Komödien.
Ja, ich habe jahrelang versucht, dies zu vermeiden. Ich dachte, ich kann das nicht. Aber jetzt zum Beispiel proben wir ´Ein verlorener Brief´ von Caragiale und ich muss Zoe spielen. Damit quäle ich mich jetzt. Ich war ja ziemlich erstaunt, dass ich diese Rolle bekommen habe, aber bestimmt hat Regisseurin Ada Hausvater etwas mit mir vor. Die Premiere ist für den 22. September vorgesehen.
Sie haben in mehreren rumänischen Filmen gespielt. Dafür mussten Sie oft nach Bukarest zu den Proben fahren. Wie sieht es bei Ihnen aus mit der Verlockung, nach Bukarest zu ziehen?
Ich habe diese Verlockung immer wieder gespürt, aber sie war nie stark genug, um diesen Schritt auch zu machen. In Temeswar kann ich mehr spielen und das ist ja mein Ziel. Ich will nur meinen Beruf ausüben. Aber es tut mir gut, ab und zu in die hektische Welt Bukarests einzutauchen. Ich weiß aber nicht, ob ich dort langfristig aushalten würde. Aber eine Bukarester Infusion tut ab und zu gut.
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