Pflichtversicherung: Unklar und kontrovers

Verheerende Überschwemmungen hatten Mitte vergangenen Jahrzehnts das Banat heimgesucht. Trotzdem sind viele Häuser der Dorfbewohner bis heute nicht versichert.
Jeder interpretiert sich seine Variante zusammen
 Von Siegfried Thiel
So ganz klar ist es für die Rumänen in Sachen Versicherung längst nicht. Kein Wunder also, dass nur 6,61 Prozent der Wohnungsinhaber eine Pflichtversicherung gegen Erdbeben, Erdrutsch und Überschwemmung abgeschlossen haben. Bei etwa 8,4 Millionen Wohnungen ist das herzlich wenig. Der 70 Jahre alte Bauer Ion Duma ist verblüfft: Wird die Hausversicherung nicht zusammen mit der Gebäudesteuer bezahlt? Mit seinem Wissen ist ihm die Zeit um mehr als 15 Jahre voraus, denn in der ersten Hälfte der 90-er Jahre wurde diese Versicherung – wohl aus Wahlgründen – gestrichen. Seitdem ist jedoch die Zahl der Naturkatastrophen erheblich gestiegen und jeder, der sein Haus verlor, wartete auf Almosen vom Staat und von Hilfsorganisationen. R.M. glaubt, er sei der Pflichtversicherung enthoben, weil er ja auf eigene Initiative eine Versicherung abgeschlossen hat. Beide liegen falsch – dies geht zumindest aus einer Antwort auf unsere Nachfrage bei der Vereinigung der Pflichtversicherungsgesellschaften PAID hervor. Eine private Versicherung enthebt den Bürger nicht vom Abschluss einer Pflichtversicherung. Soweit alles klar, bis der PAID-Vorsitzende Marius Bulugea nur wenige Tage nach dem Eingehen der Antwort auf unsere Nachfrage sagt, dass abgeschlossene Versicherungen – auf die drei Hauptrisiken festgelegt – als Ersatz für eine Pflichtversicherung gelten.
 Endloser Fristaufschub
Seit Mitte vergangenen Jahres, als die ersten Versicherungspolicen zum Verkauf standen, regnet es mit Unklarheiten, Widersprüchen und Änderungen. Für den gemeinen Bürger war es immer ein Dilemma, bis wann er die Police gekauft haben musste und ab wann er wegen Fehlens einer solchen dafür belangt werden könnte. Zunächst sollte jedem Bürger in Rumänien eine Frist von sechs Monaten gewährt werden, in der er eine Pflichtversicherung – vom Baumaterial abhängig – im Gegenwert von 10 bzw. 20 Euro/ Jahr abschließen sollte. Als Mitte Januar nur wenige Versicherungen abgeschlossen waren, legten die zuständigen Behörden einen weiteren Monat drauf, um dann die Frist auf den 15. Juli hinauszuschieben. Damit wäre eine Zeitspanne von einem Jahr erreicht, in der jeder der mehr als acht Millionen Wohnungsbesitzer eine Pflichtversicherung haben muss. PAID und Regierung äußerten sich zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedlich, ob eine auf Eigeninitiative abgeschlossene Versicherung (wohlgemerkt: auf die Grundrisiken Erdbeben, Erdrutsch und Überschwemmung bezogen) von einer Pflichtversicherung gedoppelt werden muss. Eines hatten alle Zuständigen jedoch immer betont: Wer nicht versichert ist, wird bereits nach in Kraft treten des Gesetzes (15. Juli 2010) nur dann nach einer Naturkatastrophe entschädigt, wenn dies über eine Versicherung erfolgt. Trotzdem hatten nur wenige die Warnungen ernst genommen, auch wenn die letzten Jahre gezeigt hatten, dass der Staat bei Naturkatastrophen nicht mehr für die Errichtung neuer Wohnungen aufkommen kann.
 Widerspruch selbst bei PAID
Interpretationen waren jedoch durch den gegebenen Wirrwarr an Informationen vorprogrammiert und jeder nahm sich aus dem Kontext, was er am liebsten gehört hätte: „Noch ist Zeit für eine Versicherung“. Dass die Behörden noch von Strafgeldvergabe abgesehen haben, ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Bürger sonst mit ihrem Bußgeld in der Hand Schlange stehen würden. Wohlgemerkt, dass Mitte Juni nur jeder 15. Wohnungsbesitzer eine Pflichtversicherung bei den 13 dazu befugten Versicherungsgesellschaften abgeschlossen hatte. Im Klartext: Jeder Wohnungsbesitzer müsste derzeit längst eine Pflichtversicherung in der Tasche haben. Das Gesetz traf Mitte Juli vergangenen Jahres in Kraft, doch die Informationen waren eher dürftig und auch sonst tun sich die Versicherungsgesellschaften und die Vereinigung PAID schwer mit der Kommunikation. In den regionalen Niederlassungen wird man höflich aber bestimmt an die Bukarester Zentrale verwiesen. Immer wieder tat sich die Frage auf, warum denn die Banater Zeitung von PAID andere Informationen erhalten hatte, als sie PAID-Präsident Marius Bulugea im öffentlich-rechtlichen Rundfunk im O-Ton zum Besten gegeben hatte. Eine Versicherungsvertreterin sagt dann vertraulich der Banater Zeitung: „PAID hat Ihnen die Grundidee des Pflichtversicherungsgesetzes zukommen lassen, all die zusätzlichen und später erschienenen Paragraphen wurden jedoch umgangen“ und eine zusätzlich befragte Person aus dem Bereich meint: „Absichtlich hat PAID nur dürftig informiert, in der Hoffnung, je mehr Kunden an Land zu ziehen, Bulugea konnte im Originalton wohl nur schwer die Wahrheit umgehen“.
Grund, warum sich einige Versicherungsgesellschaften dieser Arbeit mit Zehn-Euro-Versicherungen annahmen, ist nicht die Vielzahl von potentiellen Neukunden in diesem Segment: „Wir hoffen, dass wir einem Kunden, der in unsere Büros tritt, auch Versicherungen zu anderen Risiken (Anm.d.Red.: im sogenannten cross-selling-Verfahren) verkaufen können“, sagt eine Versicherungsvertreterin. Unterdessen blicken Bürgermeister und Beamte in Rathäusern nicht gerne auf das, was auf sie zukommen könnte, wenn es für sie obligatorisch wird, durch Strafgelder den Bürger zu einer Pflichtversicherung zu zwingen. Viele Rumänen denken nämlich nicht nur: Es wird schon nichts passieren, sondern ein Temeswarer steht als Paradebeispiel für eine noch ablehnendere Denkweise: „Warum soll ich genauso eine Pflichtversicherung abschließen, wie jemand in einer Gegend, wo häufige Erdbeben, jährliche Überschwemmungen und Erdrutsche vorkommen? Das Risiko zu all diesen Katastrophen ist im Banat und gerade in Temeswar nicht einmal Viertel so groß“. Und deshalb beruhigt er sich gerne selbst: „Glauben Sie, dass sich die Behörden gerade vor einem Wahljahr mit dem Strafzettel an 7-8 Millionen Haustüren stellen?“
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