Frischer Wind im Temeswarer Puppentheater

Die Fassade des Puppentheaters „Merlin“ soll dringend saniert werden.
Die neue Intendantin Èva Iulia Megyes-Lábadi setzt auf moderne Projekte / Von Ana Saliste
Fast jeder Temeswarer ist als Kind mindestens einmal da gewesen, entweder mit der Kindergärtnerin, oder mit den Eltern oder Großeltern: Im Puppentheater „Merlin“ in Temeswar/Timisoara. Denn nur hier kann man so lebhaft böse Hexen, gestohlene Prinzessinnen, tapfere Prinzen, den gestiefelten Kater oder den witzigen Pacala erleben. Das Puppentheater auf dem Tineretii-Boulevard gehört nun mal zu jedermanns Kindheit. Nun stellt sich die Frage, inwieweit sein Charme in einer digitalisierten Welt erhalten geblieben ist. Ein leichter Hauch klassischer Dekadenz umhüllt seit Jahren die sanierungsbedürftige Einrichtung. Nun soll eine neue Intendantin das Repertoire auffrischen: Èva Iulia Megyes-Lábadi verspricht, um Finanzierungsgelder für die Sanierung der Einrichtung zu kämpfen. Das Theater muss ab der neuen Spielzeit lebendiger werden. Das Bühnenbild soll erneuert, neue Märchen inszeniert und mehrere Projekte für Kinder in die Wege geleitet werden. Angestrebt wird auch eine Zusammenarbeit mit der Kunsthochschule Temeswar.
Doru Maniu hat eigentlich eine einfache Art, Kinder zu faszinieren. Dazu braucht er bloß seine Finger zu bewegen. An ihnen hängen Fäden, und an diesen seine hölzernen oder aus Polystyrol  geschaffenen Freunde. „Man muss die Puppen fühlen und dazu braucht man eine gewisse Geschicklichkeit“, sagt der Schauspieler. Leicht geduckt steht Maniu im Theater, neben seinen Puppen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten. Im sanierungsbedürftigen Puppentheater „Merlin“ am  Tineretii-Boulevard Nr. 3 in Temeswar/Timisoara. Hier lässt Maniu immer wieder unterschiedliche Märchengestalten auf der Bühne wackeln: Mal den bösen Wolf aus „Rotkäppchen“, mal den König aus „Schneewittchen“. Seine Finger erzählen Geschichten von bösen Hexen, die die Kinder fangen wollen. Von tapferen Prinzen, die um ihre Prinzessinnen kämpfen. Aber auch vom witzigen Pacala und seinen Abenteuern oder den drei Zicklein aus Ion Creang²s Märchen. Es sind gesungene Erzählungen und gesprochene Märchen, die Maniu nun schon seit 23 Jahren aufführt.
 Nach 20 Jahren: 1.000 Lei Gehalt
Grundsätzlich erwiesen sich die Merlin-Puppenspieler immer wieder als Meister der lässigen Improvisation – als Beispiel dient hier der glitzernde Spiegel aus Schneewittchen, die altmodischen Kleider der Figuren, deren manchmal starre Gesichtsausdruck und Körperhaltung. Aber eben das Unperfekte, das Klassische und Altmodische scheinen der Grund zu sein, warum sich der Charme der alten Inszenierungen bis in die durchdigitalisierte Welt erhalten hat. Ein Triumph, der neben den Puppen und den dem Theater treu gebliebenen Schauspielern auch den meist gewitzten Drehbüchern, der lebhaften Musik  oder dem bunten Bühnenbild zu verdanken ist.
Nur die Frage, inwieweit das in Zeiten von „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“ noch Kinder beeindruckt, bleibt offen. Ein möglich fallendes Interesse weist der Schauspieler Doru Maniu von der Hand: „Puppentheater wird immer lebendig bleiben. Wir pflegen immer zu sagen: Das Figurentheater beginnt dort, wo das normale Theater aufhört. Denn hier können ungewöhnliche Sachen passieren. Jede Figur, jedes Objekt kann lebendig werden“, sagt der 54-Jährige. Das geringe Monatsgehalt – knapp 1.000 Lei – macht ihm nichts aus. Er scheint sich längst damit abgefunden zu haben: „Theater ist meine Leidenschaft. Ich kann nicht anders“, sagt Doru Maniu, der niemals zum Nationaltheater wechseln wollte. Die Liebe zum Theater hat er Ende der 70er bei der Temeswarer Theatergruppe „Thespis“ als Philologiestudent entdeckt.
 Sanierungsbedürftiges Gebäude, wackelige Bühne
Generationen von Temeswarern haben sich die dunkelrote Bühne und den Samt der 160 hölzernen Stühle des Temeswarer „Merlin“-Theaters eingeprägt. Früher kamen sie als Kinder zum Theater, nun als Eltern, die ihre eigenen Kinder begleiten. Sie versuchen, die Tradition zu bewahren und immer sonntags die Puppenvorstellung um 11 Uhr zu besuchen. 2,5 Lei kostet eine Eintrittskarte für Kinder, ein Erwachsenenticket beträgt 10 Lei. Immerhin steht das Gebäude noch da, wie vor 20 Jahren. Diesmal aber verfallener und äußerst sanierungsbedürftig. Die Bühne ist wackelig und bietet Verletzungsgefahren. Daher auch der Banner am Eingang: „Bitte die Bühne nicht betreten. Das Theater macht sich nicht verantwortlich für mögliche Unfälle“. Der Verputz blättert, die Wände brauchen dringend einen neuen Strich. Doch dazu braucht man eine umfangreiche Finanzierung. Dies ist nun die Priorität der Theaterleitung.
Viel Hoffnung liegt in der neuen Intendantin, die seit wenigen Wochen das Amt bekleidet: Èva Iulia Megyes-Lábadi (43) will nun das geringe Budget, das die Kreisverwaltung für die kommende Spielzeit bereits genehmigt hat, noch aufstocken und die Fassade „so schnell wie möglich“ sanieren lassen. Eine genaue Summe will sie nicht nennen. Die 43-Jährige blickt auf eine erfolgreiche Karriere zurück: Sie war Schauspielerin beim „Multicultural Space Theater“ in Ontario, Kanada, und hat auch als Regisseurin beim „Pupilla“-Theater in Slowenien gearbeitet. Zugleich hat sie eine Ausbildung zum Kulturmanager in Kanada gemacht. In Brüssel absolvierte sie eine Fortbildung beim Europäischen Theater „Babel“. Zwischen 1992 und 2004 hat sie die Kindersendung „Der hässliche Zwerg“  (rumänisch: Piticul cel Urât) bei Radio Timisoara produziert. Hier gestaltet sie noch seit 1992 die Sendung „Piti Show“.
 Zusammenarbeit mit Kunsthochschule
Vom Eingehen sei das Puppentheater weit entfernt: „Kinder bleiben Kinder. Sie werden immer das Puppenspiel lieben, solange dies von Qualität ist“, sagt Megyes-Lábadi. Sie werde künftig auch eine Gehaltserhöhung für die Angestellten der Einrichtung fordern: „Es sind Leute hier, die knapp 400 Lei im Monat verdienen und von morgens bis abends arbeiten. So kann es nicht weitergehen. Es muss sich was ändern“, sagt sie.
Künftig will die neue Intendantin das Repertoire moderner gestalten, das Bühnenbild neu einrichten lassen und neue Mitarbeiter finden. 49 Angestellte zählt das Puppentheater, zwölf davon sind Schauspieler. Geplant ist auch eine Zusammenarbeit mit Studenten und Absolventen der Kunsthochschule in Temeswar. „Ich will unbedingt die starren blauen Augen der Prinzessinnen ändern. Es gibt Kunststudenten, die vielleicht ab und zu mal bei unseren Vorstellungen mitmachen oder neue, modernere Puppenmodelle schaffen können“, sagt Megyes-Lábadi, die auch als Regisseurin beim Ungarischen Staatstheater Temeswar gearbeitet hat. Die Leidenschaft für die „magische Welt der Puppen“ sollte die Motivation für die Studenten sein, so hofft sie zumindest. Und sie liegt dabei nicht falsch: Die Liebe zum Theater ist auch für die Psychologieabsolventin Melinda Feher (23) der Grund gewesen, warum sie sich für eine Zusammenarbeit mit dem Merlin-Theater entschloss. Die 23-Jährige, die wegen ihrer zierlichen Figur oft mit einem Kind verwechselt wird, ist Masterstudentin und macht seit einem Jahr bei den Vorstellungen von Megyes-Lábadi mit. „Durch das Puppentheater kann man sehr leicht die Seele eines Kindes gewinnen“, schließt Melinda Feher, die jetzt auf Jobsuche ist. Sie hofft jedoch auf einen Arbeitsplatz, der ihr weiterhin eine Zusammenarbeit mit dem Theater ermöglicht.
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allerhand abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s