“Temeswar war schon immer die europäischste Stadt Europas”

 
Pater Berno: „Die Korruption ist wie eine Pest für Rumänien“.
 
Interview mit Pater Berno
Den Salvatorianerpater Berno Rupp (75) kennt in der Elisabethstadt fast jeder. Seit mehr als 20 Jahren lebt der Pater in Temeswar/Timisoara und engagiert sich hier für die Armen und Kranken. An Pfingsten wurde eine Stiftung gegründet, die künftig die Sozialprojekte des Paters finanziell absichern soll. Die ADZ-Redakteurin Raluca Nelepcu und der Salvatorianer-Projektreferent Lukas Korosec führten mit Pater Berno folgendes Gespräch.
Was fällt Ihnen zum Wort „Rumänien“ ein?
Rom. Rumänien war eine römische Provinz. Auf der Trajanssäule in Rom wird dargestellt, wie Trajan die Daker besiegt hat. Da müssen auch Christen dabei gewesen sein. Das Heer hat Wasser gesucht. Da sie kein Wasser gefunden haben, haben einige Soldaten zu ihrem Gott gebetet. Danach fanden sie Wasser. Das wird auf der Trajanssäule gezeigt.
Das Lied, das heute in der Kirche gesungen wurde, ist sehr alt. Vor zehn Jahren hat es Winfried Kuhn, der im Vorstand der Stiftung sitzt, geschrieben: Warum fahren wir nach Rumänien? Das, was er da anredet, das hat mich tief getroffen, denn das habe ich alles miterlebt. Als Pfarrer in der Mehala war mein erstes Erlebnis das Begräbnis eines Neugeborenen, das ich zelebrieren musste. Das Kind – zwei-drei Monate alt – war verhungert. Dieses Bild hat mich bis heute geprägt. Ich habe dann überall geschaut, wo Kinder, Arme und Kranken sind und versucht, ihnen zu helfen. So haben wir die Fahrcaritas gegründet. Die Fahrcaritas hatte den Dienst gehabt, die chronisch Kranken zu betreuen und ihnen Lebensmittel zu geben. Wir haben aber nicht nur Lebensmittel, sondern auch Medikamente verteilt.
Als Sie 1991 nach Temeswar kamen, welche Eindrücke sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Das war im Mai 1991. Jemand kam damals mit Spenden und ich bin einfach mitgegangen. Ich war damals nur für zwei Wochen da. In der Zeit habe ich auch Gottesdienste gehalten und relativ schnell gemerkt, dass die Leute hier eigentlich sehr religiös sind. Die Kirche war immer voll. Auch die Kommunisten, die waren auch religiös. Als sie gemerkt hatten, dass ich ein Priester bin, dann hatten sie Angst: „Der kann mich verfluchen oder segnen“. Ich habe über diese Angst nur gelacht, denn ich wollte ihnen keine Angst machen, sondern die frohe Botschaft verkünden und den Leuten Vertrauen geben. Im Beichtstuhl habe ich in die Probleme der Menschen reingehört. Ich habe Kranke besucht und den Hungernden geholfen – das hat mich auch innerlich gefüllt. Aber ein Manko gibt es bis heute: Ich bin nicht zu den Gefangenen gegangen, um sie zu befreien, ich bin nie im Gefängnis gewesen. Die Anonymen Alkoholiker habe ich hierher geholt. Mit dieser Aktion habe ich eigentlich Gefangene befreit, nämlich die unter dem Alkohol gefangen waren.
Was war Ihre erste Aktion bzw. Ihr erstes Projekt, um den Menschen hier zu helfen?
Die erste Aktion war die Verteilung von Lebensmitteln an jene, die Hunger litten. Viele Leute in Deutschland kannten mich von meiner früheren Tätigkeit. Ich habe Lebensmittel und Medikamente verteilt, mit Hilfe der Menschen, die mich aus meiner früheren Mission kannten. Dadurch erhielt ich auch Spenden.
Welche Hilfsaktionen waren zu Beginn am wichtigsten? Welche Unterstützung ist heute notwendig?
Am Anfang waren es Medizin, Lebensmittel und Kleidung. Und natürlich der Glaube. Ich glaube, dass ich den Leuten etwas von meinem Glauben gegeben habe. Sie haben den Mut gefasst, im Land zu bleiben. Jetzt möchte ich den Leuten helfen, dass sie den Mut haben, in Europa zu leben und die Korruption zu beseitigen. Für mich wäre das der schönste Traum.
Die Mehrheit der Rumänen verbindet die letzten 20 Jahre mit einem fortschreitenden Prozess der Verarmung und sinkenden Lebensqualität. Welche Maßnahmen würden zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität führen?
Das ist nicht ganz richtig so. Die Armut und Lebensqualität waren früher viel schlimmer. Überall, wo du hinschaust, ist so viel Neues entstanden. Das, was heute noch wirklich notwendig wäre: Einfach die Korruption zu bekämpfen.
Sie haben mehrere Sozialprojekte ins Leben gerufen. Welches liegt Ihnen besonders am Herzen und warum?
Ich bin nicht hergekommen mit Ideen. Ich bin als Mensch hierher und habe einfach wie ein Mensch gehandelt. Ich habe nicht gewusst, was ich tun soll. Andere Leute haben mich mit ihrer Intelligenz inspiriert und mir den Schub gegeben, verschiedene Projekte anzufangen. Dann ist das von alleine gekommen. Ich muss ehrlich sagen: Alles, was geschehen ist, liegt mir am Herzen.
Auf welche Erfolge sind Sie besonders stolz?
Stolz bin ich auf die Menschen, die ich hier gefunden habe und die ich überzeugen konnte, sich zu engagieren. Herr Grün und alle anderen. Das ist mein größter Stolz. Alle, die nach Rumänien kommen, um zu helfen.
Sie sind seit 2005 Ehrenbürger von Temeswar. Was bedeutet für Sie diese Stadt?
Ich habe damals, als ich die Ehrenbürgerschaft bekommen habe, nur eine kleine Rede gehalten. Ich habe den Leuten gesagt, dass ich stolz bin, ein Ehrenbürger dieser Stadt zu sein. Temeswar war und ist die europäischste Stadt Europas. Hier haben schon immer verschiedene Völker und Religionen gelebt und sie sind immer gut miteinander ausgekommen.
Ziel der Pater-Berno-Stiftung ist eine gesicherte Fortführung aller Sozialprojekte. Was würden Sie den Menschen, die für die Pater-Berno-Stiftung arbeiten, mit auf den Weg geben?
 Meinen Glauben. Den Glauben an Liebe und Ehrlichkeit.
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