Benefizkonzert in 110 Jahre alten Kirche

Das Timisoara Gospel Project erlebte seinen Höhepunkt in der Millenniumskirche.
Timisoara Gospel Project ging erfolgreich zu Ende
Von Raluca Nelepcu
In einer Woche ein großes Konzert planen und es erfolgreich über die Bühne bringen: Das klingt wie eine Wette, die man unmöglich gewinnen kann. Der 27-jährige Dominic Samuel Fritz ist ein Mensch, der gern solche Wetten eingeht. Immer zu Sommerbeginn, immer in Temeswar/Timisoara. Sonntagabend war die römisch-katholische Millenniumskirche in der Fabrikstadt so beseelt wie schon lange nicht mehr. Zum siebten Mal fand in Temeswar das Timisoara Gospel Project statt, das der deutsche Dirigent Dominic Fritz auch in diesem Jahr organisierte und auf ein positives Publikumsecho stieß.
80 Choristen und eine Band standen auf der Bühne. Eine Stunde und 45 Minuten lang verkündeten sie die gute Nachricht durch Musik und Tanz. Es war ein interkonfessionelles Gospel-Konzert mit Profisängern und Laien, die sich freiwillig für einen guten Zweck begeistern ließen. Eine Woche vor dem großen Ereignis hatten alle 80 ihr Bestes gegeben und hart geprobt. Es gehört inzwischen zur Tradition des Timisoara Gospel Project, dass der Chor jedes Jahr größer wird und immer mehr Musikfreunde zum Abschlusskonzert kommen.
Es ist Samstagvormittag und draußen schon recht heiß. „Ihr seid die, die bis heut´ Abend hier bleiben?“, fragt der Pförtner der Nikolaus-Lenau-Schule und hebt die linke Augenbraue. Die junge Frau nickt lächelnd und läuft die Treppen hoch. Im Festsaal stehen überall Stühle herum. Die Fenster werden geöffnet, denn in zwei-drei Stunden soll es richtig heiß werden im zweiten Stock der Temeswarer deutschen Schule. Ein paar Mädchen sorgen dafür, dass das Durcheinander einen Sinn bekommt. Inzwischen wissen alle, wo sie bei den Chorproben zu sitzen haben. Auch heute heißt es, proben, proben, proben. Und trotzdem: Das, was wie harte Arbeit aussieht, ist für alle, die heute in den Festsaal gekommen sind, nichts als Spaß. Sie haben sich erst vor einigen Tagen kennengelernt, doch es ist die internationale Sprache, die sie verbindet: die Musik.
 „Ciao, ciao“, ruft Dominic, als er 15 Minuten vor 10 Uhr den Raum betritt. Die Begeisterung ist ihm ins Gesicht geschrieben, obwohl er eigentlich müde sein sollte. Die ganze Woche hat Dominic Samuel Fritz mit seinem Chor Lieder eingeübt. Gospel-Lieder, jeden Tag, viele Stunden lang. Manchmal gab es Proben nur mit den Solisten, nur mit den Frauen oder nur mit den Männern. Der Projektinitiator und Dirigent musste jedoch immer dabei sein.
 Gospel-Chor entstand über Nacht
Der aus der Schwarzwald-Region in Deutschland stammende Dominic Fritz kam zum ersten Mal mit dem Europäischen Jesuitenverein (JEV) nach Rumänien. Ein Teil seines Herzens verlor der JEV-Freiwillige damals in Temeswar, so dass er seitdem immer wieder den Kontakt zur Stadt an der Bega suchte. Enthusiastisch, mutig und vielleicht auch ein bisschen verrückt war Dominic Samuel Fritz, als er 2005 in Temeswar so gut wie aus dem Nichts einen Gospel-Chor zauberte. Der damals 21-jährige Musiker war äußerst überrascht gewesen, dass es in der multikulturellen und multiethnischen Stadt an der Bega noch keinen Gospel-Chor gab. Das spontan zustande gekommene Ensemble probte nur zwei Tage und bestritt danach ein Konzert, das sich großen Erfolgs erfreute. Es war die Geburtsstunde des Timisoara Gospel Project.
„Gospel, weil es eine Art von Musik ist, die sehr leicht Menschen begeistern kann, die ein Laie relativ schnell singen kann und die richtig Spaß macht. Diese Musik kann man aber nur mit der ganzen Seele singen. Das kann auch ein Laienchor relativ gut umsetzen. Gospel ist einfach eine tolle Musik, die mir super gefällt“, sagt Dominic Fritz. 2007 wurden weitere Freiwillige in das Organisatoren-Team aufgenommen, darunter ein mexikanischer griechisch-katholischer Mönch aus den USA, ein Spanier und drei Deutsche. Auf der Bühne stand neben dem Chor auch eine Band von Profimusikern, während im Publikum der deutsche Konsul und der Temeswarer Bürgermeister saßen. Im selben Jahr wurde daraus ein Benefizkonzert. 2009 und 2010 fand das Gospel-Konzert im Hohen Dom zu Temeswar statt. Das Timisoara Gospel Project wuchs von Jahr zu Jahr. Da der Hohe Dom im vergangenen Jahr so menschenvoll war, beschlossen die Veranstalter, das Ereignis in die Millenniumskirche zu verlagern.
Jeder darf mitmachen
Sie sitzen auf ihren Stühlen und warten, dass der Chorleiter die Tasten des Klaviers tanzen lässt und ein erstes Zeichen gibt. Die Rentnerin, die junge Nonne, die Bibliothekarin, der Rocker, die Volontärin aus Deutschland, der Student und die Schülerin: Alle halten ihre Hefte mit Songtexten und Noten in den Händen. Ab und zu geht quietschend die Tür auf und ein Verspäteter tritt auf Fußspitzen in den Saal. Dominic nimmt ihn nur aus den Augenwinkeln wahr. Er hat Geduld mit den Choristen, denn er weiß, dass viele von ihnen tagsüber der Schule oder dem Job nachgehen müssen. Aufgeregt ist er nur dann, wenn die Leute viel von den Proben fehlen. Wenn sie zwei Mal nicht da sind, dann dürfen sie beim Projekt nicht mehr mitmachen. Regel ist Regel. 
„Trebuie sa exprimati clar si consonantele“, sagt Dominic in einem sympathischen Rumänisch, „Ihr müsst auch die Konsonanten deutlich aussprechen“. Die Proben, aber auch das Konzert moderiert er auf Rumänisch. Die Sprache lernte er sehr schnell, denn als Freiwilliger in einem Kinderheim musste er irgendwie mit den Kindern kommunizieren. „Das Besondere an diesem Chor ist, dass es eine bunte Mischung von Leuten ist, vom siebenjährigen Mädchen bis zur 65-jährigen Rentnerin, von der Anwältin bis zum Hausmeister, von Leuten, die eine Musikschule absolviert haben bis zu Leuten, die noch nie in ihrem Leben gesungen haben. Bis zur ersten Probe weiß ich gar nicht, wer kommen wird“, sagt Dominic Fritz. Eigentlich darf jeder, der sich übers Internet bewirbt, mitsingen.
80 Choristen sitzen heute im Festsaal der Lenau-Schule und versuchen, Dominics Ratschläge aufs Genauste zu befolgen. Auch wenn das oft heißt, den selben kleinen Songteil drei-vier-fünfmal zu wiederholen. Die siebenjährige Cezara Cala Christian ist die Jüngste in der Gruppe. Ohne Textheft singt sie alle Lieder mit. „Im vergangenen Jahr, als ich die Montessori-Schule besuchte, brachte mich meine damalige Musiklehrerin zu diesem Chor. In diesem Jahr fragte mich Dominic, ob ich nicht vielleicht wieder mitmachen möchte“, sagt Cezara, die die zweite Klasse an der Ion-Vidu-Musikschule besucht und Klavierspielen lernt. „Diese große Gruppe von zusammengewürfelten Leute kommt zum ersten Mal eine Woche vor dem Konzert zusammen und das hat einen ganz besonderen Reiz. Das hört man auch musikalisch. Die Stimmen sind sehr unterschiedlich, die Leute haben nicht schon jahrelang miteinander gesungen oder sich auf einander eingestellt. Sie müssen mit großen, offenen Ohren singen, damit was Schönes daraus wird“, erklärt der Dirigent.
„El Shaddai“ – ein musikalisches Gebet
Auf etwas Schönes hatten sich auch die zahlreichen Zuschauer eingestellt, die Sonntagabend eine halbe Stunde vor Konzertbeginn in die Millenniumskirche gekommen waren. Gespannt warteten sie, dass die kraftvollen Gospel-Songs in der Kirche ertönten.
Auch in diesem Jahr stand der Chor nicht allein vor dem zahlreichen Publikum. Begleitet wurde er von einigen bewährten Temeswarer Musikern. Petre Ionutescu, Teo Milea, Zsolt Szabo, Mihai Moldoveanu und Levi Molnar stiegen gestern Abend auf Gospel um.  Mirela Iacob, die Sängerin mit der Gänsehautstimme, überzeugte durch ihren meisterhaften Auftritt. „Freedom Is Coming“, „Amazing Grace“, Go Down, Moses“ und „El Shaddai“ waren nur einige der Songs, die in der 110 Jahre alten Millenniumskirche in der Fabrikstadt erklangen. Für reichlich Beifall sorgte das Solostück von Cezara Cala Christian: Sie sang das jüdische „El Shaddai“-Gebet.
Der Chor unter der Leitung von Dominic Fritz brachte Leben in die Millenniumskirche. Groß und Klein sangen, tanzten und klatschten mit und ließen die Zuschauer in ihre Geldbeutel greifen. Denn schließlich sollte niemand vergessen, dass es sich um ein Benefizkonzert handelte. Einen Eintrittspreis gab es nicht, doch jeder durfte etwas für einen guten Zweck spenden. Der gesamte Betrag wird dem Haus der Göttlichen Barmherzigkeit, dem Hospiz für Palliative Krankenbetreuung der Caritas Temeswar und der Franziskanerschwestern, gespendet.
„You Raise Me Up“ hieß das Gospel-Konzert in diesem Jahr, und das war auch der vorletzte Song, den Dominic Fritz und sein Chor dem Publikum vortrugen. Auch diesmal gewann der Initiator des Timisoara Gospel Project die unmögliche Wette. Spätestens im nächsten Jahr kehrt Dominic Samuel Fritz nach Temeswar zurück. Um noch einmal den Temeswarern ein rührendes Gospel-Konzert zu bieten.
Eine Band von Profimusikern begleitete den Gospel-Chor.
Dominic Samuel Fritz macht Musik aus Leidenschaft.
Klein, doch ganz groß: Cezaras Solo riss die Zuschauer von ihren Stühlen.
„You Raise Me Up“ hieß das Konzert in diesem Jahr.
Beim Timisoara Gospel Project dürfen alle mitmachen. Hauptbedingung ist, bei allen Proben dabei zu sein.
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Eine Antwort zu Benefizkonzert in 110 Jahre alten Kirche

  1. Simona C. schreibt:

    Schöne Worte,sehr gut geschrieben!! Beste Grüße aus Germany!! Es ist schön dass talentierte Kinder wie Cezara dabei sind!!

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