Zur Wirtschaftsförderung: Grenzüberschreitendes serbisch- rumänisches Projekt

Die Direktorin für Internationale Beziehungen der IHK aus Temeswar, Silvana Adamovici, (vordere Reihe) muss auch als Dolmetscherin aushelfen.
Unter den EU-Skeptikern: Auch Unternehmer mit Auslandsaufträgen
Von Siegfried Thiel 
Milan Knezevic erwartet seine Gäste in salopper Kleidung auf den Stiegen des Plattenbaus – bestimmt ein ehemaliges Unternehmen aus dem Kommunismus – renoviert und an heutige Gegebenheiten angepasst. Am Rande von Pantschowa/Pancevo – bis 1918 ein wichtiges Zentrum des habsburgischen Reiches auf dem Balkan – liegt das Fabrikgelände Modus, von Inhaber Knezevic: Im näheren Umfeld verlassene Hallen, Unkraut wuchert links und rechts der Straße – so ganz freundlich, wie in der Innenstadt, ist es hier längst nicht. 250 Mitarbeiter beschäftigt der Textilienunternehmer, produziert fürs Ausland, aber vor allem für den inländischen Mittelstand. Krankenhauspersonal, Lehrer und sonstige Staatsbeamte sind seine Hauptkundschaft, sagt Knezevic. In seinen zehn Läden, darunter auch in der Hauptstadt Belgrad, setzt er seine Ware ab. Frauenkleidung produziert er, weil Männer „eh nur drei Mal im Leben einen Anzug brauchen“, erklärt er spaßeshalber, warum sein Fokus auf Frauenkleider gerichtet ist. „Serbien und Rumänien  können das China Europas werden“, sagt der Unternehmer. Umgerechnet etwa 300 Euro Netto im Monat verdienen seine NäherInnen, also kostengünstig, für den westeuropäischen Markt. Dazu kommt, dass die Ware nahe am Endkunden hergestellt, bei immer geringeren Serien, zusehends wichtiger wird. Dass in Serbien aber auch in Rumänien Qualitätsware erzeugt wird, zweifelt er keinen Augenblick. Im Betrieb stehen den ad-hoc-Besuchern alle Türen offen – Bertriebsgeheimnisse über die Herstellung von Frauenblusen gibt es wohl keine zu hüten.  Knezevic selbst lädt ins Büro im ersten Stock ein, wo er bei Kaffee und Limonade keine der journalistischen Fragen umgeht. Trotz seiner weltoffenen Gebaren gehört er mit vielen seiner Aussagen unweigerlich zu den EU-Beitritts-Skeptikern.
Grenzüberschreitende Konferenz für Bildung, Wirtschaft und Wissenschaft
Nur wenige Kilometer vom Konfektionsbetrieb Modus entfernt, findet in der 92.000 Einwohner zählenden Stadt – wo der Temesch-Fluss in die Donau mündet – ein offizielles Treffen der Handelskammern aus Pantschowa, Kikinda, Großbetschkerek/Zrenjanin und Temesch/Timis statt. Dabei auch die Stiftung für Kultur und Erziehung „Ioan Slavici“ aus Temeswar/Timisoara. Ein grenzüberschreitendes Projekt um Forschung, Entwicklung und Kooperation in den Bereichen Bildung, Wirtschaft und Wissenschaft zu fördern. Im historischen Banat sollen damit Wettbewerbsfähigkeit und regionale Identität nach EU-Maßstäben gefördert werden. Vor allem kleine und mittelständische Betriebe stehen im Fokus dieses Projekts, das Ende Dezember 2011 ausläuft.
Es gibt reichlich Nachholbedarf, was serbische Investitionen im Verwaltungskreis Temesch betrifft. Ende Dezember 2010 waren beim Temescher Handelsregister 106 Firmen mit serbisch-rumänischem oder exklusiv serbischem Kapital registriert. Insgesamt gab es im Raum Temeswar 7.756 Firmen mit ausländischem Kapital. „Eine der Hauptaufgaben des Projektes ist, kleine und mittelständische Betriebe aus dem gesamten ehemaligen Großbanat zu unterstützen und die regionale Wirtschaft zu fördern“, sagte Dragan Bosilj,  Vorsitzender der Industrie- und Handelskammer in Pantschowa. Eine grenzüberschreitende und dauerhafte Entwicklung sieht Silvana Adamovici, Direktorin für Internationale Beziehungen der Temescher Handelskammer, durch dieses Projekt, aber auch die Möglichkeit und die Bildung von Clustern. Außerdem rechnet sie mit der Chance für Firmen, „Wirtschaftswachstum spürbar werden zu lassen“. Ioan Slavici, Vorsitzender der gleichnamigen Temeswarer Stiftung, fand es in seiner Ansprache besonders wichtig, dass auch Forschung und Wissenschaft in solche Projekte aufgenommen werden. „Schüler können so schon frühzeitig Kontakt mit der Wirtschaft aufnehmen, die Resultate der Wissenschaft in den ökonomischen Bereich einfließen lassen  und die Expansion aus einer grenzüberschreitenden Region auf den gesamten Balkan übertragen“.  
Serbisch-rumänische Beziehungen sind nicht neu
Tibor Sebek, Vorsitzender der Handelskammer in Kikinda, blickt auf die lange Tradition wirtschaftlichen Kammersystems in der Region zurück. Im vergangenen Jahr waren es 160 Jahre seit der Gründung der Temescher Handelskammer. „Es war aber auch unsere Feier“, sagt Sebek, „weil wir einfach dazugehören“, schlussfolgert der Kammerchef aus Kikinda. Er weist darauf hin, dass die Mühle in der serbischen Stadt und auch eine Ziegelfabrik in jener Zeit errichtet wurden, als in Temeswar die Handelskammer gegründet wurde und heute existieren sie noch immer. Alle drei. „Das alles sind Gründe, warum wir hier sind“, setzt Sebek fort und weist darauf hin, dass ab dem 1. Januar 2013 ein neues Kammersystem eingeführt wird, was noch mehr Spielraum für den Fokus auf KMU zulässt.
Hat vielleicht so manch Serbe die Nato-Angriffe nicht vergessen und verdaut oder liegt es an Zurückhaltung wegen neu aufkommender  Problematik? Milan Knezevic ist bestimmt nicht der Einzige, der sich zurückhaltend gibt, was ein eventueller EU-Beitritt seines Landes betrifft. „Die EU gibt und nimmt sich dann alles wieder zurück“, philosophiert er und das nicht von ungefähr: Der Textilunternehmer ist gelernter Philosoph und sieht mit Argusaugen einen eventuellen Beitritt Serbiens zur EU. In vielen Büros, Kammern und offiziellen Stellen freut man sich jedoch über jeden konkreten Schritt, der einen baldigen EU-Beitritt mit sich bringen könnte, Kenner wissen jedoch, dass Milan Knezevic mit seinen Behauptungen im 9,5 Millionen Einwohner zählenden Balkanland nicht allein dasteht.
Textilunternehmer hat so seine EU-Bedenken
Teure Ware muss nicht unbedingt gut sein und deshalb versucht es Knezevic per Retourkutsche. Er verkauft nämlich seine Ware – trotz „guter Qualität“, wie er sagt – billiger. Etwa um ein Drittel kostengünstiger als in Westeuropa. Rumänien habe in der EU nicht alle Chancen genutzt, glaubt der Unternehmer und gibt sich im gleichen Atemzug überzeugt: Das Embargo gegen Serbien habe viel Gutes gebracht, weil „wir für uns selbst sorgen mussten“. Seine eigenen Marken will Knezevic auf den Markt bringen, denn für ihn ist wichtig, dass Osteuropäer nicht zu den Knechten der großen Konzerne werden. Statistiken belegen schon, dass der serbische Unternehmer auf seine Art Recht hat: Gerade an fehlenden Markennamen sind in Rumänien Statistiken zu Folge allein in den Jahren 2008 – 2009 etwa 100.000 Arbeitsplätze in der Textil- und Konfektionsindustrie eingegangen.
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2 Antworten zu Zur Wirtschaftsförderung: Grenzüberschreitendes serbisch- rumänisches Projekt

  1. Franz Ferdinand schreibt:

    Wieder einmal sind die Serben um einen Deut gescheiter als die braven Rumanen!

  2. Durlacher schreibt:

    Zeigt wieder einmal, dass es Staaten gibt, die nix mit der EU zu tun haben wollen. Man sollte sie nicht weiter draengen. Schoene Reportage, die aufzeigt, was wir eh schon ueber Serbien wissen bzw. vermuten.

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