Philosophieren und malen

Als ich meine Lehrerkarriere 1974 in Bokschan begann, unterrichtete ich Deutsch als Fremdsprache an der größten Allgemeinbildungsschule, jener von Roman-/Rumänisch-Bokschan. Die Schule war neu und Direktor Peter Kneipp – der Grundschullehrer hatte anschließend die Fakultät für Bildende Kunst in Temeswar besucht, war auch mehrere Jahre als Schulinspektor eingesetzt – rief uns Junglehrer und einige der handwerklich geschickteren Lehrer der älteren Generation regelmäßig nachmittags zur Arbeit in die Schule, um den Korridoren und dem Lehrerzimmer „ein Gesicht“ zu geben.
Dabei geriet er nicht selten mit dem bornierten, aber fest im Sattel verankerten damaligen kommunistischen Bürgermeister von Bokschan in Faché, den er aber in jeder öffentlichen Konfrontation mit viel Sachlichkeit in die Schranken zu weisen wusste.
Kneipp wandte oft ein Prinzip an, das wir durch Vermittlung von Cicero über seine Fiktivgestalt Philus aus dem 3. Buch De Re Publica kennen: These und Antithese, so wie das Karneades, der Gründer der III.Akademie, 155 v. Chr. – 100 Jahre vor Cicero – als Leiter einer griechischen Verhandlungsgruppe den Römern vorgemacht hatte. Karneades war zusammen mit Diogenes von Babylon und Kritolaos Peripatetikos von Athen nach Rom gesandt worden, um die Hauptstadt umzustimmen, die Athen eine hohe Geldstrafe aufgebrummt hatte, weil es sich durch Besetzung und Plünderung der Kleinstadt Oropos schuldig gemacht hatte, die Pax Romana gestört zu haben.
Der Diskurs, den Karneades vor jungen Römern an zwei aufeinander folgenden Tagen hielt – zuerst verteidigte er bis zum Äußersten mit hieb- und stichfesten Argumenten das Römische Recht und lobte dessen Umsetzung, darauf zerpflückte er alle Argumente für das Römische Recht mit  Gegenargumenten, die zumindest ebenso hieb- und stichfest waren wie das Dafür vom Vortag. Karneades führte den jungen Römern mit an Perfektion grenzender Präzision These und Antithese vor.
Cato der Ältere, der die philosophische „Agitation“ der Athener gegenüber der Jugend Roms von Beginn an mißtrauisch beobachtet hatte, ging daraufhin vor den Senat und forderte die unverzügliche Ausweisung der Athener Philosophen. Die unaufhörliche Infragestellung, die Karneades der künftigen Führungselite Roms beibrachte, stank Cato d.Ä. zum Himmel. Rom gründete auf Stabilität, nicht auf Zweifel. Wie der Kommunismus.
Der Senat wies die aufrührerischen Athener Philosophen aus Rom aus.
Meinem ebenso selbstherrlichen wie bornierten damaligen Bürgermeister von Bokschan – kein Vergleich mit Cato, bitte! – gelang es in sechs Jahren durch beharrlich angewandte Hinterlist, Bauernschläue, Doppelgesichtig- und –züngigkeit, Peter Kneipp als Schuldirektor zu diskreditieren und letztendlich seine Wiederwahl zu hintertreiben. Damit meinte er, einen Feind der kommunistischen Ordnung – also seiner selber – ausgeschaltet zu haben.
Kneipp tat das, was er für seine eigentliche Berufung hielt. Er malte weiter.
Werner Kremm
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