„Die (Un)Ruhe einer Welt“

Aurel Vlads Atlanten im Kunstmuseum Temeswar
Plastik und Graphik des Bukaresters Aurel Vlad im Temeswarer Kunstmuseum
 Von Iulia Sur
Ein Schauspiel der Gesten und menschlichen Gefühle enthüllt sich dem Publikum in der kürzlich im Temeswarer Kunstmuseum eröffneten Ausstellung des Bukarester Bildhauers Aurel Vlad „(Ne)Linistea unei lumi“ („Die (Un)Ruhe einer Welt“). Die präsentierten Bronze- und Stahlblechplastiken sowie Graphikarbeiten widerspiegeln die Zustände und Emotionen, die jedes Individuum zu einem gewissen Zeitpunkt im Laufe seiner Existenz erlebt. Gerade dies stellt eine Kommunikationsbrücke zwischen dem Werk und seinem Publikum dar.
„Diese Ausstellung ist eine wunderbare Reflektion über den einzelnen Menschen und den Menschen in der Masse, über die Angst des einzelnen Menschen und die Angst des Menschen inmitten einer Masse, über die Unruhe des Menschen in der Masse und die Unruhe des Einzelnen“, so Prof. Dr. Marcel Tolcea, der Museumsleiter bei der Vernissage. Dieser stellte treffend auch die Frage, vor wem sich der Mensch in Aurel Vlads Skulpturenuniversum fürchtet: „Fürchtet er sich vor dem, was er hat; vor dem, was er ist; vor dem, wie er ist; vor dem, der neben ihm steht; vor dem, der nicht neben ihm ist; oder vor dem, was hätte sein können und hätte sein sollen?“
Aurel Vlads Skulpturen zeigen dessen Beschäftigung mit dem Sakralbereich und zugleich ein sorgfältiges Studium der menschlichen Natur. All dies und viel mehr wird in seinen Werken meisterhaft dargestellt. Der 1954 in Galatz/Galati geborene Aurel Vlad studierte zwischen 1980-1984 Bildhauerei an der Bukarester Kunstakademie, wo er derzeit unterrichtet und ihr Dekan ist. Zu seiner erfolgreichen Künstlerkarriere gehören Ausstellungen im In- und Ausland, Teilnahmen an Bildhauersymposien, sowie Bühnenbildentwurfe.
Aurel Vlads Plastiken offenbaren eine Sprache der Gestik und eine Gefühlswelt, die ihren Ursprung in einem „Glaubensbekenntnis“ des Künstlers finden: „Ich glaube an die Macht der Geste, sich in Kunst zu wandeln. Ich glaube an die vom Ursprung allen Lebens übertragenen Gesten, die Emotionen, Gefühle, Leidenschaften, Zustände, Einschränkungen übermitteln. Sie werden zu lebhaften Wesen, die sich ängstigen, erzittern, aufleuchten, schenken, leiden oder sich freuen. Solche Gesten werden Symbole der Freude oder des Schmerzes, der Angst oder des Mutes, des Segens oder der Zerstörung.“
Die Konzipierung und Aufstellung der Werke unternahm der Künstler selbst. Die Ausstellungsfläche, die neun Säle im ersten Stockwerk des Museums umfasst, wurde völlig aussgeschöpft. Hier wird die Erfahrung des Künstlers mit dem Bühnenbildentwurf sichtbar. In den ersten Räumen wird der Besucher von Bronzekleinplastiken empfangen. Die entfleischten und trotzdem energievollen Figuren scheinen mythischen Zeiten, dem „Goldenen Zeitalter“ der Menschheit, zu entstammen, wo sich die Kreatur noch nicht von der Sakraldimension entfernt hatte.
Unter den Skulpturen begegnen wir den „Pilgern“, Gruppendarstellungen, die eine Führung durch die Gefühlswelt des Menschen darbieten: von der Angst, über die Unruhe, das Staunen bis hin zur Freude. Hier treffen wir auch eine „Pilgergruppe“ mit vier menschlichen Gestalten, dazwischen vier Tiere. Ein Hinweis auf die Konfrontation des Menschen mit dem Ungeheuer – diese in jedem menschlichen Wesen tief schlummernde dunkle Seite.
In einem anderen Ausstellungsraum entfaltet sich die „Cascada gesturilor“ („Kaskade der Gesten“) – eine Menge kleiner Gestalten, in der keine zwei gleiche Figuren vorzufinden sind. Eine „Gestenprozession”, wo die Menschen urprünglich einen Kniefall machen, um sich zunächst zögernd, dann immer stärker aufzurichten und letztendlich die Gottheit zu preisen.
Jede Skulptur, jede einzelne modellierte Gestalt kann dem Betrachter, der einen Augenblick in ihrer Nähe verweilt, eine Geschichte zuflüstern oder ein Gefühl vermitteln. Das Metall, aus dem der Künstler seine Skulpturen geschaffen hat, scheint sich in dessen Händen in feuchte Tonerde zu verwandeln. Die Plastiken mit unvollendeter, ungeschliffener Oberfläche erinnern an die Werke des Meisters aus Meudon.
Während wir uns durch die Säle vorarbeiten, wachsen auch die Skulpturen und das Publikum wird Teil der Szenografie des Künstlers. Die Blechdarstellungen empfangen den Besucher als Nächstes. Sie stellen alt- und neutestamentarische Themen in Vlads eigener Interpretation dar. Alles gipfelt dann in Werken von großer Dimension, namentlich „Umbre“ („Schatten“), „(Ne)Linistea“ („Die (Un)Ruhe“) und „Eclipsa“ („Die Verfinsterung“). Die „Schatten“ sind Gestalten, die mit verwüsteten Gesichtern in ein nur ihnen bekanntes Nichts hineinblicken. Der Höhepunkt bildet, nicht zufällig, das Hauptwerk: „Die (Un)Ruhe“, die auch die Ausstellung, die „wie ein Gebrüll wächst”, betitelt. Die Graphikarbeiten – die meisten davon im letzten Raum ausgestellt – ergänzen, verstärken die Inkursion des Künstlers in die Sakralwelt sowie in die Tiefen der menschlichen Seele und Psyche.
In Aurel Vlads Bronze- und Blechfiguren finden sich typisch menschliche Emotionen, Gefühle wieder. Angst, Unruhe, Freude, Staunen. Die Metallgestalten warten. Manche bescheiden, andere verängstigt, staunend, fröhlich oder undurchdringlich. Alle warten, etwas möge sich ereignen – oder auch nicht. Manche rebellieren, andere sind unruhig. Die Atlanten warten, stoßen den Blick gegen die Himmelshöhen, manche davon resigniert, andere ängstlich. Brav aneinandergereiht, warten die Blech-Humanoiden, wie gelähmt, auf die Erfüllung des ihnen vorhergesehenen Schicksals.
Im ihnen vom Künstler bestimmten Raum scheinen die gigantischen Blechkreaturen kaum hineinzupassen. Die umgebenden Wände und die Decke erdrücken ihr Gemüt, was den Besucher an die eigene Geringfügigkeit, das bescheidene menschliche Dasein, dessen Endlichkeit erinnert. Ein paar Jahre oder Jahrzehnte in einer vergänglichen, zerbrechlichen Hülse gefangen gehalten, wird dem Betrachter gerade hier die Begrenztheit der eigenen Existenz bewusst. Man erstarrt in der Nähe der Atlanten und wartet auf ein Zeichen, auf eine Antwort.
Über Aurel Valds Werke schreibt die Kunsthistorikerin und Rektorin der Nationalen Kunstakademie in Bukarest, Ruxandra Demetrescu: „Es ist eine wahrhaftige Gabe, ein ganzes Universum der Gefühle und des Grolls, beherrscht von Angst, aber durchdrungen von Hoffnung und unverlassen vom Glauben, in so vielfältigen Formen zu verkörpern.“
Aurel Vlads Ausstellung im Temeswarer Kunstmuseum (Domplatz 1) kann im Mai von dienstags bis sonntags zwischen 10 und 18 Uhr besichtigt werden.
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