Sie kommen spät und gehen schnell

 
Ein leeres, sauberes Bett wartet auf den nächsten Patienten. Auch er wird nicht lange im Hospiz weilen.
Im Hospiz lernen die Kranken, furchtlos dem Tod entgegen zu blicken
Von Raluca Nelepcu
„Jedes Leben hat irgendwann auch ein Ende. Wir Menschen wissen das, aber fürchten uns vor dem Sterben. Diese Angst kommt aus der Unwissenheit über das, was Tod eigentlich bedeutet“, sagt Schwester Sávia. Ihr ruhiger Blick gleitet über die grünen Baumzweige, an denen bunte Ostereier hängen – ein Symbol der Hoffnung und des ewigen Lebens.
Für die zehn Kranken aus dem Hospiz der Göttlichen Barmherzigkeit gibt es keine Hoffnung mehr. Dafür aber jede Menge Trost. Die 17 MitarbeiterInnen der Sozialeinrichtung des Caritasverbands Temeswar/Timisoara sind darum bemüht, den Sterbenskranken ihre letzten Lebenstage erträglicher zu machen. Damit der Abschied nicht ganz so bitter schmeckt.
 Palliativbetreuung für Sterbenskranke
Ihre rehbraunen Augen verstecken sich hinter einer Brille, ihr Kopf ist von einem schwarzen Schleier mit weißem Rand umhüllt. Schwester Sávias stets freundlich lächelndes Gesicht wirkt beruhigend und aufmunternd. Die aus der Slowakei stammende Franziskanerschwester hat in ihrem Leben viel Leid gesehen, doch von ihren Emotionen lässt sie sich nicht überwältigen. Seit drei Jahren ist Sávia Lukácová (53) aus der Slowakei als Krankenschwester im Zentrum für palliative Betreuung am Kreuzplatz in Temeswar tätig. In Rumänien lebt die gelernte Krankenschwester seit 15 Jahren.
„14 Tage, 21 Tage, vielleicht auch ein Monat. Die Patienten im Endstadium ihrer Krankheit schauen nicht lange bei uns vorbei. Sie kommen spät und gehen schnell“, sagt die Franziskanerin. Die meisten Kranken, die ins Hospiz gelangen, sind um die 50 Jahre alt. Das Hospiz wurde 2006 als Projekt des Caritas-Verbands der römisch-katholischen Diözese Temeswar gegründet, mit dem Ziel, Kranken mit begrenzter Lebenserwartung ein komplexes Betreuungsprogramm anzubieten. Hauptpartner in diesem Projekt ist die Kongregation der Töchter des Heiligen Franziskus von Assisi, die von Anna Bruner 1894 gegründet wurde und seit 1902 in Rumänien tätig ist. Die Schwestern beteiligen sich an verschiedenen missionarischen Tätigkeiten, vor allem im medizinischen Bereich. Ein weiterer Partner in diesem Projekt ist die NGO OncoHelp. Onkologen und andere Fachärzte, Mitglieder des Verbands, bieten ihre Dienstleistungen im Hospiz an.
 Häufigste Todesursache: Krebs
„Milosierdzie daje nadzieje“ steht auf dem Jesus-Bild, das links an der Wand in der Küche hängt. „Ich vertraue auf Deine Barmherzigkeit“, übersetzt Schwester Sávia aus dem Polnischen. In der Küche gibt es jede Menge Zierpflanzen. Es riecht nach frischem Brot. Durch die hellen Gardinen dringt Sonnenlicht. Es ist ein schöner Tag im Frühling – an dem sich jedoch die meisten Patienten nicht mehr freuen können.
„Fünf waren es diese Woche“, flüstert Schwester Sávia, als sie gefragt wird, wie viele Todesfälle im Durchschnitt im Hospiz registriert werden. Von den 207 Patienten, die im vergangenen Jahr ins Hospiz eingewiesen wurden, starben mehr als die Hälfte. Über 90 Prozent der behandelten Fälle waren Onkologiepatienten. „Gott hat seinen Plan mit jedem von uns. Wir haben eine Genugtuung, wenn wir den Menschen helfen, ohne Schmerzen, ruhig zu verscheiden“, sagt die Franziskanerin. Leid und Trauer kennt sie allzu gut, das Erlebte hat sie aber nur noch stärker gemacht. Allerdings aus der Sicht ihrer Freunde und Bekannten, denn für sie selbst ist ihre Arbeit etwas Selbstverständliches. „Viele fragen sich, wie man so viel Schmerz sehen und trotzdem weitermachen kann“, sagt sie. Ein paarmal im Monat beteiligt sie sich an geistlichen Exerzitien. „Der Mensch muss auf seinen eigenen Tod vorbereitet sein, um den Tod der anderen akzeptieren zu können“, erklärt sie.
 Der Mensch ist Körper und Geist
Eine gute Palliativbetreuung macht die letzte Lebensphase der Patienten im Hospiz erträglicher. Lächelnd geht Schwester Sávia auf ein Bett zu. Man sieht ihn kaum unter der Bettrecke, den Alten, dessen Körper von der Krankheit geschwächt wurde. Der Tod hat seinen Schatten über dieses Leben geworfen. „Möchten Sie ein bisschen Wasser trinken?“, fragt die Schwester freundlich. Von dem verlorenen Blick des Mannes ist nichts abzulesen. Sávia hebt seinen Kopf vom Kissen und versucht, ihn aus einem Plastikbecher Glas trinken zu lassen. Der Kranke schafft es, mit dem Mund das Wasser zu berühren und seine Lippen werden feucht, doch richtig trinken kann er nicht mehr.
„Wenn der Körper beginnt, sich zurückzuziehen, dann kommt die Seele zum Vorschein. Die meisten Patienten nähern sich Gott, wenn sie fühlen, dass sie nicht mehr lange zu leben haben“, sagt die Franziskanerin. In einem Zimmer sind zwei Patientinnen untergebracht. Beide bekommen Infusionslösungen. Die Ärztin Daniela Ulian (30) unterhält sich mit den Frauen. Die ältere lächelt nur und sagt kein Wort, während die andere – knapp über 40 Jahre alt – gern erzählt. „Ich bin schon das zweite Mal hier“, sagt sie. „Die Betreuung ist wunderbar, aber man sollte niemals hier landen“, fügt sie hinzu und lächelt bitter. Es bestehen keine Zweifel, dass sie auf das, was folgen wird, vorbereitet ist. „Man lernt hier, dass der Mensch aus Körper und Geist besteht“, sagt die Ärztin Daniela Ulian, die seit neun Monaten im Hospiz arbeitet. „Man lernt auch, anders zu sein. Menschlicher vielleicht“, sagt die Ärztin für Allgemeinmedizin. Dem spirituellen Teil in der Patientenbetreuung wird im Hospiz Aufmerksamkeit geschenkt, was von großer Bedeutung sei. „Man gewöhnt sich an die Arbeit hier“.
Kein trauriger Ort
Im Innenhof des Hospizes stehen die Blumen und Obstbäume in voller Blüte. Ein krummer, alter Quittenbaum wölbt sich zum Himmel empor. „Man hat mich gefragt, was wir mit dem Baum machen sollen, ob wir ihn abholzen sollen. Solange er noch blüht, werden wir das nicht tun“, sagt Schwester Sávia.
In der Kappelle im Innenhof betet nicht nur sie, sondern auch die anderen MitarbeiterInnen des Hospizes. Mareike Balcer (20) aus der Pfalz in Deutschland ist eine von ihnen. Die junge Frau kam über die Europäische Freiwilligenorganisation des Jesuitenordens (JEV) im September 2010 nach Temeswar. „Das Tabuthema Tod hat mich interessiert. Wenn man einmal hier war, geht man offener damit um. Und ja, man merkt, wie wertvoll das Leben eigentlich ist“, sagt Mareike. Nach dem freiwilligen sozialen Jahr in Rumänien möchte sie Sozialarbeit in Freiburg studieren.
Dass das Hospiz kein trauriger Ort ist, das hat Mareike Balcer schnell bemerken können.  Der Blick in das saftige Grün des Gartens lässt alle Sinne aufatmen. Das Geplätscher des Wassers im kleinen Steinbrunnen, das Zwitschern der Vögel und das Summen der Bienen bieten ein beruhigendes Frühlingskonzert. Zwei Schmetterlinge tanzen zur süßen Melodie. Dass sie nur noch ein paar Tage leben werden, das ahnen die Falter nicht, aber eins wissen sie scheinbar: Leben allein reicht nicht. Wichtig ist, es in vollen Zügen zu genießen.
Schwester Sávia aus der Slowakei lebt seit 15 Jahren in Rumänien. Hier koordiniert sie seit drei Jahren das Hospiz für palliative Krankenbetreuung.
Beten in der Kapelle: Durch spirituelle Exerzitien wird der Geist des Menschen gestärkt.
 
Mareike Balcer macht ihr freiwilliges soziales Jahr in Rumänien. Im Hospiz hat sie gelernt, wie wertvoll Leben ist.
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