Integration ist ein Geben und ein Nehmen

150 Schweine werden zur Zeit auf der Jugendfarm gezüchtet.

Der Caritas-Leiter Herbert Grün zeigt, wie die Solaranlagen hergestellt werden.
„Pater Paulus“-Jugendfarm in Bakowa bietet Obdachlosen die Chance eines Neuanfangs/ Von Raluca Nelepcu
 Sie lächelt bescheiden, als der Caritas-Leiter Herbert Grün sie fragt, ob sie uns ihr Zimmer zeigen wolle. „Selbstverständlich zeige ich es Ihnen“, sagt die Frau mit langen, kastanienbraunen Haaren und läuft uns voraus. Unterwegs bleibt sie einen Augenblick vor dem Titus-Haus stehen, richtet ihre rote Mütze zurecht und streicht einem weißen Hund über das Fell. Der Hund wedelt glücklich mit dem Schwanz, legt sich auf den Rücken und lässt sich am Bauch streicheln. „Das ist mein Hund“, sagt Florica (31) stolz. Vier Jahre sind vergangen, seitdem die ehemals Obdachlose ein neues Zuhause in der „Pater Paulus“-Jugendfarm in Bakowa/Bacova gefunden hat. Seit drei Jahren lebt sie nicht mehr allein hier, sondern mit ihrer Tochter Neda. Mit Hilfe des Caritasverbands der römisch-katholischen Diözese Temeswar/Timisoara konnte sie das Sorgerecht für ihr Kind zurückgewinnen.
Ein Vorzeigeprojekt der Caritas, nennt es Herbert Grün, eine wunderbare Initiative, meinen all die, die die Bakowaer Jugendfarm kennen. Für die Menschen hier ist die Farm aber weitaus mehr als das. Für jene, die aus der angebotenen Hilfe das Beste machen, kann sie sogar den Start in ein neues Leben bedeuten. Die Rettung aus dem Elend. „Es ist ein besonderes Projekt, weil die Nutznießer nichts umsonst bekommen, sondern auch etwas dafür tun müssen“, sagt Herbert Grün.
Alle haben die Chance – nur einige nutzen sie
Die „Pater Paulus“-Jugendfarm wurde 2003 auf Initiative des Salvatorianer-Paters Berno Rupp ins Leben gerufen. Die Jugendfarm erstreckt sich auf einer fünf Hektar großen Fläche, die früher zur Bakowaer Kolchose gehörte. Eine 95 Hektar große Nutzfläche, die die Caritas angekauft hat, wird zu landwirtschaftlichen Zwecken genutzt. Hinzu kommen weitere 130 Hektar gepachteter Boden, wo ebenfalls Landwirtschaft betrieben wird. Schweine- und Rinderzucht, Sozialkantine mit Nudelproduktion, Mühle, Schreinerei, Maschinenpark sowie ein Lagerraum für Getreide und Viehfutter sichern die Nahrungsmittelversorgung der Caritas-Einrichtungen.
Ziel des Bakowaer Sozialprojekts ist die Resozialisierung von Straßenkindern und Obdachlosen aus dem „Pater Jordan“-Nachtasyl. Den Obdachlosen, die im Temeswarer Nachtasyl übernachten, wird die Möglichkeit geboten, auf der Jugendfarm zu leben. Hier ist aber nichts umsonst. „Die Farmbewohner müssen arbeiten“, erläutert Herbert Grün. Der Aufenthalt in der Farm hat jede Menge Vorteile für die Obdachlosen: Sie können einen Beruf in einer der Werkstätten erlernen, bekommen eine Vollzeitstelle mit Mindestlohn, ein Arbeitsbuch und eine Versicherung. Aufenthaltskosten müssen die Farmbewohner nicht zahlen. Ein kostenloses Mittagessen von der Kantine der Caritas wird ihnen von Montag bis Freitag gesichert. Und trotzdem: „Wir bieten diese Möglichkeit allen Menschen, die im Nachtasyl übernachten. Aber nur einige nehmen sie wahr. Die meisten ziehen es vor, von einem Tag auf den anderen zu leben“, beteuert Herbert Grün.
Die Gemeinschaft der Ranch
Eine holprige Straße ohne Asphaltbelag führt über die Eisenbahnlinie zur Farm am Rande von Bakowa. Im Hof ist bei unserer Ankunft nur wenig Bewegung. Ein Lkw mit Möbel muss entladen werden. Zehn Männer eilen herbei, um die Betten, die ins künftige Bakowaer Hospiz für palliative Krankenpflege gebracht werden müssen, abzuladen. Tischler, Agronom, Obdachloser, Sozialarbeiter – alle legen Hand an, wenn Hilfe gebraucht wird. Die Farm in Bakowa ist für die meisten Mitarbeiter und Bewohner zu einer zweiten Familie geworden. Für einige ist sie sogar die einzige Familie, die sie haben.
Insgesamt 16 Wohnplätze stehen den Hilfsbedürftigen zur Verfügung. Zur Zeit wohnen hier zwölf Obdachlose und drei Kinder. Dumitru (35) lebt seit Oktober 2010 mit seiner Frau und den zwei Kindern auf der Farm. „Ich habe in der Baubranche gearbeitet, wurde aber krank und musste den Job aufgeben. Da wir kein Geld für die Miete mehr hatten, gingen wir ins Nachtasyl“, sagt der eher zierliche Kerl. Er trägt eine legere Arbeitskleidung mit blauem Kittel und eine schwarze Mütze auf dem Kopf. Sein elfjähriges Mädchen und der sechsjährige Junge besuchen die Dorfschule bzw. den –kindergarten und halten sich am Nachmittag in der Kindertagesstätte auf. Mit dem Leben auf der Farm ist Dumitru zufrieden, einen besseren Ort könnte er sich zur Zeit wohl kaum vorstellen. Die Arbeit auf der Farm fiele ihm gar nicht schwer, meint der ursprünglich aus Suceava stammende Mann.
Unter den Männern, die sich um den Möbeltransport kümmern, ist auch Reiner Oster (31). Im Dezember werden es vier Jahre, seitdem er die Leitung der Bakowaer Jugendfarm übernommen hat. Acht Jahre davor war er mit der Verwaltung im Nachtasyl beauftragt worden. Reiner Oster pendelt jeden Tag von Temeswar nach Bakowa. „Das Arbeitsprogramm der Farmbewohner läuft von 8 bis 16.30 Uhr mit einer halben Stunde Pause“, erläutert er. Von 2007 bis 20011 wurde mehr als 50 Menschen ein zeitweiliger Aufenthalt auf der Farm angeboten. Sogar sieben Kinder haben gleichzeitig hier gelebt, weiß Caritas-Leiter Herbert Grün.
Landwirtschaft und Viehzucht
Mühle, Schreinerei und verschiedene Werkstätten funktionieren in der Farm. Hier arbeiten nämlich nicht nur die Obdachlosen, sondern auch Fachpersonal ist im Einsatz. Auf der Farm werden seit drei Jahren Solaranlagen hergestellt. „Nicht für den Verkauf, sondern für uns selber. Von Mai bis Oktober haben wir Warmwasser ganz ohne Feuer“, erklärt Herbert Grün die Bedeutung der umweltfreundlichen Anlagen.
Von den Grundstücken werden jährlich etwa 250 Tonnen Weizen geerntet – das sind 150 Tonnen Mehl, das in der betriebseigenen Getreidemühle gemahlen wird. Das Mehl wird in fünf Bäckereien geliefert, die danach Brot für die Heime der Caritas herstellen.
Wer nicht in der Landwirtschaft tätig ist, der kümmert sich um das Vieh. Im Kuhstall läuft Radio-Musik, während die sieben Kühe ungestört vor sich hin dösen. Von den braun-weiß gefleckten Rindern geben nur drei Milch – jeweils etwa 20 Liter pro Tag. Die Milch kommt in die Kantinen der Caritas-Einrichtungen.
Weiter hinten befindet sich der Schweinestall. Die Borstentiere sind an die frische Luft gekommen und wälzen sich zufrieden grunzend im Dreck. Ungefähr 150 Schweine werden auf der Caritas-Farm gezüchtet. Um die Tiere kümmert sich Rodica (58), die seit 2008 auf der Farm lebt. Sie lächelt, wenn sie auf die gefleckten Ferkel zugeht. „Diese sind nur einige Tage jung“, sagt sie lächelnd und zeigt auf zehn kugelrunde Schweinchen, die gierig nach Milch saugen. Jeden Morgen muss Rodica früh aufstehen und die hungrigen Mäuler füttern. Danach macht sie in den Ställen sauber. Währenddessen kümmert sich ihr Mann um die Kühe. Rodica hat vier Jahre lang in Italien gelebt und gearbeitet. Doch das Ausland erwies sich nicht unbedingt als ein gutes Geschäft für die Familie aus Busiasch/Buzias. In Rumänien hatten sie kein Zuhause mehr, sie waren praktisch obdachlos – eine neue Unterkunft und eine Arbeitsstelle fanden sie auf der Farm in Bakowa.
Es ist gerade Mittagszeit, als uns Florica ihr Zimmer zeigt. Es ist ordentlich und sauber im bunten Raum. Auf dem Bett steht ein riesiger Plüschhund – das Lieblingsspielzeug der kleinen Neda. Das Mädchen ist zur Zeit in der Schule, danach geht es in die Kindertagesstätte, wo es eine warme Mahlzeit bekommt und ihre Hausaufgaben unter Betreuung erledigen kann. An Ostern haben Florica und Neda die Ziehmutter der Kleinen empfangen. Die Frau hat versprochen, das Kind regelmäßig zu besuchen. „Eine sehr gute Frau ist das“, weiß sie Florica zu schätzen. An Ostern trafen sich alle Farmbewohner im Fest-Spiel-Haus, um die Feiertage zusammen zu verbringen. So wie in einer Familie, eben.
 
In der über Spenden modern ausgestatteten Getreidemühle wird Weizen zu Mehl. Daraus stellen fünf Bäckereien Brot für die Sozialeinrichtungen der Caritas her.
In der Tischlerwerkstatt zeigen ausgebildete Handwerker den Obdachlosen, wie´s geht.
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