„Was ab Juni geschieht, ist ungewiss”

DSTT-Intendant Lucian Varsandan
Gespräch mit dem DSTT-Intendanten Lucian Varsandan
Der Haushalt des Deutschen Staatstheaters Temeswar (DSTT) für das Jahr 2011 ist unzureichend. Aus diesem Grund wird auch das Eurothalia-Festival, das traditionsgemäß im November stattfand, ausfallen. Über die Finanzierungsschwierigkeiten des DSTT sprachen Andreea Oance und Raluca Nelepcu mit dem Intendanten Lucian Varsandan.
Das Geld vom Kommunalhaushalt kam in diesem Jahr nicht so wie erwartet. Wie sieht nun die finanzielle Lage des DSTT aus?
Es gibt drei Hauptbereiche der Finanzierung im öffentlichen Dienst: Personal-, Sachkosten und Investitionen. Der Haushalt für Personalkosten ist für das ganze Jahr gesichert, sodass man die Gehälter der Angestellten und in gewissem Maße die Honorare der Gastkünstler bezahlen kann. Der Haushalt ist aber absolut unzureichend für alle anderen Kosten. Dazu zählen Sachkosten, womit alle materiellen Anschaffungen und Dienstleistungen gemeint sind, von der Stromrechnung über Kosten für Bühnenbilder und Plakate bis hin zu Reparaturen oder Transportkosten. Die Sachkosten wurden infolge des sehr begrenzten Umfangs so aufgeteilt, dass sie lediglich die erste Jahreshälfte abdecken. So sind wir nun in der Lage, dass wir bis Ende Juni in diesem vorgegebenen Rahmen den Betrieb aufrechterhalten und auch zwei neue Produktionen vorbereiten können. Was ab Juni geschieht, ist allerdings ungewiss. Außerdem hat die Stadt – nun im zweiten Jahr in Folge – dem DSTT keinerlei Zuschüsse für Investitionen gewährt. Wenn also der Sachkostenhaushalt unzureichend ist, ist jener für Investitionen gleich Null. Wir haben mehrmals darauf hingewiesen, dass es Bereiche gibt, die in einem mindestens delikaten Zustand sind, so das elektrische Netzwerk im Bühnenbereich oder der unebene Bühnenboden, in einem Haus, das eben sehr alt ist und wo die ganze Infrastruktur seit Jahrzehnten nicht mehr erneuert wurde. Wir haben den Träger über diesen Zustand informiert und zugleich betont, dass wir uns für eventuelle Vorfälle, die mit der Nichtgewährung dieser Zuschüsse verbunden wären, der Verantwortung entziehen.
Um wieviel Prozent ist der Haushalt geringer als im Vorjahr?
Der Haushalt für Sachkosten ist um knapp 30 Prozent gesunken, wobei im Vorjahr bereits wegen Geldmangel zwei neue Produktionen gestrichen wurden. Wir dürfen nicht vergessen, dass zwischen August und Dezember 2010 das DSTT keine neue Premiere produziert hat. Wir erleben also zurzeit die Kürzung der Kürzung. Von Seiten des Trägers gibt es jedoch keinerlei Auseinandersetzungen mit den Konsequenzen dieser Kalkulationen auf die Inhalte der Theaterarbeit. Das Theatergesetz sieht zwar vor, dass man jedes Jahr die Haushaltsvorgaben mit inhaltlichen Absprachen in Einklang bringt, die wiederum dem vorgelegten und vom Träger genehmigten Managementplan des Intendanten entsprechen müssen. Aber bei der Gewährung von Zuschüssen für lediglich sechs Monate findet eine solche inhaltliche Diskussion gar nicht statt.
 Es steht nun fest: Das Eurothalia-Festival fällt aus.
Das war eine Entscheidung, zu der wir uns gezwungen sahen. Jetzt wäre es an der Zeit gewesen, Verträge abzuschließen, Reservierungen vorzunehmen, und insgesamt Verpflichtungen einzugehen für einen Zeitraum – November 2011 – über dessen finanziellen Rahmen wir nichts wissen. Man kann diese Verantwortung nicht übernehmen, ohne zu wissen, ob eine Aufstockung des Haushalts kommen wird und – wenn ja – unter welchen Umständen. Das kann niemand verantworten, auch gegenüber den teilnehmenden Theatern nicht.
Inwiefern kann das DSTT auf Sponsoren zurückgreifen?
Sponsoring- und Fördermittel sind eine willkommene Ergänzung des Theaterhaushaltes, die eine wichtige Breitenwirkung unserer Tätigkeit sichern, sie können jedoch nicht die öffentliche Haushaltszuwendung ersetzen. Und es ist meines Erachtens auch nicht primär die Rolle dieser Mittel, dies zu tun. Man möge ein und für alle Mal verstehen: Kultur ist eine öffentliche Dienstleistung, und der Zugang zur Kultur ist ein in der rumänischen Verfassung verankertes Prinzip und garantiertes Recht für alle Bürger dieses Landes! Außerdem bekennt sich dieser Staat zur Förderung der Minderheitenrechte, und zum Recht dieser Minderheiten gehört eben auch jenes, ihre Identität zu pflegen. Wenn sich der rumänische Träger zu dieser Pflicht nicht mehr oder nur noch unzureichend bekennt, dann wäre vielleicht eine Verfassungsänderung angebracht. Daher fällt der Finanzierungsauftrag von deutschem Theater ganz gewiss nicht einem Sponsor oder Förderer in einem größeren Maße als der rumänischen öffentlichen Hand zu. Es ist natürlich sehr sinnvoll, dass man, ergänzend zur Zuwendung, Projekte schreibt und Sponsoren und Fördermittel sucht. Das DSTT tut es in einem beträchtlichen Maße. Im Hinblick auf das Eurothalia-Festival 2011 wäre aber die allererste berechtigte Frage des Sponsors jene nach dem Eigenbeitrag des Veranstalters. Solange aber der von der Stadt genehmigte Sachkostenhaushalt für das zweite Halbjahr, das ja den Veranstaltungszeitraum des Festivals miteinschließt, die Summe „Null“ vorsieht, kann man sich zu diesem Zeitpunkt gegenüber einem Sponsor auch nicht zu Eigenleistungen verpflichten.
Weiß schon das Publikum des DSTT, dass das Festival ausfallen wird? Wie hat es reagiert? Was für Reaktionen erwarten Sie?
Es gab aus dem unmittelbaren Umfeld des Theaters Reaktionen der Empörung und der Enttäuschung. So gerne man Sachen aufzubauen versucht – und auch der von Dragoş Buhagiar jüngst erhaltene UNITER-Preis für die beste Bühnenausstattung des Jahres 2010, für seine Arbeit am DSTT, bestätigt diesen Trend – muss man folgendes einsehen: Das Machen und das Machen-Wollen hat dort aufzuhören, wo man über gewisse finanzielle und rechtliche Grenzen nicht hinaus darf. Ich darf als Intendant für Kostenbereiche oder Projekte in Zeiträumen, die finanziell nicht abgesichert sind, keine finanzielle Zusage machen. Das wäre gesetzeswidrig von A bis Z. Ich kann Sachkosten und Anschaffungen tätigen, nur so weit dieser Haushalt reicht. Es kann genauso gut sein, dass die Stadt einer Aufstockung des Haushalts des DSTT im Juli oder August zustimmt. Dann kann man wieder für die nächsten Monate versuchen, das Beste daraus zu machen. Für das Novemberfestival ist es dann allerdings zu spät, da ein internationales Festival größerer Planungsvorläufe bedarf.
Welche Investitionen wären im Jahr 2011 prioritär gewesen, wenn Mittel zur Verfügung stünden?
Investitionen werden vor allem im Bühnenbereich fällig, im Bereich der Bühnen- und Lichtausstattung. Im Bühnenkasten an sich wurde seit 30 Jahren nichts mehr gemacht. Das, was der Zuschauer sieht, ist der Saal bis zum Vorhang. Jenseits des Portals hat man seit Jahren nichts mehr gemacht. Im Bereich der Infrastruktur wären Investitionen fällig, gerade für die Stromversorgung. Das ist kein Thema, das man leichtsinnig angehen sollte. Es geht nämlich um Sicherheitsmaßnahmen, die gesetzlich vorgeschrieben sind und die man einhalten muss. Außerdem müsste man vor der Bühne einen neuen elektrisch gesteuerten Beleuchtungszug einbauen und nicht zuletzt den Bühnenboden komplett ersetzen, damit man auch die Unfallgefahr ausräumt.
War das bereits der Fall?
Gott sei Dank, nicht. Aber die Unebenheiten des Bühnenbodens kann man mit freiem Auge sehen. Die sieht man oft nicht aus dem Saal, aber wenn man sich die nackte Bühne anschaut, merkt man gleich den schwierigen Zustand, in dem sie sich befindet.
Wie alt ist schon das Elektrizitätsnetzwerk im Haus?
Die letzte Generalüberholung fand Ende der 70er Jahre statt. Das ist schon ein Weilchen her…
Wie gefährlich kann das werden?
Man muss schon bedenken, dass, wenn zeitgleich mehrere Vorstellungen in einem Haus bedient werden, es schon beträchtliche Dimensionen sind. Das muss stets mit der entsprechenden Sicherheit verbunden sein. Das wurde mehrmals dem Träger so auch signalisiert.
Inwieweit gibt es noch Geld für Gastkünstler?
Geld für Gastkünstler gibt es in einem gewissen Umfang, d.h. mit einer entsprechenden Planung können wir bei den vorgenommenen Gastkünstlern, -regisseuren, -choreographen, -ausstattern, -instrumentalisten usw. über die Runden kommen. Die Möglichkeiten sind auch hier nicht unbegrenzt, aber das ist jetzt nicht in diesem Augenblick nicht der große Schmerz. Im Regie- und Schauspielerbereich wurden da auch weitere Fördermittel herangezogen.
Was sind die Sachkosten eines Betriebs wie das DSTT?
Eine komplette Auflistung würde hier den Rahmen dieses Gesprächs sprengen, es sind Tausende Zahlungen über ein Haushaltsjahr. Die fälligen Sachkosten an einem Theater sind die Nebenkosten – z.B. Wärme, Wasser, Strom usw. –, ferner  Portokosten, Ausgaben für Telefon, Transport, Unterkunft, Drucksachen, Öffentlichkeitsarbeit, Internetdienstleistungen, Bürobedarf und der große Bereich der Produktionskosten für Bühnenbilder, Kostüme und Requisiten. Hinzu kommen Reparaturen, entweder solche kleineren Umfangs im Haus oder solche an Fahrzeugen oder Geräten. Nicht zu vergessen sämtliche gesetzlich vorgesehene Dienstleistungen wie Arbeitsmedizin und –schutz. Zu den Investitionskosten gehören auch jene Gegenstände, die man für gewisse Theaterinszenierungen anschafft und die einen gewissen gesetzlich vorgeschriebenen Wert überschreiten. Investitionen darf man nur im Rahmen des hierfür vorgesehenen Haushaltes und nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Bürgermeisters tätigen, für jeden einzelnen Gegenstand.
Wie hoch ist der Haushalt für dieses Jahr?
Wir haben zur Zeit von der Stadt Temeswar einen Sachkostenhaushalt von 926.000 Lei genehmigt bekommen. Allerdings muss man bedenken, dass der gleiche Träger zirka 100.000 Lei, die uns für letztes Jahr genehmigt waren, Ende 2010 nicht mehr überwiesen hat. D.h., von diesen 926.000 Lei musste man erst die fälligen Rechnungen vom Vorjahr begleichen. Es bleiben zirka 826.000 Lei Sachkosten für einen Betrieb, der bis auf wenige Wochen im Jahr so gut wie rund um die Uhr läuft.
Welche Geldsumme wurde für die Begleichung der Sachkosten beantragt?
Wir hatten Sachkosten in Höhe von 1.614.000 Lei beantragt, einschließlich Mittel für Sonderprojekte wie das Festival. Wir haben jedoch nur ungefähr die Hälfte bekommen.
Es wurde angesagt, dass „Die kahle Sängerin“ nur noch bis Juni gespielt wird. Was bereitet das DSTT für die kommende Spielzeit vor?
Eine der Premieren, die zur Zeit vorbereitet werden, ist Schillers „Don Carlos“, das verschobene Projekt vom vorigen Jahr, in der Inszenierung von Alexander Hausvater und mit dem bundesdeutschen Schauspieler Wolf E. Rahlfs in der Hauptrolle. „Don Carlos“ feiert am 21. Mai Premiere. Das zweite Projekt ist eine Inszenierung unter der Spielleitung des bundesdeutschen Regisseurs Clemens Bechtel. Bezüglich der Stückauswahl haben wir zur Zeit drei Arbeitsvarianten, doch die Entscheidung darüber fällt diese Woche, nach den ersten Probetagen mit dem Ensemble, das bei dieser Inszenierung mitwirkt. Die Premiere findet am 4. Juni statt. Bei diesem Projekt wird Clemens Bechtel mit der deutschen Gastausstatterin Vesna Hiltmann zusammenarbeiten, die zum ersten Mal ans DSTT kommt.
Gibt es schon Pläne für die kommende Spielzeit?
Das fragen Sie mich lieber nach der Haushaltsumschichtung. Wir führen Gespräche mit unterschiedlichen Regisseuren, so beispielsweise mit Radu Afrim über eine Inszenierung im Herbst 2011, ebenso mit László Bocsárdi. Nicky Wolcz soll die hoffentlich stattfindende Sommerschule im August 2011 mit einer Inszenierung verbinden, die im zweiten Teil der Saison 2011/2012 über die Bühne gehen soll.
In einer Zeit, in der sich die Stadt Temeswar um den Titel einer europäischen Kulturhauptstadt bemüht, fällt ein internationales Theaterfestival aus. Wie kommentieren Sie das?
Ich enthalte mich jeglichen Kommentars.
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Erste Seite abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s