Erst Rosen, dann Prügel

Im Spielzimmer des Frauenhauses verschwinden alle Sorgen.
Frauen finden Zuflucht im Temeswarer Frauenhaus
Von Raluca Nelepcu
Der gewaltsame Tod der Rumänin Viorela Moldovan aus der spanischen Hauptstadt Madrid hat ganz Europa erschüttert. Umgebracht wurde die 19-jährige schwangere Frau und zweifache Mutter von ihrem 21-jährigen Lebensgefährten, der nach der Tat die Leiche der jungen Frau seinem Vater per Webcam zeigte. Diesem teilte er mit, er wolle auch seine 13-jährige Schwägerin töten. Dorel Marcu wurde eine Dreiviertelstunde später von der spanischen Polizei überführt, noch bevor das Mädchen zu Hause angekommen war. Für seine Tat wird er mindestens 25 Jahre hinter Gittern verbringen.
Wegen häuslicher Gewalt wurde der Mörder aus Kleinkopisch/Copsa Mica in Vergangenheit noch nicht angezeigt. Sein Vater wusste zwar, dass die fünfjährige Beziehung von Viorela und Dorel hin und wieder eskalierte und sagte trotzdem nichts. Ein typischer Fall häuslicher Gewalt – und alle Beteiligten hüllen sich in Schweigen.
 Weg von der Vergangenheit
Sie lächelt, wenn sie spricht, aber ihr Lächeln ist bitter. Bitter, aber auch dankbar. Die Füße in plüschig weichen Pantoffeln gesteckt, ohne Socken. Sie trägt eine legere, geblümte Hose und eine rote Sportbluse. Lucretia C. ist 28 und auf der Flucht. Vor ihrem Lebenspartner, der sie regelmäßig schlug, und vor ihrer eigenen Vergangenheit, die sie nicht mit einem nassen Schwamm weglöschen kann, wie eine mit Kreide beschriebene Tafel in der Schule.
„Bei ihm konnte man nicht leben“, erklärt sie kurz, wieso sie sich im Frauenhaus der Caritas Temeswar/Timisoara aufhalten muss und streicht mit der Hand durch die welligen Haare. Ihre schwarzen Augen blicken abwesend auf den Fußboden. Auch sie schweigt zunächst, will nicht zugeben, welcher der wahre Grund ihres Aufenthaltes an dem Zufluchtsort für Frauen Opfer häuslicher Gewalt ist. Mit leiser Stimme verrät sie es dann, so, als wäre es etwas Selbstverständliches. „Ja, er hat mich auch geschlagen“, gesteht sie. Was genau sie erleiden musste, sagt sie nicht. Man ahnt es nur: an den Haaren gezogen, gestoßen, getreten. Klein gemacht, beleidigt, ausgelacht. Mit ihren Füßen hält sie sich an den Stuhlbeinen fest. Lucretia C. braucht einen Halt.
Es ist das zweite Mal, dass die 28-Jährige im Frauenhaus der Caritas landet. Sie ist gerade mal zwei Tage hier, aber sie kennt das Haus, dessen Adresse in Temeswar geheim gehalten werden muss, gut. Damals, vor einigen Jahren, war sie mit einem anderen Mann zusammen. Auch der ein Gewalttätiger. Mit ihm hat Lucretia einen Sohn, der nun von einer Ziehmutter aufgezogen wird. Damals war sie zum ersten Mal im Frauenhaus, versuchte, ein neues Leben anzufangen. Sie musste aber ihren Jungen an ein Kinderheim abgeben, weil sie nicht imstande war, ihn großzuziehen. Nun ist sie auf der Suche nach einem Job. Sie hat nicht viel Erfahrung: Als Putzfrau und Küchenhilfe war sie bisher in verschiedenen Bars und Restaurants tätig. Arbeiten will sie aber auf jeden Fall. Und noch einmal den Start in ein neues Leben wagen. „Drei Jahre und sieben Monate alt ist mein Junge. Ich will ihn unbedingt zurückbekommen“, sagt Lucretia und ihr Gesicht wird plötzlich ernst. Wie, das weiß sie nicht.
 Professionelle Hilfe für Frauen in Not
Acht Jahre ist er her, seitdem es in Temeswar den Zufluchtsort für Frauen Opfer häuslicher Gewalt gibt. Die Idee zur Gründung der Sozialeinrichtung hatte damals die Salvatorianer-Schwester Friederike. Sie kannte die Situation der Frauen, die zeitweilig mit ihren Kindern im Pater-Jordan-Nachtasyl untergebracht waren. „Die waren aber nur eine Nacht da und am nächsten Morgen kehrten sie ja zu ihren Männern zurück, mussten wieder die Schläge über sich ergehen lassen“, erinnert sich Herbert Grün, Leiter der Caritas Temeswar. Die Salvatorianerin initiierte das Projekt eines Frauenhauses, wo den Frauen Opfer häuslicher Gewalt professionelle Hilfe angeboten werden konnte. Das Unterfangen wurde mit Hilfe des Caritas-Verbands der Temeswarer römisch-katholischen Diözese im Jahr 2003 umgesetzt.
Gleich im Januar 2003 kam auch die erste Frau mit ihrem Kind ins Frauenhaus. Einer Statistik zufolge wurden bis 2008 ungefähr 200 Frauen und 185 Kinder in der Einrichtung betreut. „Anfangs waren nicht alle Plätze besetzt, weil viele Frauen damals noch nicht so richtig den Mut hatten, auszusagen und um Hilfe zu bitten“, sagt Caritas-Leiter Herbert Grün. Inzwischen ist häusliche Gewalt auch in Rumänien kein Tabuthema mehr. Jährlich finden 40-50 Frauen Zuflucht im Temeswarer Frauenhaus.
Ein ganz gewöhnliches Haus am  Rande von Temeswar: Das ist das Frauenhaus der Caritas. Hier leben zur Zeit sechs Frauen, vier Kinder, zwei Hunde und zwei Katzen. Eine Psychologin und zwei Sozialarbeiterinnen kümmern sich um die Frauen, die bis zu sechs Monaten im Frauenhaus untergebracht werden können. „In dieser Zeit sollten sie mit ihrer Vergangenheit abrechnen. Sich scheiden lassen, einen Job und eine neue Wohnung finden. Die Zeit ist aber für viele zu kurz“, beteuert die Psychologin Florica Carali, die die Einrichtung leitet.
Ein zeitweiliges Zuhause
Das zweistöckige Haus ist mit Küche, Spielraum und sechs Zimmern mit Hochbetten ausgestattet. An den Fenstern kleben bunte Herzen, Sternchen, Blumen. Ein Tischtuch mit farbigen Ostereiern schmückt den Esstisch in der komplett ausgestatteten Küche. Diese wird jedoch nicht oft verwendet, denn das Essen kommt täglich von der Suppenküche der Caritas.
Das Haus wirkt freundlich und einladend, ein richtig gemütliches Zuhause. Dass nur Frauen hier leben, bemerkt man an der Sauberkeit, die überall herrscht. Hinter dem Haus pflegen die Frauen einen eigenen Garten, in dem zur Zeit die weiß-gelben Narzissen in voller Blüte stehen. Die zwei Schaukeln sind leer, denn das kühle Wetter lädt noch nicht so richtig zum Spielen im Freien ein.
Das Kinderzimmer ist der Ort, wo alle Sorgen verschwinden, zumindest für einige Stunden. Hier spielen Iasmina (6) und Beatrice (2) Puzzle. Eine Sozialarbeiterin kümmert sich um die beiden. Iasmina, die ältere Schwester, sollte vormittags im Kindergarten sein, doch das ist vorläufig noch nicht möglich. „Wir befürchten, dass sie ihr Vater da suchen könnte“, sagt Florica Carali. Die Mutter der beiden hatte mächtig Ärger mit ihrem Mann, bis sie entschloss, endgültig von zu Hause zu fliehen. In ihrem Fall ging es einfach nicht mehr weiter. Doch den aggressiven Ehemann hat sie noch immer nicht los. „Einmal verfolgte er sie bis zum Frauenhaus und schlug sie vor unseren Augen. Eine Mitarbeiterin, die sich in den Streit einmischte, zerrte er an den Haaren“, erinnert sich die Psychologin an den ungemütlichen Vorfall. Mit dem benachbarten Polizeirevier gibt es eine Vereinbarung, die vorsieht, dass sofort eingegriffen wird, falls die Frauen erneut mit ihren aggressiven Partnern zu tun haben. Der gewalttätige Ehemann sei jedoch mit dem Polizisten bekannt gewesen, so dass er frei davon kam, verrät die Frauenhaus-Leiterin.
Dass die beiden Mädchen den Streit der Eltern mitbekommen haben, ist nicht auszuschließen. Die sechsjährige Iasmina konzentriert sich auf das Puzzle, das sie zusammenstellen muss. An den Schränken im Spielzimmer hängen Bilder, die Iasmina und andere Kinder gemalt haben. Auf den Bildern sind Blumen, Bäume, Mädchen und die Mutter. In einer Ecke hängt ein Boxsack, an den einige der Kinder, die das nötig haben, ihren Frust auslassen können. „Beiutza kann noch nicht Puzzle spielen“, sagt die ältere Schwester. Die tolpatschigen Händchen der zweijährigen Beatrice drücken fest auf ein Puzzleteil, das sich in das andere verankert. So stark, dass es „click“ macht und feststeckt. „Ich kann Puzzle machen“, sagt das Kind mit lockig blondem Haar stolz, während ihre ältere Schwester diskret lächelt. Eine Märchenillustration soll entstehen, doch die beiden Puzzleteile, die Beatrice ineinander gesteckt hat, passen nicht zusammen. Von dem verzerrten Märchenbild hat das Kind noch keine Ahnung. Richtige Märchenbilder wird es erst in einigen Jahren zusammenstellen können.
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