Boia

„Diesem Lucian Boia sind wahrlich die Dinge in den Kopf gestiegen“, schreibt Adrian Cioroianu in Dilema Veche. „Nachdem er gesagt hat, dass die Geschichte Rumäniens ein Mythos sei, hat er das auch noch geschrieben. Und als er es schrieb, hat er das nicht einmal in rumänischer Sprache getan, sondern vorwiegend in Französisch! Als ob er sich geniert hätte vor seiner Muttersprache! Mehr noch, als seine Bücher auf Rumänisch erscheinen sollten, war er so faul, dass er sie nicht einmal selber übersetzte – sondern diese Aufgabe einigen Übersetzern überließ, die (natürlich) aus dem Geld und dem Schweiß des Volkes bezahlt wurden. Zum Glück wird endlich, siehe, Gerechtigkeit gemacht! Boia ist seit dem 1. März aufgefordert worden, abzuhauen von der Universität Bukarest. Victoria! Der Tyrann ist geflohen! Ohnehin war der ein Bourgeois und etwas kosmopolitisch!
Der Ex-Außenminister (tristen Gedenkens wegen seiner Aussage zur Deportationsnotwendigkeit der Zigeuner ), Historiker und Epikureer Cioroianu (ich hab ihm einmal zugeschaut, wie er in einem Spitzenrestaurant in Temeswar speiste) sagt schon im nächsten Absatz, dass nur „Bekloppte“ so denken können. Schließt aber nicht aus, dass es solche „Denker“ gibt. Wenn wir das vom übereifrig-parteitreuen und ergo scheuklappigen Unterrichtsminister Daniel Funeriu so vehement verteidigte Unterrichtsgesetz anschauen und beobachten, was mit den Universitätsprofessoren geschieht, die das 65ste Lebensjahr erreicht haben, dann darf ruhig von der Köpfung einer intellektuellen Elite gesprochen werden, die aus primitivsten Spargründen von den staatlichen Universitäten gefeuert wird. Mit der perfide angebotenen „Chance“, ebendort weiter zu unterrichten – für ein Drittel des Professorenlohns! Die dreckigste Art, sparen zu wollen.
Lucian Boia hat zwar in Bukarest und in Paris unterrichtet – für Paris ist der 1944 Geboren gerade noch gut genug! – seine rumänisch erschienenen Bücher sind aber die Zerfetzung des Schleiers, der über die rumänische Geschichtsschreibung verhängt wurde. Die Verschleierung begann mit der Heroisierung der Nationalgeschichte ab dem Urkundenfälscher Hurmuzaki im 19. Jahrhundert und bis zu den Schmierehistorikern der Ceausescu-Ära – von denen einige noch in Schlüsselpositionen in der Rumänischen Akademie der Wissenschaften sitzen (die auch heute noch gewichtige Worte bei der universitären Beförderung in Professorenränge zu sagen haben). Die Funeriu-Reform ist wahrscheinlich nicht als Säuberungsaktion des Lehrkörpers der Universitäten vor unliebsamen Hochschullehrern gedacht gewesen. Aber sie hatte für bornierte Nationalisten solche angenehme Kollateraleffekte wie das Beiseite-Schieben eines Unangenehmen. Cioroianu: „Einen Hochschulprofessor und Doktorvater im Alter von 65 Jahren aus den Kontakten mit seinen Jüngern und Anhängern zu reißen ist eine intellektuelle Barbarei; und wenn dies im März geschieht, inmitten des Hochschuljahres, dann nennt man das auch noch eine immense Dummheit!“
Werner Kremm
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2 Antworten zu Boia

  1. Lucius Fascius schreibt:

    Allerdings hat aber niemand auf irgendeine Weise offiziell protestiert!

  2. Alexander Eickhoff schreibt:

    Es gab Zeiten in denen jederman es als Ehre betrachtete von den „Alten“, den Weisen unterrichtet zu werden. Heutzutage ist aber Weisheit ein Gut ohne (Boersen)Kurs. Der schnelle, meist unreflektierte, Schritt wird bevorzugt. Solcherart stolpert Rumaenien in den Abgrund der belanglosen Beliebigkeit.

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