Gespräch mit dem Banater Musikwissenschaftler Dr. Franz Metz

Der ungarisch-deutsche Komponist Franz Liszt, Lithographie von Deveria, 1832
„Da steckt ein wenig Zukunft dahinter“
In diesem Jahr werden 200 Jahre seit der Geburt von Franz Liszt (1811 – 1886), einem der prominentesten Klaviervirtuosen und Komponisten des 19. Jahrhunderts, gefeiert. Aus diesem Anlass hielt der Banater deutsche Musikwissenschaftler Dr. Franz Metz einen Vortrag in der Temeswarer Volksuni über das Leben von Franz Liszt. Astrid Weisz von Radio Temeswar traf Dr. Metz im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus und führte mit ihm folgendes Gespräch. Das Interview wurde von Nicoleta Dobos und Raluca Nelepcu aufgeschrieben.
Sie halten heute in der Volksuni einen Vortrag über Franz Liszt. Franz Liszt soll Anfang des 19. Jahrhunderts in Temeswar konzertiert haben. Wann war das genau?
Wir feiern in diesem Jahr den 200. Geburtstag von Franz Liszt und das hat mich dazu gebracht, mich näher mit der Konzertreise von Franz Liszt aus der Jahre 1846 zu beschäftigen. Es ging um die Konzertreise durch das Banat, durch Siebenbürgen, die Wallachei, Moldau bis nach Kiew und Konstantinopel, das heutige Istanbul. Diese Konzertreise von Franz Liszt, die größte überhaupt, die er unternommen hat, stellte für ihn einen Wendepunkt in seinem Leben dar. Er war damals 35 Jahre alt und damit beendete er seine Virtuosenlaufbahn. Es war so, dass er ganz einfach nicht mehr wollte, als Musikclown und Fingergymnastikclown vor den Leuten aufzutreten und sie mit dem Rákóczi-Marsch und virtuosen Läufen von oben nach unten und von unten nach oben in Staunen zu versetzen. Bei jedem Konzert gab es Ovationen und Triumphbögen, man hat die Pferde ausgespannt von seiner Kutsche und mit ihm selbst durch die Stadt gezogen bis zu seinem Hotel in Temeswar, Arad oder Lugosch. Er wird nachher nur als Klavierpädagoge tätig sein. Er hatte unzählige Schüler, die aus der ganzen Welt zu ihm geströmt sind. Er war besonders als Komponist und Kapellmeister in Weimar tätig, bevor er dann Abt wurde.
Franz Liszt war einer von uns, das heißt, er ist eigentlich sehr gerne nach Lugosch oder Arad gekommen, also in kleinere Städte. Davor hatte er in Paris, in London, in Wien, in Berlin konzertiert und in großen Kulturmusikzentren Europas wie Madrid in Spanien oder Rom in Italien. Er kam gerne in das damalige Südungarn mit seinen zahlreichen Städten. Er schrieb in einem Brief an Baron Antal Augusz aus Szekszárd, dass er in Lugosch, in Banlok und in Temeswar größere Empfänge und Triumphbögen und Illuminationen also Feuerwerke erlebt hat, als in Pressburg und in Budapest und in Wien, wo man ihn auch so empfangen hat.
Das Temeswarer Wochenblatt schrieb schon Monate davor: Wird wohl Franz Liszt auch uns beglücken? Und siehe da, Franz Liszt ist nach Temeswar gekommen. Er wurde auf der ganzen Reise von drei seiner Freunde begleitet, drei wichtige ungarische Magnaten aus der damaligen Zeit. Es war eine Konzertreise, die er mit drei oder vier Kutschen durchgeführt hat, mit 25 Pferden eingespannt. Die Klaviere wurden auf der Donau aus Paris und Wien ihm heruntergeschickt in Schiffen, in besonderen Vorrichtungen, fast nach jedem zweiten-dritten Konzert brauchte er einen neuen Flügel. Er hat während der Konzerte die Klaviere kaputt gespielt, und es waren große Konzertklaviere.
Franz Liszt wird in Bukarest spielen vor dem damaligen Fürsten Ghica und später Gheorghe Bibescu. Er wird hier vor dessen Frau, Maria Bibescu, einer bedeutenden Pianistin damals, auftreten, und er wir sich zum ersten Mal mit der rumänischen Folklore beschäftigen. Aus diesem Grund wird er später eine ungarische Rhapsodie komponieren, Nr 20 in G-Mol nach Motiven der rumänischen Folklore. Die Rhapsodie wurde in den 1930er Jahren von Octavian Beiu als rumänische Rhapsodie bezeichnet, Liszt selbst hat sie aber nie so bezeichnet. Er hat in Jassy Barbu L²utaru kennengelernt. Er hat in Bukarest Anton Pann kennengelernt und er hat ein Heft mit Notizen aus der rumänischen Volksmusik erstellt – dieses Original befindet sich heute in Weimar im Goethe- und Schiller-Nationalarchiv. Viele Urkunden, viele Dokumente, die auch einen Bezug zu Temeswar, Arad und Lugosch haben, werden hier aufbewahrt.
 
Franz Liszt hat hier in Temeswar konzertiert. Wo genau?
Er hat zum Beispiel in dem Saal konzertiert, der vor einigen Monaten eröffnet wurde, ein Saal im Komitatsgebäude, im Barockpalais also. Der Saal wurde renoviert und sieht heute herrlich aus. Es ist ein Saal mit viel Atmosphäre und da gehen ungefähr 300 Personen hinein. Da hat er am 1. November oder 2. November 1846 konzertiert. Am zweiten Abend hat er im damaligen städtischen Theater gespielt. Das ist das ehemalige Gebäude auf dem Gelände der heutigen Lenau-Schule. Hier hat er ein zweites Konzert bestritten, danach fuhr er nach Lugosch. Am vierten-fünften Abend hat er nochmal ein Benefizkonzert in Temeswar gegeben. Einen Teil der riesigen Einnahmen dieses Konzertes bekam die Schule der Evangelischen-Lutherischen Kirche in Temeswar, einen anderen Teil Bischof Lonovics und einen anderen Teil hat der Temeswarer Musikverein bekommen, der damals von dem Opernkapellmeister Franz Limmer geleitet wurde. Franz Liszt war ein sehr spendabler Musiker und Künstler, der viele Konzerte zu Gunsten von sozialbedürftigen Menschen, Schülern, Musikvereinen und verschiedenen Stiftungen bestritten hat.                                      
                                                                                                 
Und wo ist er noch aufgetreten? Sie nannten Lugosch und Arad…
Temeswar, Lugosch, Arad, Aiud in Siebenbürgen, Hermannstadt, Klausenburg. Kronstadt ließ er liegen, weil es in Hermannstadt zu Übergriffen zwischen der ungarischen und der deutschen Fraktion kam. Nach seinem Konzert verlangte die eine Hälfte, dass Franz Liszt den Rákóczi-Marsch spielen soll, während sich die andere Hälfte den Erlkönig von Schubert wünschte. Es kam zu Tumulten, die Siebenbürger Sachsen verließen den Saal, so dass ihn am nächsten Tag eine Delegation der Siebenbürgen Sachsen besucht und ihm 600 Gulden für ein weiteres Konzert angeboten hat. Liszt aber hatte damals genug, er verließ Hermannstadt fluchtartig Richtung Klausenburg. Er trat noch in Bukarest auf, dann in Jassy, wo er Vasile Alecsandri kennenlernte. Es gab eine interessante Korrespondenz zwischen den beiden. Er lernte den damaligen Volksmusiker Barbu L²utaru kennen und von Jassy ging es weiter nach Kiew, Odessa, Tschernowitz. Zum Abschluss bot er ein Konzert vor dem türkischen Pascha in Konstantinopel. Die letzten 30 Konzerte binnen 30 Tagen hielt er in der Nähe von Odessa. Die ganze Konzertreise dauerte über ein Jahr.
 
Was hat er hier gespielt?
Das Programm ist uns erhalten geblieben. Es waren Bearbeitungen von Opernarien, Opernduetten, Opernouvertüren von Bellini, Verdi,  Meyerbeer, Donizetti aber auch Bearbeitungen nach Schubert und Chopin. Immer zum Schluss der Konzerte spielte er damals entweder eigene Improvisationen, oder einige seiner ungarischen Rhapsodien. Er war kein Freund der Habsburger, es war die Zeit vor 1848, in der er gerade durch die Interpretation dieser ungarischen Rhapsodien die Unabhängigkeit Ungarns von Österreich unterstreichen wollte.
Es war eine interessante Zeit. Diese Konzertreise war nicht nur für ihn, für seine Kariere wichtig, sondern auch für die gesamte kulturpolitische Situation überhaupt in dieser Gegend. Wo er in Südungarn aufgetreten ist, hat man gefühlt, dass dahinter ein wenig Zukunft steckt. Die Revolution stand vor der Tür. Man muss nur den  Rákóczi-Marsch nennen und dann weiß man schon alles.
 
Es ist jetzt mehr als 150 Jahre  her, dass diese Konzertreise stattgefunden hat. Woher haben Sie die Informationen über Franz Liszt und seine damalige Reise?  
Es gibt zwei wichtige Quellen und zwar die erste wichtige Quelle: Desiderius Braun, hat in seinem Buch ein Kapitel dieser Sache gewidmet aber relativ in groben Zügen. Auch das Zitat von Gustav Feldinger, dem damaligen Journalisten beim Temeswarer Wochenblatt, hatte er gebracht, aber nicht mehr. Auch Josef Brandeis, Temeswarer Pädagoge, Geigenspieler, Musiker und Lokalforscher, hat sich auch damit beschäftigt. Dann bin ich den Spuren nachgegangen und habe in den letzten Wochen selbst einige Dokumente in verschiedenen europäischen Archiven entdeckt.  Leider habe ich die Kopien von diesen Urkunden nicht bekommen. Es handelt sich um die Urkunden, die er in Temeswar, Lugosch und Arad erhalten hatte. Sogar den Lorbeerkranz, den er in Temeswar nach dem Konzert von vier Mädchen aufs Haupt gelegt bekommen hat, aus Silber, gibt es auch in einem Archiv. Ich konnte einige Sachen entdecken wie auch seinen Bezug zur rumänischen Volksmusik. Anfang des Jahrhunderts gab es bereits der Temeswarer Domkapellmeister und Musikwissenschaftler Dezsö Járossy, der sich damals bereits auch schon mit Franz Liszt und seinen Werken beschäftigt hat.
 
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