Die nackte Wahrheit?

2009 fand in Vilnius die Konferenz der europäischen Kulturzeitschriften statt. Es gab einen Wortwechsel zwischen dem Slovaken Martin M. Simecka, Schriftsteller, Journalist und Ex-Dissident („Dissident“-lat.-= „Andersdenkender“, „Getrennter“) und dem polnischen Ex-Dissidenten, Essayisten und Schriftsteller Adam Michnik rund um Geheimdienstakten aus kommunistischer Zeit. Michnik hatte in Vilnius behauptet, die Geheimdienstakten seien „unsere Geschichte in der Version des kommunistischen Geheimdienstes“. Folglich sollten diese Dokumente in Ruhe gelassen werden, meinte Michnik – was immer er auch darunter verstand.
Dem widersprach der 1989 aus der Tschechoslowakei wegen antikommunistischer Dissidenz ausgewiesene Simecka – dessen Vater bereits als Dissident bekannt war. Simecka: „Geheimdienst-Verfolgungsakten müssen immer und unter allen Umständen an die Öffentlichkeit gebracht werden.“ Der Slowake erzählte später, dass er, nachdem er seine Geheimdienstakte las, sich aufmachte, die Informanten/Denunzianten zu besuchen. Für ihre Begründungen hatte er Verständnis (Angst, Sorge ums Überleben, um die Zukunft der Kinder, Erpressung, Bedrohung durch den Geheimdienst usw.). Er verzieh ihnen. Aber er begann Adam Michnik zu verstehen: die Veröffentlichung der nackten Wahrheit, in Form von Spitzelberichten, kann unsere Beziehung zur Vergangenheit nicht klären. Sie allein kann nicht zur moralischen Gesundung der Gegenwart führen.
Eine Katharsisfunktion hat sie. Denn es ist zum Gespräch gekommen und zum Verstehen. Zur menschlichen Annäherung, jenseits von Vergangenheitszwängen. Man redete miteinander.
Gerhard Ortinau erzählte bei seinem jüngsten Temeswarbesuch, dass er, nachdem er Einsicht genommen hatte in sein Securitate-Dossier, alle identifizierten Spitzel und Denunzianten angeschrieben und um einen Gesprächstermin gebeten hatte. Kein einziger seiner Denunzianten – weder aus Deutschland (zum Beispiel sein guter Freund aus Temeswarer Zeit, Peter Grosz) noch aus Rumänien (zum Beispiel jene heute pensionierte Hochschullehrerin und Ex-Lehrstuhlinhaberin, die sich seinerzeit vehement und erfolgreich gegen seine Re-Immatrikulation wandte, sogar gegen den Rat der Securitate-Offiziere!) – hat ihm geantwortet. Ortinau hat vor, einen „Securitate-Roman“ zu schreiben, reine Fiktion, und er dokumentiert sich gegenwärtig dafür. Die Ex-Informanten mauern. Man redet nicht miteinander.
Mit dem „Leben einer Akte“ hat Johann Lippet einen anderen Weg gewählt – und einen Achtungserfolg verbucht. Immerhin ist seine Doku-Fiction einer der bislang besten „Securitate-Romane“ geworden. Aufs Miteinander-Reden hat er verzichtet und die Fakten zum Sprechen gebracht.
Simecka spricht vom „Streben nach Freiheit“, das zur „Immunisierung gegen die geistigen Unterdrückungsmechanismen des Systems“ geführt habe. So gesehen hatte auch der „Widerstand durch Kultur“ der rumänischen Intellektuellen einen gewissen Sinn.
Nicht aber ihr Denunziantentum.
Werner Kremm
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