Temeswar soll Europäische Kulturhauptstadt werden

Einzigartig in Europa: Im selben Gebäude spielen drei Nationaltheater in drei verschiedenen Sprachen: rumänisch, deutsch und ungarisch
Die Stadt in Westrumänien muss sich erst einmal im Inland durchsetzen
Von Olivian Ieremiciu
Temeswar/Timisoara soll, irgendwann mal nach 2019, Europäische Kulturhauptstadt werden. In diesem Punkt scheinen sich die meisten einig zu sein: Sowohl Politiker als auch Kulturträger und Geschäftsleute wollen die westlichste Stadt in Rumänien  zum kulturellen Mittelpunkt Europas – zumindest für ein Jahr –  machen.
Bis 2019 stehen die Kandidaturen bereits fest. Ab 2020 jedoch stehen die Tore für eine Kandidatur offen. „Wir müssen umsichtig sein und bereits jetzt mit der Planung und dem Lobby beginnen“, meint Gheorghe Ciuhandu, Bürgermeister der Stadt Temeswar.
Bis zum internationalen Wettbewerb muss sich Temeswar jedoch intern gegen andere Städte durchsetzen, die ebenfalls auf die Liste der Kandidaten für EU- Kulturhauptstädte aufgenommen werden wollen. Bislang stehen im Gespräch: Klausenburg/Cluj, Jassy/Iasi und Alba Iulia.
Einige selbsternannte Späher haben bereits mit der „Aufklärungsarbeit“ begonnen. „Ich habe ein bisschen auf Mata Hari gemacht und meine Fühler ausgestreckt. Klausenburg ist für die Nominierung als Kulturhauptstadt überhaupt nicht vorbereitet. In Jassy glaubt man ebenfalls nicht, dass man für eine derartige Kandidatur gewappnet ist“, sagt Ioan Coriolan Gârboni, der Leiter der Temeswarer Philharmonie.
Einige sind sich nicht so siegessicher. „Vor laufenden Kameras hat Kanzlerin Angela Merkel, bei ihrem Besuch in Klausenburg, versichert, dass sie Lobby für die Kandidatur Klausenburgs zur Europäischen Kulturhauptstadt machen wird“, gibt Lia Lucia Epure vom Rotary-Verein einen Warnschuss ab. Für Temeswar sollen laut Epure zum Beispiel Ioan Holender und die Nobelpreisträgerin für Literatur Herta Müller Lobbyarbeit leisten.
Was Temeswar zur Kulturhauptstadt designiert: „Wir haben in der Stadt etwas Einzigartiges in Europa. Drei Nationaltheater in drei verschiedenen Sprachen: Rumänisch, Deutsch und Ungarisch“, sagt Ciuhandu. Temeswar ist außerdem die erste Stadt Europas mit elektrischer Straßenbeleuchtung (1884 – allerdings hart konkurriert vom oberösterreichischen Steyr) und Temeswar hatte das erste städtische Krankenhaus (1745) in der Habsburgischen Monarchie. Hier konnte man mit der ersten elektrischen Straßenbahn in Rumänien verkehren (1899). Außerdem wird im Präsentationsheft mit dem Titel „Temeswar, offen für Kunst. Zum Titel der Europäischen Kulturhauptstadt“, das zur Förderung der Stadt beisteuern soll, hinzugefügt: „In Temeswar wurde die erste Zeitung in Rumänien herausgegeben (1771) (Anm.d.Red.: man kann wohl kaum sagen, dass Temeswar zur damaligen Zeit zu Rumänien gehörte), im Jahr 1874 konzertierte hier Johann Strauß/Sohn – zum ersten Mal außerhalb Wiens. Temeswar ist die Stadt von Herta Müller, Ioan Holender, Johnny Weißmüller und der Musikgruppe Phoenix“, so im Präsentationsheft. Eines jedoch wird nicht erwähnt: Keine der aufgezählten Persönlichkeiten/Gruppen lebt noch in Temeswar.
Nicht alle sind jedoch so zuversichtlich, dass die Hauptstadt des Verwaltungskreises Temesch/Timis eine derartige Nominierung auch verdient. Jedenfalls nicht nach dem heutigen Stand der Dinge. Nicolae Robu, Leiter der Nationalliberalen aus Temesch und potenzieller Kandidat seitens der PNL für die Wahl zum Bürgermeister im Jahr 2012 sagt, dass Temeswar mit einem derartigen Bahnhof, mit den Straßen voller Schlaglöcher, mit wenig Parkplätzen und mit Gebäuden im historischen Zentrum der Stadt, die in sich zusammenfallen, sich zur Zeit nicht für die Nominierung zur Europäischen Kulturstadt eignen würde.
Robu ist der Meinung, dass die Stadtväter einen genauen Plan ausarbeiten müssen, damit Temeswar eine reelle Chance hat, Kulturhauptstadt Europas zu werden. „Jeder Euro, das jetzt investiert wird, wird zehnfach zurück gewonnen werden“, meint Robu. Der Chef der Liberalen aus Temesch, der zur gleichen Zeit auch Rektor der Technischen Universität „Politehnica“ Temeswar ist, sagte außerdem, dass in Zusammenarbeit mit anderen Universitäten die TU ein starkes Lobby für die Wahl der Weststadt zur EU-Kulturhauptstadt machen wird. „Die TU Politehnica, aber ich mir sicher, auch andere Universitäten, können zur Nominierung beitragen. Durch unsere Beziehungen mit anderen 130 Hochschulen weltweit werden wir ein starkes Lobby machen können“, so Robu.
Die Kandidaturen bis 2019, die bereits feststehen, sind folgende: Im Jahr 2011 teilen sich den Titel zwei Städte: eine aus Finnland, die andere aus Estland. 2012 sind Portugal und Slowenien an der Reihe, jeweils eine Stadt als Kulturhauptstadt zu stellen. 2013 – Frankreich und die Slowakei, 2014 – Schweden und Lettland, 2015 – Belgien und Tschechien, 2016 – Spanien und Polen, 2017 Dänemark und Zypern, 2018 – Niederlande und Malta und schließlich 2019 – Italien und Bulgarien. Die Stadtherren rechnen damit, dass sich die Regeln für die Nominierung in Sachen Kulturhauptstadt ändern werden und ab 2020 nur noch eine Stadt pro Jahr zur Kulturhauptstadt gekürt wird.
Die Verleihung des Titels „Europäische Kulturhauptstadt“ ist auf einer Initiative der EU aus dem Jahr 1985 gestartet worden. Insbesondere die griechische Kulturministerin Melina Mercouri machte sich für diese Initiative stark. Seitdem waren es 42 Städte, die den Namen „Europäische Kulturhauptstadt“ getragen haben.
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