Der samtweiche Würgegriff

Márko Béla wurde beim Ungarnverband UDMR nahtlos und samten von Kelemen Hunor abgelöst. Der politische Ziehvater übergab dem Gesellen geräuschlos die Staffel und die Vertreter der großen rumänischen Parteien durften dabei als Zaungäste zusehen. Márko Béla darf von einem Standpunkt beruhigt sein: seine Linie wird akribisch verfolgt werden.
Von einer großen Bukarester Zeitung befragt, unter welchen Umständen der UDMR die gegenwärtige Regierungskoalition verlassen würde (in welcher er immerhin den Vizepremier und zwei Minister stellt), antwortete Kelemen Hunor trocken: „Wenn wir keine Mehrheit mehr haben werden.“ „Haben“ hat er gesagt, nicht „bilden“!
Der Mehrheitsbeschaffer nahezu aller Regierungen nach der Wende kann nur aus sich selber heraus verschwinden. Das versucht mit hoher Rationalitätsverdrängung und Realitätsignoranz die Autonomiebewegung des Szeklerlands, geschürt und gelenkt vom Ex-Dissidenten und Vizepräsidenten des Europaparlaments, László Tökés, dem Helden der Revolution von Temeswar, der heute seinen Wohnsitz in Ungarn hat.
Nur eine massive Spaltung der Ungarn Rumäniens durch den anscheinend realitätsfremden Tökés und dessen Mitläufer im Szeklerland könnte den Ungarnverband dazu bringen, die Parlamentsschwelle nicht zu schaffen. Auch wenn immer noch zweimal drei sechs ist, kann bei Wahlen nur eine Vertretung der Ungarn Rumäniens die 5-Prozent-Schwelle schaffen. Entweder die andere, oder beide müssen sonst draußen bleiben und können höchstens Teil der Fraktion der „anderen“ Minderheiten werden – nach gegenwärtigem Stand ebenfalls nur eine von beiden. Und das wäre für die Ungarn Rumäniens ein Totalschaden.
Denn der Ungarnverband UDMR hat in beeindruckender Weise gezeigt, wie eine kleine Partei – die zudem intern ziemlich zerrissen ist – das Zünglein an der Machtwaage spielen kann, wenn sie von einem vernünftigen Menschen geführt wird. Das war der Lehrer und Dichter Márko Béla.
Dass man versuchen will, dessen Linie weiter zu gehen, das liegt auf der Hand. Nach der ehrenhaften Staffelweitergabe an Kelemen Hunor hat dieser als Erstes das Protokoll für den Weiterbestand der Boc-Regierung unterzeichnet. Ein Signal. Denn der sanft-unnachgiebig-zielstrebige Führungsstil von Márko Béla hat bewirkt, dass der UDMR nach fast 20 Jahren des Regierens auch die letzten und (für die vielen nationalbeschränkten Politiker Rumäniens) kniffligsten Problemfälle des Ungarnverbands demnächst lösen könnte: das Gesetz der Minderheiten und die Neuaufteilung der Wachstumsregionen, durch welche das Szeklerland zum Mindesten eine Wirtschaftseinheit wird. Letzteres wäre auch Wind aus den Tökés-Segeln. Dass die „samtene Erpressung“ (eine Bukarester Tageszeitung) der Koalitionspartner – immer als Zünglein an der Machtwaage auch ein samtener Würgegriff – unbedingt wirksam ist, wenn es drauf ankommt, ist umso offensichtlicher, als die PDL und ihr Regierungschef zu jedem Kompromiss bereit sind, der sie an der Macht hält.
Werner Kremm
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