Sozialhilfe reduziert, Spenden geringer

Nachtasyl in Temeswar. Zumindest im Winter komplett belegt.
Rentner, Arbeitslose und Kinder betroffen
Von Siegfried Thiel
„Zehn Kinder in einem einzigen Raum – mehr kann sich die Familie an Heizkosten nicht leisten. Ich habe erfahren: Ich kann dieser Familie Geld zukommen lassen, ohne dass dies in der Gastwirtschaft landet. Der Vater ist zu Hause, weil er krank geschrieben ist.“ Mechtild Gollnick vom Hilfsverein „Hilfe für Kinder“ in Temeswar/Timisoara schildert ihre Eindrücke. Sie hat wieder einmal einen Besuch bei einer Familie in Not absolviert. Diesmal befand sie sich in Bentschek/Bencecul der Jos, wo sie neuerdings hilfsbedürftige Familien unterstützt.
Statistik kann täuschen
Betrachtet man allein die Statistik, so sieht die soziale Lage im westrumänischen Verwaltungskreis Temesch/Timi{ nicht gerade schlecht aus: Die Zahl der Sozialhilfeempfänger auf Kreisebene ist recht gering. Kein Wunder, denn in dem bei Temeswar gelegenen Dumbravita steht kein einziger auf der „schwarzen Liste“. Eine gesunkene Zahl an Sozialfällen wird auch in anderen anrainenden   Gemeinden von Temeswar registriert. So gibt es in Giroda/Ghiroda vier Fälle, in Neumoschnitza/Mosnita Noua dreizehn und in Girok/Giroc 19. In Temeswar/Timisoara gibt es 221 Fälle. Sicherlich ist die Statistik, individuell genommen, nicht immer ausschlaggebend, denn die Anzahl der Sozialfälle hängt auch in großem Maße von der Größe der Gemeinde und von der Entfernung bis zu einer Ortschaft mit Industriebetrieben ab. Und trotzdem ergibt die Statistik der Agentur für Sozialleistungen im Kreis Temesch einige überraschende Daten. Während in Warjasch/Varias vermutet wird, dass die Nähe zu Großsanktnikolau/Sânnicolau Mare und seinen Fabriken ausschlaggebend dafür ist, dass die Statistik „Null“ Sozialfälle abgibt, liegt in Großsanktnikolaus selbst die Zahl der Sozialfälle bei 99, obwohl die Stadt so gut wie gar keine Arbeitslose aufweist. Neueste Daten des Arbeitsministeriums ergeben, dass die meisten Arbeitsplätze momentan für jene verfügbar sind, die eine Berufsschule abgeschlossen haben, oder gar keine Berufsbildung aufweisen. Niedrige Löhne und eine mangelhafte Verkehrsinfrastruktur seien Schuld daran, dass diese Stellen offen bleiben.
Nicht vermittelbar und keine soziale Absicherung
Marius Popovici, ehemaliger Stellvertreter der Kreisratsvorsitzenden sprach bereits vor der Wirtschaftskrise von nahezu 100.000  Personen, die allein im Kreis Temesch weder arbeiten, noch beim Arbeitsamt erfasst sind. Sie leben meist von einer Subsistenzlandwirtschaft, wobei die Nutzfläche oft weniger als einen Hektar ausmacht. Gute Transportmöglichkeiten und Firmen auf dem Lande sollten einen Teil dieser aufnehmen können, hatte Popovici damals gesagt. Nicht direkt implizierte Unternehmer nennen diese Kategorie zumindest derzeit „so gut wie nicht vermittelbar“. Die soziale Komponente ist in diesem Bereich recht ausgeprägt: Es geht nämlich oft um Personen, die keine Sozialleistungen erbringen, also kaum Anspruch auf medizinische Betreuung, Arbeitslosengeld und Rente haben können. „Viele Dorfbewohner haben in den Ortschaften, in denen sie momentan leben, keinen festen Wohnsitz, deshalb auch keine entsprechenden Papiere und deshalb auch keinen Anspruch auf Sozialhilfe“, sagt Mechtild Gollnick. Sie setzt fort: „Wenn unter diesen Umständen das Familienoberhaupt auch noch seinen Arbeitsplatz verliert oder erkrankt, ist die Situation besonders dramatisch“. Deshalb sind weiterhin Spenden aus Westeuropa notwendig, doch Rumänien steht auf der Prioritätenliste nicht mehr weit oben, wie dies noch vor einigen Jahren der Fall war.
Armut ist weniger sichtbar. Ausländer von trügerischem Prunk geblendet.
Generell hat die Spendenfreudigkeit in Europa nicht nachgelassen, doch fokussiert die Aufmerksamkeit der Westeuropäer eher in Richtung Länder, in denen sich verheerende Naturkatastrophen ereignet haben. Für das EU-Land Rumänien wird es zunehmend schwieriger, Spenden zu erhalten, „vor allem, weil ein Rumänienbesucher die schönen Gebäude, die teuren Autos und die gut gekleideten Bürger im Stadtzentrum sieht und nicht auf die Dörfer kommt oder in die Hinterhöfe der Vororte einer Großstadt blickt, wo es Kranke, Arme und Behinderte gibt“, sagt Mechtild Gollnick, seit fast zwei Jahrzehnten in Rumänien tätig.  
Andrei Anca, Direktor der Temescher Agentur für Sozialleistungen, erst seit wenigen Monaten im Amt, sagt er pflege einen regen Kontakt zu den Bürgermeisterämtern im Verwaltungskreis. „Die Anzahl der Sozialhilfeempfänger ist niedriger geworden, weil es klare Normen zur Umsetzung der Gesetze gibt. Oftmals waren die Dossiers unvollständig. Es fehlten die notwendigen Papiere“, sagt Andrei Anca. In Zweifelsfällen gibt es nun kein Geld mehr.   
Die soziale Schere gehe immer weiter auseinander, sagt auch Herbert Grün, Geschäftsführer des Caritas-Verbandes aus der Temeswarer Diözese. „Die Preise sind gestiegen, die Renten jedoch auf dem gleichen Niveau geblieben“, erläutert er. Roma, aber auch andere kinderreiche Familien sind stark in Mitleidenschaft gezogen. „Die Tagesstätten in Nadrag/Nadrag, Bakowa/Bacova und Perjamosch/Periam haben gezeigt, dass solche Einrichtungen gerechtfertigt sind“, sagt Herbert Grün.  Mehr als 100 Kinder erhalten ein Mittagessen, vor Ort Lernunterricht und in manchen Fällen gibt es auch das Pausenbrot für die Schule. Nadrag kam bereits vor mehr als zehn Jahren in eine soziale Notlage, als im Ort die Kettenfabrik geschlossen wurde. In Bakowa und Perjamosch wurde Hilfe genauso wie in vielen anderen ehemaligen Dörfern mit deutscher Bevölkerung notwendig, da viele der Zugewanderten nicht gerade die Betuchtesten sind.
Obwohl die Spendenfreudigkeit nachgelassen hat, konnte über Patenschaften und Spenden vielen Familien geholfen werden. Winterholzgeld, Lebensmittel und Unterstützung bei Gebäudereparaturen wurden gesichert. „Die Stadt unterstützt zum Glück unser Nachasyl in Temeswar mit fünf Gehältern und 60 Prozent der Betriebskosten“, sagt Herbert Grün. Genauso wie die Regierung bei den Sozialfällen ihre Unterstützung gekürzt hat, so strich sie 2010 zeitweilig die Subvention für das Nachtasyl, 2011 bleiben die Kindertagesstätten ohne den Zuschuss aus Bukarest.
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