Der Denunziant als Vorbild

Janina Letz, Tabea Naujocks, Sarah Schubert, Jennifer Stolzenberger, Franziska Trescher, und Marko Rissel sind SchülerInnen der 12. Jahrgangsstufe des Rabanus-Maurus-Gymnasiums in Mainz. Sie nehmen dort am Grundkurs Geschichte teil. Und sie haben einen umfangreichen Beitrag zu einem Wettbewerb eingesandt, den Bundespräsident Christian Wulff unter dem Titel „Skandale in der Geschichte“ ausgeschrieben hat.
Die Schüler der 12. haben sich ein Thema ausgewählt, das sowohl skandalträchtig ist, als auch zumindest Personen- und Regionalbezug hat. „Ein Denunziant als Vorbild? Der Fall Grosz“ betiteln sie ihr Thema und wählten als Untertitel schlicht: „Ein Beitrag zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten“.
Skandalträchtig ist das Thema, weil die Vorgesetzten des in den 70er Jahren in Temeswar agierenden Securitate-Spitzels Peter Grosz, gebürtig 1947 in Jahrmarkt – von seiner Aussiedlung Ende der 70er Jahre an und bis heute Deutschlehrer und bis zur Aufdeckung seiner Securitatehörigkeit (durch Herta Müller) auch ein vielseitig kulturell Tätiger – bis heute nicht entschieden haben, ob Grosz beamtet bleiben darf, obwohl er seine Securitate-Mitarbeit in Deutschland systematisch verschwiegen hat. Die rheinlandpfälzischen Schulamtsbehörden schweigen sich beharrlich aus, obwohl der Bürgermeister der Stadt seiner Schule, Oppenheim, vehement gegen seine weitere Beamtung ist, während die Schüler seiner Schule und der Elternbeirat sowie der Schulleiter für einen Verbleib des spitzelnden Lehrers aus Rumänien sind.
Beeindruckend ist, wie die sechs Schüler die moralische Seite des Problems durchleuchten und wie sie ein breites Spektrum von Personen – bis hin zu Martin Walser! – befragen, bevor sie ihre eigene Meinung kundtun. Von den ehemals bespitzelten Aktionsgruppenmitgliedern befragen sie Johann Lippet, Richard Wagner, William Totok, Gerhard Ortinau (der eine Antwort schuldig geblieben ist), Anton Sterbling und Gerhadt Csejka sowie meine Wenigkeit, aber auch den Vater von Sarah Schubert (der persönliche Bezug: Dorel Dobocan, Sarahs Vater, stammt aus Temeswar und wurde von Grosz bei der Securitate denunziert).
Tenor ihrer Schlussfolgerungen: Aus nicht ausreichender Kenntnis des Rumänien in den 70er Jahren muten sich die Mainzer Schüler kein endgültiges Urteil über den (auch von CNSAS bestätigten) Denunzianten „Gruia“(=Grosz) zu, meinen aber, dass er, sobald er dafür Geld angenommen hat, sehr wohl wusste, was er tat und was die Securitate von ihm erwartete. Erpressbar wurde er aber nach seiner einjährigen Haftstrafe in Gherla (wegen Republikflucht) – dass er aber nach seiner Aussiedlung kein Wort über seine vieljährige Securitate-Kollaboration verlauten ließ und dass er sich heute noch als Opfer darstellt, statt seine Täterschaft zu gestehen – das geht den Mainzer Schülern nicht in den Kopf.
Ein Lehrer sollte ein Vorbild sein. Kann er das, wenn er ein Denunziant war? Das ist die Frage, die sie stellen.
Werner Kremm
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