Brief an die Macht

Hier, beim ehemaligen Sitz des Temescher Parteikomitees (heute Präfektur und Kreisratssitz), fand das Treffen der Temeswarer deutschen Autoren mit den Partei- und Securitate-Vertretern statt.
Aus der Akte Aktionsgruppe Banat: Der Protestbrief der Banater deutschen Autoren
 Heute, 17 Uhr, wird, wie in der bz angekündigt, in der Aula der Zentralbibliothek der West-Uni der Film „An den Rand geschrieben- Rumäniendeutsche Schriftsteller im Fadenkreuz der Securitate“ von Helmuth Frauendorfer vorgeführt. Es folgt eine Diskussion zum Thema Literatur in der Diktatur.
Hier soll nun an eine andere brisante Episode aus der Akte Aktionsgruppe Banat erinnert werden. Der Protestbrief von sieben deutschen Autoren aus Temeswar an die RKP 1984, die letzte Großaktion der genannten Autorengruppe in Rumänien vor der Wende, muss zu den wenigen richtigen öffentlichen Protestaktionen gegen Partei und Diktatur in jener Endzeit des Ceau{escu- Regimes gezählt werden. Obwohl die mutige Aktion- Manche sahen sie als Kamikaze- Aktion an- im Westen großes Aufsehen erregte, ist diese Episode selbst zwei Jahrzehnte nach der Wende vielen, nicht nur den Zeitgenossen aus der hiesigen deutschen und der Mehrheitsbevölkerung, sondern vor allem der jüngeren Generation, leider noch immer eine Unbekannte. Und das spricht Bände über Willen und Interesse an einer wahrheitsgetreuen Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit hierzulande.
1984 fiel in das letzte und dunkelste Jahrzehnt des Ceau{escu-Regimes. Es  war das Jahr, in dem die Zensur landesweit und auch in Temeswar seit den fünfziger Jahren nie dagewesene Ausmaßen erreichte. Hauptverantwortlicher dafür war in Temeswar ein berüchtigter Oberzensor: Eugen Florescu, ehemals in der Propagandaabteilung des ZK, wurde 1883 als Propagandasekretär in dem damals von Cornel Pacoste geleiteten Temescher Kreisparteikomitee eingesetzt (Das Amt hatte schon Ion Iliescu 1973-75 aus Parteisicht allzu lasch und „humanistisch“ ausgeübt). In der Zeitspanne 1983-1988 knebelte demnach Florescu, zudem Chauvinist und Nationalist, brutal alle Kulturinstitutionen des Kreises und der Stadt, von den Publikationen bis zu Rundfunk und TV, von Unterrichtswesen bis zu Theater, Philharmonie, Verlag und Literaturszene. Eine Kampagne gegen alle Andersdenkende, darunter auch die Lenauschule und der AMG-Literaturkreis, die gesamte deutsche Intelligenz Temeswars, wurde skrupellos mit allen Mitteln geführt. Vor allem die Autoren aus dem AMG-Literaturkreis, deren Texte, die freien Diskussionen (konsequent von den Informanten abgehört, protokolliert und gewissenhaft der Securitate zugetragen) waren dem kommunistischen Propagandaapparat und dem Geheimdienst ein Dorn im Auge. Die Lage spitzte sich im August 1984 zu, als der junge deutsche Autor Helmuth Frauendorfer von der Securitate verhört, zu Aussagen (über die Staatsfeindlichkeit der eigenen wie auch der Texte seiner Autorenfreunde) gezwungen, geschlagen und mit einem Gerichtsverfahren bedroht wurde. Als letzte Lösung verfassten sieben deutsche Autoren aus Temeswar einen Protestbrief an Cornel Pacoste, Erster Sekretär des Temescher Kreisparteikomitees, und an Dumitru Radu Popescu, damaligen Vorsitzenden des Rumänischen Schriftstellerverbandes. Hier der Text (erstmals von William Totok, einem der Verfasser, in seinem Band „Die Zwänge der Erinnerung“ in Deutschland 1988 veröffentlicht):
 
..An
Genossen  Cornel  Pacoste,
Erster Sekretär des Kreisparteikomitees Temesch
Sehr geehrte Erster Sekretär,
Wir, junge Schriftsteller mit  Temeswar, möchten Sie über folgende Tatsachen
informieren:
Am 19., 20., 21. und 24. Juli und,am 20. August, dieses Jahres ist unser junger Kollege Helmuth Frauendorfer, Absolvent der Philologischen Fakultät in Temeswar (1984), der ein beachtliches literarisches Debüt sowie eine vielseitige künstlerische Betätigung (er hat die Theatergruppe des Studen-tenkulturhauses betreut) und eine publizistische Tätigkeit (als Verantwortlicher der deuschsprachigen Seite der Zeitschrift ,,Forum studentesc'“) aufzuweisen hat, vom Sicherheitsdienst, und zwar von Oberstleutnant Nicolae P²duraru und von Major loan Adamescu verhört wurde. Während des Verhörs ist unser Kollege beschimpft und beleidigt worden, und einmal von Major Adamescu auch geschlagen worden. Er wurde aufgefordert, vorformulierte Erklärungen zu unterschreiben, in denen er bestätigt, daß er ,,staatsfeindliche Gedichte“ schreibe und ähnliche Aktivitäten betreibe. Ebenso hat man von ihm gefordert, Erklärungen zu unterschreiben, die besagen, daß wir, die wir diese Beschtverde unterschreiben, ihn im Sinn dieser ,,staatsfeindlichen Aktivitäten“ beeinflußt hätten. Dies, so der Sicherheitsdienst, sei auch durch den Literaturkreis der Schriftstellervereinigung in Temeswar ,,Adam-Mütter-Guttenbrunn“ geschehen, der von Oberstleutnant P²durariu als „Räuberhöhle“ bezeichnet worden ist. Die ,,Räuberhöhle“ wird vom Schriftsteller Nikolaus Bencanger, Sekretär des Schriftstellerverbandes, geleitet. Einige der Unterzeichner dieser Beschwerde sind Mitglieder des Literaturkreises.
Wir haben uns entschlossen, diesen Brief zu schreiben, da, der Zwischenfall mit unserem jungen Kollegen, der nebenbei gesagt mit einem schriftlichen Verweis endete, nicht der erste dieser Art ist. Seit Jahren werden wir von den Vertretern des Innenministeriums aus Temeswar belästigt. Was wir schreiben, wird tendentiös umgedeutet, um zu beweisen, daß unsere Tätigkeit subversiv ist. Man verweigert uns Auslandsreisen, es fanden Hausdurchsuchungen und Festnahmen statt. Einigen Kollegen wird die Aufnahme in den Schriftstellerverband verweigert, obwohl sie die nötigen Bedingungen dafür erfüllen. Junge Schriftstellerkollegen, die am Anfang ihrer literarischen Laufbahn stehen, werden eingeschüchtert oder durch Erpressungen gezwungen,  mit dem Sicherheitsdienst zusammenzuarbeiten u.a.m.
Es ist offensichtlich, daß dieser Tatbestand nicht Iänger andauern darf. Wir sehen darin eine offenkundige Verletzung der Rechte der Minderheiten unseres Landes, und letztlich eine Mißachtung der Beschlüsse des IX. Parteitags, der, wie bekannt, für unsere Gesellschaft eine neue demokratische Basis geschaffen hat. Der beschriebene Tatbestand, stellt für uns einen offensichtlichen, systematischen Boykott unserer Tätigkeit als deutschsprachige Schriftsteller dar. Diese Schikanen sind nichts als der Versuch, uns zum Schweigen zu bringen und uns zum Verlassen des Landes zu nötigen.
Wir haben uns an Sie gewandt, weil wir der Meinung sind, daß die Rumänische Kommunistische Partei die führende Kraft unseres Landes ist. Es wird immer behauptet, daß der Sicherheitsdienst eine der Partei untergeordnete Behörde ist, und nicht umgekehrt. Wir meinen, daß die Einschätzung eines literarischen Textes und die Äußerung eines Werturteils nicht den Offizieren des Sicherheitsdienstes zugestanden werden darf, sondern nach literarisch- ästhetischen Kriterien vorgenommen werden muß und der kompetenten Literaturkritik überlassen bleiben muß.
Wir wünschen, unsere Lage mit Ihnen persönlich — im Rahmen einer Audienz — zu besprechen und hoffen, daß sie auf Kreisebene zu Iösen ist. Sollte dies nicht möglich sein, sehen wir uns gezwungen, uns an die höehste Parteiführung zu  wenden.
 (Einen gleichlautenden Brief haben wir auch an die Leitung des Schriftstellerverbandes geschickt.)
Temeswar, September 1984
Die Unterzeichner
Helmuth Frauendorfer, Herta Müller,  Richard Wagner,  William  Totok,
Johann Lippet, Horst Samson, Balthasar Waitz.”
Zu einer normalen Audienz bei Cornel Pacoste ist es nie gekommen. Es folgte keine Einladung, sondern eine schriftliche Vorladung für den 12. Oktober, nm 8 Uhr, im Büro des Propagan-dasekretärs Eugen Florescu. Erwartet wurden die Unterzeichner von Eugen Florescu, Ion Iancu, altgedienter   Funktionär der Propagandaabteilung, Oberst Cristescu, Chef des Temeswarer Sicherheitsdienstes, und Anghel Dumbr²veanu, damals Vorsitzender der Temeswarer USR-Filiale.
Für Florescu waren das ,,Einbildungen“ und ,,bizarre Anschauungen“. Der Kommentar des Securitate-Chefs: ,,Staatsfeindlich“, ,,Hetze gegen die kommunistische Gesellschaftsordnung“ und ,,Pessimismus“. Anghel Dumbraveanu spielte seine Dichterrolle diesmal ganz kleinlaut.  Es folgten die Drohungen: Beim nächsten Gruppenauftritt würde man das Ganze als staatsfeindliche Handlung einstufen und den Fall der Staatsanwaltschaft übergeben. Das bedeutete im Klartext: Verhaftung und Prozeß.
Die Folgen waren dramatisch: Ab Januar 1985 wurden die deutschen — aber auch die rumänischen und serbischen — Sendungen des Temeswarer Rundfunks eingestellt. Dieser Maßnahme war einige Zeit vorher schon das Verbot der deutschen und ungarischen Fernsehsendungen vorausgegangen. Der ,,Adam-Müller-Guttenbrunn“- Kreis nahm nach den Zwischenfällen seine Tätigkeit nicht wieder auf. Auf Geheiß der Propagandaabteilung wurde diese im November 1985 wieder aufgenommen: Erwin Lessl, damals Chefredakteur der NBZ, übernahm die Leitung bis 1985, als er selbst im Ausland blieb. Im Leitungskomitee waren außerdem Eduard Schneider und Luzian Geier, beide NBZ-Redakteure, Hans Mokka und Franz Liebhard. Darauf übernahm NBZ- Redakteur Eduard Schneider die Leitung bis 1988, als er sich auch in Deutschland absetzte. Letzter Vorsitzender des Literaturkreises bis zum Dezember 1989 war Anton Palfi. Für die Verfasser folgten allerhand Schikanen durch die Securitate, Publikationsverbot usw. Sechs der Unterzeichner reichten als letzte Konsequenz Anträge für Auswanderung ein und verließen Rumänien bis 1987. Und das war dann eigentlich ein schlechtes Stück Parteiarbeit im Literaturkreis, die keinem, so auch der deutschen Banater Literatur, etwas einbrachte. Die Literatur lebte jedoch weiter, mit ungeahnter Kraft, wie es sich gezeigt hat. Die Autoren machten sich einen guten Namen in der deutschen Literaturszene. 2009, durch die Verleihung des Literaturnobelpreises an Herta Müller, schaffte die rumäniendeutsche Literatur gar den Eintritt in die Weltliteratur. Jedoch auch unser Gedenken an die Banater deutschen Literatur in den schwierigen Zeiten der Diktatur sollte da nicht hintenan hinken. Beide geläutert und gestärkt durch dieses dunkle Kapitel der deutschen Literatur des Banats.
Balthasar Waitz
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