Minusgrade, obdachlos, zusammengeprügelt

Adalbert Simon „Bela“. Das Leben auf der Straße hinterlässt tiefe Spuren. Manche sind zu sehen, andere nur zu erahnen.
Ein Meter unter der Erde, zwischen heißen Rohren gequetscht. „Es ist besser hier, als in der klirrenden Kälte zu schlafen“
Bela steht seit vier Jahren zwischen Leben und Überleben
Von Olivian Ieremiciu
Seine Hände: schwarz-violett, voller Blasen und Wunden. In seinem Gesicht sind die Spuren seiner letzten Tracht Prügel zu erkennen. Sein Blick meist gesenkt. Trotzdem, wenn er lacht, lacht er aus ganzem Herzen. Seine Kleider hat er in diesem Winter nicht gewechselt. Sein Alter ist, auf den ersten Blick, schwer einzuschätzen. Er sagt es uns: er ist 43 geworden. Obdachlos.
Dies ist in wenigen Worten Adalbert Simon, am Balcescu-Platz in Temeswar/Timisoara besser als Bela bekannt. Auf der Straße lebt er seit vier Jahren, seitdem seine Frau an Krebs gestorben ist. „Wir wohnten zur Miete, nur sie stand auf dem Mietvertrag. Nachdem meine Frau starb, warf mich der Staat aus der Wohnung raus“.
Seitdem sind inzwischen vier Jahre vergangen. Die härteste Prüfung: Vier mal Winter. Bei Minus 15 Grad schläft er unter den Bänken im Markt oder, neuerdings, in einem Kanal. „Hier ist es wenigstens warm, ich hatte Glück, dass ich diesen Platz gefunden habe“, sagt Bela. Dass Glück als relativ empfunden werden kann, ist an seinen Händen erkennbar: Voller Brandwunden von den heißen Kanalisationsrohren. „Das ist nichts, ich sollte euch vielleicht mal meine Beine zeigen, da sind richtige Brandwunden“.
Im Nachtasyl auf der Brâncoveanu-Straße kann er nicht übernachten, da er keinen Ausweis besitzt. Und im Kreiskrankenhaus, wo ein spezieller Saal für Obdachlose eingerichtet wurde, will er nicht: „Es sind zu viele Penner da, die aus der Tüte schnüffeln“, sagt Bela. Froh ist er, dass er eine ziemlich dicke Decke hat, die ihn warm hält. Er teilt sich ein Brot mit einem Leidensgenossen. Ebenfalls Obdachloser. „Eine warme Mahlzeit? Daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Richtig gewaschen habe ich mich zuletzt vor zwei Jahren. Aber was soll ich machen? Klauen und im Gefängnis landen? Hier habe ich zumindest meine Freiheit“.
Er gibt aber zu, dass ihn manchmal düstere Gedanken erfassen. „An manchen Tagen will ich mich einfach nur noch umbringen. Ich habe es satt, so zu leben. Besonders oft denke ich daran, mich zu erhängen“. Dann überlegt er es sich aber doch anders und macht weiter.
In seinen Augen ist das größte Problem zur Zeit: „Keine Papiere, kein Ausweis. Wenn ich einen hätte, wäre ich schon längst eingestellt. Ich habe drei Jahre Erfahrung in der Autowäsche“, sagt er voller Stolz auf seine, so wie er es nennt, Berufserfahrung. „Als meine Frau noch lebte, war ich wohlhabend. Ich arbeitete bei der Müllabfuhr, hatte Geld“, erinnert er sich an die damalige Zeit. Jetzt mangelt es ihm an Geld – sogar für einen Ausweis. Oder zumindest ein Brot.
Zehn Schulklassen hat er absolviert. Er ist, so jedenfalls versichert Bela, Schlosser. In der Branche hat er jedoch nie gearbeitet. Er hat einen Sohn, trifft ihn aber fast nie. „Er dreht irgendwelche Geschäfte im Ausland, keine Ahnung, was er tut. Geholfen hat er mir kaum. Nur leere Versprechungen“, sagt Bela, mit einer Stimme, die mehr resigniert als erbost klingt.
Er raucht. „Zigarettenstummel sammle ich aus den Mülleimern. Den Tabak aus mehreren solchen Stummeln tu´ ich in Zeitungspapier und rauche es dann. In der letzten Zeit, mit dieser Wirtschaftskrise, rauchen die Leute die Zigaretten fast völlig runter“, bedauert Bela. „Und apropos Zigaretten. Vor Kurzem haben mir die Kommunalpolizisten eine Strafe in Höhe von 100 Lei aufgebrummt. Weil ich ein Zigarettenstummel auf die Straße geworfen habe“, erzählt  Bela mit einer fast scherzhaften Stimme.
Sein aufgeschwollenes Auge hat er von einer Tracht Prügel, die er vor einigen Tagen kassierte. „Normalerweise schlief ich und ein Freund von mir unter den Ständen im Markt beim B²lcescu-Platz. Keine Ahnung, was mein Kumpel an diesem Abend gemacht hat, fest steht, dass es schon spät war und er immer noch nicht da war. Ich nahm einige Schluck aus der Flasche, um mich ein bisschen aufzuwärmen und schlief ein. Plötzlich schlugen ein paar Männer mit Stöcken auf mich ein. Sie verwechselten mich mit meinem Kumpel. Sie sprachen Ungarisch. Glücklicherweise kann auch ich die Sprache. Ich erklärte ihnen, wer ich bin. Sie entschuldigten sich für die Verwechslung und gingen fort. Ein paar Schläge mehr und ich wäre tot gewesen“.
Alkohol trinkt er, falls er mal etwas Geld hat. „Bei dieser Kälte muss man sich irgendwie aufwärmen. Man darf aber nicht zu viel trinken, ansonsten ist es vielleicht in dem Moment, in dem man besoffen ist, warm und gut, den nächsten Morgen erlebt man jedoch nicht mehr, man friert richtig ein“,  so Bela. Und er scheint, zu wissen, worüber er spricht: „Es sind so viele Bekannte von mir so gestorben, ich kann sie gar nicht aufzählen“.
Betteln tut er nicht. Lieber sucht er im Müll nach Essensresten, manchmal bekommt er auch ein Brot oder Essen von Passanten oder Einwohner des B²lcescu-Platzes. „Manchmal helfe ich einigen hier im Viertel, die Geschäfte haben – beim Ausladen oder sonstiges. Dafür bekomme ich ein Brot oder eine Semmel, jedenfalls was zu Essen, hinzu geben sie mir auch einige Lei. Damit überlebe ich von heut´ auf morgen“. In den wärmeren Jahreszeiten geht es auch aus dieser Hinsicht besser. Es gibt mehr zu arbeiten, mal im Garten aufräumen, mal vielleicht ein Becken in einem Schwimmbad säubern.
Sein größter Wunsch: Ein Job und einen Dach über den Kopf. „Egal, ob nur ein Zimmer oder sonst was. Ich will einfach ein Dach über dem Kopf, ein Zuhause“. Falls er das schafft, will er auch seinen Leidensgenossen mitnehmen. Sie haben letztendlich zusammen alles mitgemacht, zusammen gelitten, zusammen dasselbe Brot geteilt. Viele, die es geschafft haben, von der Straße wegzukommen und ein neues Leben zu beginnen, kennt er nicht. Genauer gesagt: Keinen. Die, die mal früher auf der Straße waren und jetzt nicht mehr sind, sind meist aus einem anderen Grund weg: Tot. Oder im Gefängnis.
Er selber war mal im Knast. Vier Jahre musste er wegen eines geklauten Radios absitzen. Er will nie wieder da landen, dann schon lieber auf der Straße.
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