Rumänisches Gesundheitssystem bleibt ohne Mediziner

Rumänische Krankenhäuser in Krise: 3.000 Ärzte sind 2010 aus Rumänien ausgewandert.
200 Temescher Ärzte haben 2010 das Land verlassen/ Von Ana Saliste
Rund 3.000 in Rumänien praktizierende und ausgebildete Ärzte kehrten im Jahr 2010 ihrer Heimat den Rücken. Die mangelnde Anerkennung und das niedrige Gehalt zählen zu den  Hauptgründen. In den städtischen Krankenhäusern seien die Arbeitsbedingungen immer schwieriger geworden, so die Klage der meisten Mediziner. Im Ausland hingegen lockt nicht nur die bessere Bezahlung, sondern auch die professionelle Fortbildung.
Bis vor einem Jahr hatte der Medizinabsolvent Radu Cristea (27) fast keinen Laborbefund in der Hand und durfte an keiner Operation teilnehmen. Er hat die Medizinuniversität „Victor Babe{“ in Temeswar/Timisoara abgeschlossen, einige Monate in den Temeswarer Krankenhäusern Praktikum gemacht und wäre er noch in Rumänien, so hätte er sich mit dem Gehalt als frischer Assistenzarzt nicht einmal eine Monatsmiete in Temeswar leisten können. Da hat er dieselbe Entscheidung getroffen, die viele seiner Unikollegen auch getroffen haben: Einen Deutschkurs besuchen und Niveaustufe B2 ablegen. Und dann, nichts wie weg. Auf nach Deutschland.
Gehalt in Deutschland – zehnmal größer
Seit knapp einem Jahr hat sich Radu Cristea in der deutschen Kleinstadt Zschopau eingelebt. Er arbeitet nun als Assistenzarzt für Unfallchirurgie im Klinikum Mittleres Erzgebirge. Schon am ersten Tag durfte er sich hier Laborbefunde ansehen und diese analysieren. Seit der zweiten Arbeitswoche nimmt er nun täglich an Operationen teil. Das Gehalt: etwa das Zehnfache wie in Rumänien:  2.400 Euro. Sein Arbeitsprogramm startet um 7 Uhr morgens mit der Morgenvisite und müsste normalerweise um 16 Uhr enden. Doch Überstunden gehören für den 27-Jährigen immer wieder dazu: „Ich bin sehr motiviert und ich freue mich, dass ich schon von Anfang an praktische Sachen machen durfte. Ich muss immer was Neues hinzu lernen. Daher auch die zahlreichen Überstunden. Die machen mir Spaß und sie sind auch in meinem eigenen Interesse“, erklärt Radu Cristea, der nun täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt und sich wöchentlich mit drei Unikollegen trifft, die in derselben Region wohnen. Ans Zurückkommen denkt vorläufig noch keiner.
Der 27-Jährige ist einer der 3.000 rumänischen Ärzte, die 2010 ins Ausland ausgewandert sind, in der Hoffnung, einen besseren Arbeitsplatz zu finden und einer professionellen Fortbildung nachzugehen. In Deutschland muss man dazu nur eine Bedingung erfüllen: Die Prüfung „Zertifikat Deutsch“, Niveaustufe B2 ablegen. Dazu hat Radu Cristea einen sogenannten „Infusion Kurs“ – d.h. einen intensiven Sprachkurs –  in Deutschland besucht.
9.000 Mediziner verließen Rumänien
Die Anzahl der rumänischen Mediziner, die auswandern wollten, ist 2010 um 50 Prozent im Vergleich zu 2009 gestiegen: 2.000 Ärzte haben 2009 einen internationalen Diplomausgleich (good standing) vom Nationalen Ärzteverband beantragt, wie aus einer Studie des Ärzteverbandes hervorgeht. Die meisten Anträge sind in Bukarest registriert worden – knapp 950 – gefolgt vom Verwaltungskreis Klausenburg, mit knapp 400 Anträgen. Im Kreis Temesch/Timis wurden im vergangenen Jahr rund 200 Diplomausgleiche verlangt. Somit liegt der westrumänische Verwaltungskreis an dritter Stelle, was die Auswanderungsanträge seitens der Mediziner angeht.
Insgesamt sind es an die 9.000 Mediziner, die in den vergangenen vier Jahren ausgewandert sind, um in Westeuropa zu arbeiten, ­vor allem in Deutschland, Großbritannien, Spanien und Frankreich. Der Hauptgrund ist für die meisten etwas Selbstverständliches: In Rumänien verdient ein Assistenzarzt im Schnitt nur 250 Euro monatlich, während er in Westeuropa leicht das Fünf- bis Zehnfache bekommt und dazu noch mit modernerer Technik arbeitet. Diejenigen, die noch im Land geblieben sind, versuchen nun, den Auswanderungsprozess zu beschleunigen: Immer mehr Mediziner und Studenten im letzten Jahrgang besuchen intensiv Deutschkurse. Alles andere – Diplomarbeit, die Prüfung zum Assistenzarzt im eigenen Land – ist Nebensache: „Ich konzentriere mich nun darauf, Deutsch zu lernen. Man weiß ja nicht, wie lange diese große Auswanderungswelle noch dauert“, erzählt Maria Negrea, Studentin im letzten Jahrgang an der Temeswarer Medizinuniversität.
Im rumänischen Gesundheitsministerium klingeln inzwischen die Alarmglocken. Rund 7.000 Lei gibt der Staat jährlich für die Ausbildung eines Medizinstudenten aus. In dieser Summe sind Lernmaterialien und Gehälter der Lehrkräfte enthalten. Durch die Auswanderung der im Land ausgebildeten Ärzte geht hiermit das Geld verloren. Wenn die Auswanderung zwei Prozent überschreitet, so müsste der Staat Maßnahmen treffen, warnt die Weltgesundheitsorganisation. Noch wurde aber kein konkreter Plan umgesetzt. Von den insgesamt 41.000 Angestellten, die im rumänischen Gesundheitssystem tätig sind, haben sich 2009 rund 5.000 für einen Job im Ausland entschieden.
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Neuigkeiten abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Rumänisches Gesundheitssystem bleibt ohne Mediziner

  1. oana schreibt:

    have a loo to this article

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s