„Verstärkte Zusammenarbeit mit Theater aus der Schweiz“

DSTT-Intendant Lucian Varsandan: „Ich würde die Lage zur Zeit als leicht dezent bezeichnen“.
„Der Unsichtbare“ von H.G. Wells feiert am 10. März Premiere.
Gespräch mit DSTT-Intendant Lucian Varsandan
Als die BZ-Redakteure zu Beginn der Spielzeit mit Lucian Varsandan, dem Intendant des Deutschen Staastheaters Temeswar (DSTT), ein Gespräch aufnahmen, war es um die deutsche Kultureinrichtung in Temeswar/Timisoara schlecht bestellt. Ursprünglich hieß es, die Spielzeit 2010/2011 würde ohne Premieren ausgehen, mehr noch: Wegen der mangelhaften Finanzierung drohte dem Theater die Schließung. Inzwischen hat sich die Situation verbessert. Die Inszenierungen „Die Zofen“ und „Die Mountainbiker“ wurden vom Publikum besonders gut aufgenommen und im März feiert „Der Unsichtbare“ Premiere. Wie die Lage nun aussieht und was für Pläne die Theaterleitung für die kommenden Monate schmiedet, verrät Intendant Lucian Varsandan den BZ-Redakteurinnen Andreea Oance und Raluca Nelepcu.
Anfang der laufenden Spielzeit war die Finanzierung des deutschen Theaters noch unklar. Wie ist die Situation jetzt?
Die Finanzierung des Theaters hat prinzipiell eine Planungsschwierigkeit. Die besteht darin, dass Theater ihre Tätigkeit nach Spielzeiten gestalten und die Finanzierung im gesamten rumänischen öffentlichen Dienst nach Haushaltsjahren erfolgt. Es kann sein, dass die Finanzierung über eine Spielzeit recht große Schwankungen erfährt, einfach dadurch, dass der eine Teil der Spielzeit in ein Haushaltsjahr fällt und der andere in ein anderes. Zur Zeit sieht es insofern noch ungewiss aus, als noch der Haushalt für 2011 nicht feststeht. Allerdings wurde uns z.B. die Gewährung von Investitionsmitteln nicht in Aussicht gestellt. Diese werden eingesetzt, um Ausstattung zu kaufen, um Reparaturen an der Bühne oder im technischen Bereich vorzunehmen. Das ist ein sehr spezieller und ein sehr schwieriger Bereich, zumal nach der Saalreparatur 2008 die Fortsetzung auch im Bühnenkasten – an der Bühne, Bühnenbeleuchtung und –Ausstattung – nicht fortgeführt wurde. D.h., obzwar das Publikum einen recht neuen Zuschauerraum sieht, wurde seit Jahrzehnten nichts mehr im Bühnenbereich gemacht. Das wird auch in diesem Jahr sehr unwahrscheinlich sein, so die Vertreter der Stadt Temeswar, unsere Finanzierer. Darüber hinaus gibt es nicht mehr die Sorge im Bezug auf die drohende Schließung des Theaters, wie es sie vor einem halben Jahr gegeben hat. Das ist auf den Umstand zurückzuführen, dass wir seiner Zeit zusammen mit der Vertretung der Stadt und auch mit dem Kulturministerium eine Auslegung jener Normativakte finden konnten, die uns von jener Bestimmung ausschließt. Das ändert prinzipiell jedoch nichts an der deklarierten Finanzschwäche der Stadtverwaltung, unter den jetzigen Bedingungen sehr viele Sorgen auf sich nehmen zu müssen und nicht sehr viel Geld im Kulturbereich investieren zu können. Das kann ich bis zu einem Punkt nachvollziehen.
Ich kann es weniger nachvollziehen, wenn man das Ausmaß sieht, in dem wir eigentlich überhaupt eine Belastung darstellen könnten für einen Haushalt wie jenen der Stadt Temeswar. In concreto hieße es, dass DSTT würde bei idealen Bedingungen zirka 0,65 und 0,8 Prozent des Stadthaushaltes bedeuten. Für das Image, das dieses Theater und selbst die Existenz der dreisprachigen Theater in dieser Stadt bedeutet, ist das ein sehr geringer Anteil.
Darüber hinaus gab es diese Übergangszeit leider ohne Premieren für die ganze zweite Hälfte des vergangenen Haushaltsjahres. Wir haben seit Beginn dieses Haushaltsjahres zwei Premieren gehabt, es folgt die dritte, wobei ich sagen muss, dass zwei davon Studiostücke mit Minimalausstattung sind. Ein Theater lebt aber durch seine Ensembleleistungen und Großinszenierungen, die man sich erstmals leisten muss. Somit würde ich die Lage zur Zeit als leicht dezent bis vorsichtig bezeichnen.
Als es ursprünglich hieß, dass das DSTT heuer keine Premieren feiern wird: Wie reagierte das sonst so verwöhnte Publikum?
Das Publikum war und ist immer an unserer Seite. Wir haben trotz den Bedingungen letztes Jahr einen Publikumszuwachs von 20 Prozent. Das Publikum hat die Säle gefüllt. Wir haben eine gute Saalauslastung, die steht bei gut 80 Prozent. Wir haben Stücke, die seit zwei drei Jahren spielen und da sitzen bei jeder Aufführung im Durchschnitt hundert Zuschauer im Saal, was für unser nicht recht großen Saal – wir haben insgesamt 126 Plätze – schon eine Menge ist. Wir haben gespürt, dass uns das Publikum nahe steht und man hat auch den großen Andrang gesehen, als wir dann die ersten Premieren angekündigt haben. Das bestätigt auch die Erwartung, aber auch den Bedarf an unserem Angebot.
Außer dem Geld vom kommunalen Haushalt, wie finanziert sich noch das DSTT?
Das DSTT bekommt Zuwendungen vom Stadthaushalt. Das sollte vielleicht eines Tages auch eine prinzipielle Diskussion aufwerfen. Ich finde es nicht hundertprozentig korrekt, dass die Stadt der einzige Träger ist. Leider sieht die rumänische Gesetzgebung keine gemischten Trägerschaften vor, wie in Deutschland, zum Beispiel. Wir richten uns nämlich nicht nur an die Temeswarer. Wir haben ein Angebot, das wir auch auf Abstechertourneen präsentieren. Theater in ähnlicher Situation, die aber wahrscheinlich auch viel weniger Ausfahrten machen, werden vom Kulturministerium finanziert.
Außer der städtischen Zuwendung erhält das Theater Projektmittel von Einrichtungen aus dem In- und Ausland – hauptsächlich vom Institut für Auslandsbeziehungen Stuttgart. Über solche Mittel können wir die Kosten im Hinblick auf die Projekte, über die wir Kulturimpulse aus Deutschland nach Rumänien transportieren, decken. Das ist insofern sehr wichtig, wenn wir mit deutschen Gastkünstlern, ob Schauspieler, Regisseure, oder Sprecherzieher zu tun haben. Ansonsten würden wir uns wegen des immer noch großen Einkommensgefälles zwischen Deutschland und Rumänien eigentlich die Verpflichtung solcher Kollegen aus Deutschland nicht leisten. Es sind aber auch Projekte im Hinblick auf die Fortbildung des hiesigen Ensembles oder Projekte in Hinsicht auf die größere Breitenwirkung, gerade bei Tournee- und Abstecherbetrieb, die sich teilweise dann über solche Mittel finanzieren. Es gibt eine sehr kleine Zuwendung von der Donauschwäbischen Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg. In Bezug auf beide genannten Einrichtungen und überhaupt auf Projektmittel – ob aus Deutschland oder aus Rumänien – sei ein sehr großes Problem angesprochen. Das ist die Tatsache, dass diese Einrichtungen Planungsabläufe haben, die nur schwer vereinbar sind mit der Planungssicherheit, die am Theater notwendig ist. Wenn man eine Inszenierung plant, für die man einen Gast aus Deutschland verpflichtet, wenn aber diese Verpflichtung von einer Förderungszusage abhängt, die aber nur im Spielzeitverlauf eintrifft, dann haben wir prinzipiell ein Planungsproblem. Jetzt führen wir Gespräche für den ersten Teil des Jahres 2012. Zu einem Zeitpunkt, wo Projektanträge für 2012 gar nicht laufen. Hinzu kommt die Tatsache, dass wir projektgebunden wiederum Zuwendungen beantragen von sämtlichen inländischen Stellen, sei es vom nationalen Kulturfonds oder eben festivalbezogen vom Departement für Interethnische Beziehungen. Für einzelne Projekte, auch letztes Jahr im Bezug hauptsächlich auf das Festival, haben die Botschaft und das Konsulat der Bundesrepublik Deutschland mit unterstützt. Das sind aber nicht sehr große Beträge. Hinzu kommt noch privates Sponsoring. Damit Sie sich ein Bild machen können: Insgesamt werden die Gesamtkosten des Hauses zu etwa 82-85 Prozent von den städtischen Zuwendungen gedeckt.
Wie kostspielig ist eigentlich die Inszenierung eines Theaterstücks?
Das ist sehr unterschiedlich. Es hängt von dem Aufwand für ein Ein-Personenstück im Studio bis hin zur Großinszenierung mit viel Ausstattung oder zu einer Musical-Inszenierung. Wenn die Musik live geboten wird, kaufen wir manchmal ergänzend zu unserem hauseigenen Orchester auch Instrumentalisten von der Staatsoper ein. Man kann keinen Richtwert nennen.
Wie werden die Premieren ausgewählt?
Das ist ein Vorgang, an dem die künstlerische Leitung des Theaters, aber auch die Regisseure beteiligt sind. Wir kommunizieren in beide Richtungen, es werden Vorschläge ausgetauscht. Wir sind nämlich in der letzten Zeit in der Situation gewesen, mit sehr wichtigen Künstlern aus Rumänien, aber nicht nur aus Rumänien, zusammenzuarbeiten. Die Vorschläge haben sich in eine unserer strategischen Richtungen zu fügen. Wir sind bemüht, in erster Linie repräsentative Inszenierungen zu machen, aufgrund der repräsentativen Dramatik, sei es aus der deutschen, rumänischen oder aus der fremdsprachigen Literatur. Dann wollen wir das Kinder- und Jugendtheater bedienen, weil wir auch viele junge Menschen zwischen unseren Zuschauern haben. Dann sind wir um die Wahrung der deutschen kulturellen Identität bemüht. Unser Augenmerk gilt in speziellem Maße der deutschen Dramatik, sei es die klassische oder die zeitgenössische. Dieses Theater ist aber auch dazu da, um gehobene Unterhaltung zu bieten. D.h. wir wollen mit musikalischen Stücken, aber auch mit einem entsprechenden Angebot an Lustspielen auch eine Kategorie des Publikums bedienen, die nicht der großen ästhetischen Innovation zuliebe ins Theater kommt, sondern sich einfach gerne nur einen schönen Abend im Theater gönnen möchte.
Inwiefern wird bei der Auswahl der Inszenierungen die Meinung der Zuschauer in Betracht gezogen?
Es gibt Fragebogen. Anhand dieser können sich die Zuschauer zu dem, was sie auf der Bühne sehen, äußern. Aber auch zu sämtlichen Informationen bezüglich des Theaters, des Marketings, der Internetseite können sie Vorschläge formulieren. Dieses Theater ist mehr als alle andere angewiesen, auf die Wünsche des Publikums zu hören, denn dieses Theater hatte in den letzten 20 Jahren mit einem großen Profilwandel des Publikums zu tun. Man muss sehr aufmerksam darauf achten, was möchte dieses Publikum sehen, damit man es treu an dieses Haus bindet.
Was plant noch das DSTT bis Ende der Spielzeit?
Bis Ende der Spielzeit planen wir  jetzt für den Monat März die Premiere „Der Unsichtbare“ nach H.G. Wells im Rahmen des Programms „Die erste Reihe“ zur Förderung junger Theaterschaffender, Musik und Spielleitung hat mein Kollege, der Schauspieler Alex Halka, übernommen und die Premiere ist am 10. März im Studio des Ungarischen Staatstheaters. Darüber hinaus planen wir in Zusammenarbeit mit der Schauspielabteilung in deutscher Sprache an der Musikfakultät der Temeswarer Westuniversität ein Projekt Theater in Minidramen, am 26. März, unter der Koordination von Dr. Eleonora Ringler-Pascu, mit ihrer Textauswahl. Dann beginnen im April die Proben zu einer verschobenen Inszenierung vom letzten Jahr, „Don Carlos“ von Schiller, in der Inszenierung von Alexander Hausvater, mit einem Gastschauspieler aus Deutschland in der Hauptrolle, Wolf E. Rahlfs, der aus Bruchsal kommt und der dem Temeswarer Publikum schon bekannt ist aus „Kamikaze“ von Alina Nelega, aber auch aus den bisherigen Gastspielen des Theaters aus Bruchsal. Dann veranstalten wir zusammen  mit der Nikolaus-Lenau-Schule in der Zeitspanne 14. – 18. April das internationale deutschsprachige Schul- und Jugendtheaterfestival. Es findet auf unserer Bühne statt. Dann planen wir nach der Premiere „Don Carlos“, die am 21. Mai stattfinden soll, eine Tournee nach Bukarest mit den Inszenierungen „Shaking Shakespeare“ und „Die Mountainbiker“. Und schließlich eine Studioinszenierung unter der Spielleitung des bundesdeutschen Regisseurs Clemens Bechtel, noch im Juni. Hinzu kommen noch die regelmäßigen Abstecher und der übliche Spielbetrieb. Tendenz ist auch, dass wir mehrere Stücke spielen im Monat, von zirka acht auf im Durchschnitt zehn.
Inwiefern gibt es schon Pläne für die nächste Spielzeit?
Wir sind in Gesprächen mit bekannten rumänischen Regisseuren für die ersten zwei Positionen, d.h. eine Premiere im Oktober, eine im Dezember. Und es gibt Pläne eben für das Eurothalia-Festival, da gerade eine Zusammenarbeit in verstärktem Maße mit der Schweiz und überhaupt einen stärkeren Austausch mit dem Theater aus Biel und Solothurn. Mit diesem Theater planen wir nicht nur dessen Gastspiel im Rahmen des Festivals „Eurothalia“, sondern auch einen Schauspieleraustausch, der in der Spielzeit 2011-2012 beginnen soll.
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