In die Verlassenheit ziehen

Verlassene Kirche im Dorf Hodos
Dorf Hodos verliert den Überlebenskampf / Von Ana Saliste
Dumitru Morodan (65) und seine Frau Marioara (62) haben sich vor etwa sieben Jahren dafür entschieden: Ein Alltag mit drei Nachbarn, ohne Verkehrsmittel und Asphalt, ohne Straßenlampen und Apotheken. Ihre Rückkehr ins Dorf Hodos, Verwaltungskreis Temesch/Timis, kam eher zufällig. Hier, wo Kirchenglocken und Verkehrslärm längst verstummt sind, bekamen die beiden ein Grundstück rückerstattet. Am Anfang war es die Neugier und vielleicht auch ein bisschen Melancholie, die sie über den holprigen Weg von Topolovatu Mare bis nach Hodos begleitete. „Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Wir sind zurückgekehr, da ich meinen Heimatort wiedersehen wollte“, erzählt Marioara. Sie blickt jetzt resigniert auf Gras und Unkraut, wo einst ihr Elternhaus stand: „Nichts ist mehr zu erkennen. Ganze Dorfgassen sind verschwunden“, erzählt sie und zeigt auf den Hügel. Die Natur hat fast alles aufgefressen, was einst eine Gemeinschaft von etwa dreihundert Bewohnern war. Ein weiteres Dorf scheint den Überlebenskampf verloren zu haben. Nur noch das europäische Plakat, worauf der Name des Dorfes fett gedruckt ist, ist hier neu und kontrastiert mit der Verlassenheit der Gegend.
Ruinen und kaputte Holzzäune
„Die Leute haben nach der Kollektivierung ihre Häuser bis auf die Ziegelsteine verkauft und sind ganz einfach weggezogen“, erinnert sich Morodan. Von den etwa 300 Haushalten, die es hier in den 60er Jahren gab, sind nur knapp zehn Häuser erhalten geblieben. Sonst sind es Ruinen und krumme Holzzäune, die immer mehr in den Boden hinein vermodern. Nur noch vier Familien leben derzeit in Hodos.
In den warmen Jahreszeiten kehren auch andere Einheimische für ein paar Urlaubstage hierher zurück. Sie grillen, lachen und entspannen. Manchmal reißen sie noch das Unkraut vor dem Hauseingang heraus. Für ein paar Tage wird das Dorf wieder lebendig. Mit Einschränkung: Nur an Wochenenden. Danach verkriecht es sich wieder in die Stille. Eigentlich war auch das Ziel von Dumitru und Marioara Morodan, in Hodos ein Wochenendhaus zu besitzen: „Wir haben bis vor sieben Jahren in einer Gemeinde im Kreis Arad gewohnt. Nachdem uns der Boden hier rückerstattet wurde, haben wir uns ein kleines Haus gebaut. Wir wollten nur ab und zu und immer für kurze Zeit zurückkehren“, erzählt Marioara. Schrittweise haben sich aber die Beiden an die Stille und Verlassenheit der Gegend gewöhnt. „Wir hatten am Anfang gar nicht gemerkt, dass wir eigentlich hier ansässig wurden“, sagt Dumitru Morodan lächelnd. In ihrem Haus gibt es nun einen Ofen, ein Bett, eine Nähmaschine „Ileana“ und ein melancholisches Lächeln: „Es ist mein Zuhause. Ich wollte einfach hier bleiben“, nur mit diesen Worten will die Frau ihre Entscheidung begründen.
Keine Verkehrsmittel mehr
„Wir kümmern uns den ganzen Tag um unsere Tiere“, erzählt der 65-jährige Dumitru Morodan der zusammen mit seiner Frau Schweine, Kühe und Hühner züchtet. „Die Zeit vergeht für uns ziemlich schnell. Eigentlich haben wir genug, um zu leben. Es fehlt aber manchmal dieses Menschliche, die Sonntagsmesse in der Kirche, die Feste, die früher an Feiertagen veranstaltet wurden“, erzählt er. „Früher haben sich hier alle Jugendlichen aus den umliegenden Dörfern getroffen und wir haben gemeinsam gefeiert“, erinnert sich seine Frau.
Nur einen Steinwurf von ihrem Haus entfernt stehen verlassene und verwüstete Häuser, kahle Gärten, zerstörte Hoftore. Es fehlen Kinderstimmen und Menschentreffen. Wenn überhaupt etwas zu hören ist, dann die zahlreichen Hunde, die auf den grauen Gassen ziellos spazieren. „Das größte Problem ist, dass es hier keine Verkehrsmittel mehr gibt. Früher kamen noch Kleinhändler, die unsere Milch und Käseprodukte kauften. Jetzt lohnt es sich für sie nicht mehr“, so Dumitru Morodan, der gern den selbstgemachten Rahm zum Verkosten bietet.
Gemeinsam mit den anderen Nachbarn gehen sie fast jeden Sonntag in die Kirche. Hier sprechen sie dann leise ihre Gebete aus. So wird auch die Kirche für ein paar Minuten wieder zum Leben erweckt. Und die summenden Menschenstimmen ertönen dann langsam über den Mauerschimmel, zwischen den Rissen, den verwischten Wandgemälden und den Spinnengeweben. Eine Heilige Messe wurde hier seit Jahren nicht mehr zelebriert. „Es wird auch niemals mehr eine zelebriert werden“, schließt Dumitru Morodan. Damit hat er sich längst abgefunden. „Wir sind die letzten hier“, schlussfolgert der 65-Jährige und schweigt.
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