Museologie in einem spektakulären Problembau

Dr. Dumitru Teicu, jüngst bestätigter Direktor des Museums des Banater Montangebiets von Reschitza

Ein spektakulärer Problembau: der Sitz des Reschitzaer Museums
Gespräch mit dem Direktor des Museums des Banater Montangebiets, Dr. Dumitru Teicu
 Einer der drei (von fünf) Direktoren von Kulturinstitutionen, die im November 2010 im Banater Bergland im Amt bestätigt wurden, ist Dr. Dumitru Teicu. Der Mediävist und Archäologe ist einer der langlebigsten Direktoren im Banater Bergland (seit 1990 im Amt) und als Erforscher des Banater Mittelalters die Ansprechperson. Dr. Teicu hat sich seit einigen Jahren auf die Veröffentlichung von Beiträgen zur mittelalterlichen Geschichte des Banats konzentriert und füllt damit eine gut 50jährige Lücke in der Banatforschung. Wegen der Tatsache, dass das Banat im Mittelalter unter der Herrschaft der Könige von Ungarn stand – also Teil des Königreichs der Ungarn war – hatte die nationalkommunistische Historiographie diesen Geschichtsabschnitt ignoriert bzw. sabotiert, indem zur Erforschung dieser Periode kein oder kaum Geld zur Verfügung gestellt wurde. Zudem brachte die Erforschung des Banater Mittelalters keine akademischen Sporen ein. Mit den jüngst neuerlich im Amt bestätigten Direktor des Museums des Banater Montangebiets sprach Werner Kremm.
 Wie definieren Sie ein Museum?
Als Leiter eines Museums kann ich Ihnen nur mit der gesetzlich festgeschriebenen Antwort für Rumänien aufwarten: Im Gesetz der Museen und Öffentlichen Sammlungen von 2003 ist ein Doppelstatus unserer Institutionen festgeschrieben. Jedes Museum ist laut diesem Gesetz eine wissenschaftliche und eine kulturelle Institution, hat also zwei Kategorien von Nutzern, Benutzern und Beschäftigten, Wissenschafler und Forschungsinteressierte einerseits und Bildungsinteressierte, also Museumsbesucher, bestehend aus Zielgruppen des Kulturprozesses.
Da uns unsere Zielgruppe interessiert, haben wir 2010 der Universität Reschitza einen Forschungsauftrag anvertraut, nämlich die Besuchergruppen der ständigen und Wechselausstellungen zu erforschen. Befragt wurden 441 Besucher, 229 Frauen und 212 Männer. Fast die Hälfte der Besucher hatten ein Hochschulstudium beendet (208, vier mir Doktorat), 188 waren zwischen 25 und 65 Jahre alt, 141 waren Studenten, 106 Schüler. Die Auswertung ist inhaltlich noch nicht komplett abgeschlossen, zumal es in Rumänien wenig Vorbilder dazu gibt, wir uns also noch auf Neuland bewegen.
Wissenschaftlich sind wir in einer Aufbauphase der wissenschaftlichen Kontakte. Diese sind seit 1990 eng zum deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, auch Ungarn), werden zunehmend enger zum serbischen Raum und immer intensiver zum europäischen akademischen Umfeld: Warschau, Lodz, Krakau, Köln, Bonn, Frankfurt am Main, München, Budapest und Wien.
 Wie kommen Sie mit Ihrem modernen Museumsbau zurecht?
Das Problem ist nicht der moderne Museumsbau, sondern dass dieser in einer Zeit unglaublichster finanziell-materieller Restriktionen – und entsprechender architektonisch-bauausführlicher (meist fauler) Kompromisse – ausgeführt wurde, zwischen 1975-1987.  Seine effektive Nutzung begann 1989, als das noch ein praktisch leerstehender Bau war. Die Ausstellungsräume sind am Parterre und in den vier aufgefächerten Räumen, die durch schiefe Ebenen verbunden sind. Um schon in der Entwurfsphase daraus ein modernes Museum zu machen, hätte man mit Konservatoren, Museumsmanagern und dem Entwurfsingenieur eng zusammenarbeiten müssen. Was nicht geschah. Es gibt hier keine Möglichkeit natürlicher Ventilation, zu viele Räume mit in Winkeleisen starr eingefügten Glasfenstern, Glashauseffekt sommers wie winters, keinerlei konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit – die Grundvoraussetzungen für eine Konservierung der Exponate.
Daraus lässt sich eine der Hauptkomponenten der Leitungstätigkeit dieses Museums heraushören: Ressourcen finden und Geldgeber von der Notwendigkeit der stufenweisen Reparatur oder den Umbau der Entwurfsfehler dieses grundsätzlich schönen Gebäudes finden. Dass nicht alles auf einmal gemacht werden kann, liegt auf der Hand – dazu müsste man wohl ein neues Museum bauen… Wir haben es leider immer noch mit einem museumsunfreundlichen Bau zu tun. Erst wenn alle Ventilations-, Beleuchtungs-, Temperatur- und Feuchtigkeitsstandards sowie die Frage der Ausstellungsräume geklärt sind, erst dann kann man Ansprüche an eine effektive Ausstellungstätigkeit stellen. Außerdem ist der Bau, nebenbei bemerkt, auch nicht brandsicher.
 Trotzdem ist das Image des Museums des Banater Montangebiets nicht das Schlechteste…
Danke! Aber das kommt vor allem von der Forschungsarbeit und den Publikationen. Nach der Wende eröffnete sich nämlich auch die Chance: Während es Forschungen zur Urzeit noch und noch gab und während die Geschichte der Arbeiterbewegung über und über strapaziert wurde, gab es dunkle Flecken, zum Beispiel die Geschichte des Banats und Siebenbürgens zwischen 800 und 1918. Da lag eine Chance und da ich selber mich auf das Mittelalter spezialisiert hatte, habe ich mit einigen Gesinnungsgenossen begonnen, regelmäßig Fachwissenschaftliches zum Thema zu veröffentlichen. So spricht man inzwischen in Fachkreisen von einem „Zentrum Reschitza“ für Mittelalterforschung. Das äußert sich dann nicht nur in den Sammelbänden der „Banatica“ (2010 ist Band XX als Doppelband erschienen), sondern auch in der Zeitschrift „Arheologia medieval²“ – etwas Einzigartiges für Osteuropa – oder in der von den Akademiemitgliedern Stefan Pascu und Razvan Theodorescu herausgegebenen „Istoria Românilor“, wo steht (2001, Band III, Seite 4), dass in Reschitza „eine neue Generation von Fachforschern zur mittelalterlichen Archäologie heranwächst“. „Die mittelalterlichen Festungen im Banat“, „Mittelalterliche Kleinkunst im Banat“, „Patrimonium Banaticum. Multikulturaliät und Multikonfessionalität im Banat“ oder „Die Ekklesiastische Geografie des Banats“ (deutsch und rumänisch) und „Die Archäologie des mittelalterlichen Dorfes im Banat“ haben allmählich den Status von standartnahen Werken erlangt, die in anderen Fachstudien fleißig zitiert werden. In diesem Sinne hat sich tatsächlich ein Image des Museums des Banater Montangebiets aufgebaut.
 Trotzdem: An wen wendet sich das Museum des Banater Montangebiets als Zielpublikum?
Ich sage es mal so: Eine Rekordbesucherzahl haben wir bei „Auf Leben und Tod. Hieb- und Stichwaffen im Laufe der Jahrhunderte“ verzeichnet. Allein 3.000 Schüler haben diese Ausstellung gesehen (á propos: Schüler und Studenten haben freien Eintritt!). Hingegen: Wir haben kaum Erwachsene bei dieser Ausstellung gesehen. Andrerseits: Wir rechnen schon auch damit, dass von den 3.000 jungen Besuchern der Spektakulärausstellung (auch der Titel war bewusst provokant und attraktiv gewählt) mehrere hundert zu unseren stetigen Besuchern der Zukunft werden. Auf keinen Fall sehe ich in elitistischen Expositionen einen Weg für die Zukunft. Für diese wird es immer ein zahlenmäßig beschränktes Zielpublikum geben.
Um also direkt auf die Frage zu antworten: Als unser gegenwärtiges Zielpublikum sehe ich vorrangig präuniversitäre Schülergruppen mit einem bestimmten Erziehungsziel und einer anerzogenen lokalhistorischen Motivation, also auch Neugier für ihre historische Umgebung.
 Wie finanziert sich das Museum des Banater Montangebiets?
Wie alle Museen: einmal und hauptsächlich über Zuschüsse – in unserem Fall vorwiegend von der Kreisverwaltung. Aber seit es Investitionen in Bereiche wie Wind- und alternative Energien gibt und seit sich im Straßenbau der Region etwas rührt, haben wir auch Einnahmenalternativen: Archäologische Rettungsgrabungen sind durchzuführen, die aus dem Budget der Investitionen und vom Kulturministerium bezahlt werden. Gegenwärtig wird die Anlage der Windparks von Varadia (ein schon lange bekanntes und erforschtes archäologisches Grabungsfeld), Gârnic, Naidas, Socol, vorbereitet, die Autobahn Arad-Temeswar entsteht und an der Ringstraße um Karansebesch wird gebaut, der Nationalstraßenabschnitt DN 6/E 70 zwischen Lugosch und Karansebesch wird umgebaut. Seither haben wir nicht nur Zusatzeinnahmen aus diesen Projekten, sondern als Archäologen auch noch und noch zu tun.
 Fördermittel der EU?
Mit steigender Tendenz. 2007 haben wir 30.000 Euro nicht rückzahlpflichtige Mittel gehabt, mit denen wir „Patrimonium Banaticum“ realisiert haben. Grenzüberschreitend. 2008/09 folgte eine ähnliche Zuwendung über 75.000 Euro für „Die Festungen des Banats – europäisches Kulturgut“. Veröffentlicht wurde ein Repertorium der Festungen und ein Katalog mittelalterlichen Schmucks, aus archäologischen Funden. Damit gibt es erstmals, dank der EU-Finanzierungen, gesamtbanater Übersichten über die Kirchen und Festungen des Mittelalters. Eine Folge: Das Rathaus der Gemeinde Coronini/Pescari hat 2010 ein Projekt zur Restaurierung der königlichen Festung am linken Donauufer vorgelegt, dem Pendant der Festung Golubac des Sigismund von Luxemburg am jenseitigen Donauufer. Gerade vor Kurzem haben wir eine weitere nicht rückzahlpflichtige EU-Finanzierung an Land gezogen, 130.000 Euro für „Zivilisations- und Kommunikationswege in den Tälern von Karasch und Nera“. Abwicklungszeit: 18 Monate, ab Januar 2011.
 Zukunftsprojekte?
Momentan habe ich nur bis 2015 geplant. Eines der Projekte ist das schon erwähnte mit den Zivilisations- und Kommunikationswegen. Daraus entstehen vier Bücher. Dann folgen zwei Projekte, die auch die Deutschen betreffen: Zusammen mit Banater Museen und dem Museum der Wojwodina sowie dem Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm bereiten wir eine Ausstellung zum Thema „300 Jahre Ansiedlung im Banat“ vor. Migration im weitesten Sinn soll thematisiert werden. Dann haben wir vor – wieder zusammen mit Ulm – einmal eine andere Sicht über Volkstrachten im multiethnischen Großraum des Banats in einer Ausstellung zu thematisieren. In einem Langzeitprojekt möchte ich sodann die wichtigsten deutschsprachigen Bücher über die Geschichte des Banats ins Rumänische übersetzen lassen und drucken. Von diesem Projekt verspreche ich mir ein starkes Echo in den rumänischen Forscherkreisen, zumal es eine Brücken- und Aufklärungsfunktion erfüllen soll. Nicht zuletzt möchte ich 2012 eine „Archäologische Bibliographie des Banats“ – wieder ein Nachschlagewerk  – herausbringen.
Zu alldem wünschen wir Ihnen viel Erfolg!
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