Gespräch mit dem Schriftsteller Daniel Vighi

Der Schriftsteller Daniel Vighi
Panzer und Soldaten sollten vor 21 Jahren für Ordnung in der Stadt sorgen.
21 Jahre seit der Revolution in Temeswar
„Die Welt und die Freiheit können nicht durch die Salami bewertet werden – ob sie aus Soja besteht oder nicht“, sagt Daniel Vighi. 21 Jahre nach der Revolution erzählt der Temeswarer Schriftsteller über seine Erlebnisse im Dezember 1989. Über das, das Leben als Schriftsteller im Kommunismus und was für Erwartungen nach 1990 in Erfüllung gegangen sind, führten die BZ-Redakteurinnen Ana Saliste und Andreea Oance mit ihm das folgende Gespräch. 
 Wie haben Sie die Revolution erlebt?
Ich war damals Lehrer an der Grundschule Nr. 15 im Fratelia-Stadtviertel. Ich habe die allerersten Schritte erlebt, von der Bewegung, die später eine Revolution wurde. Eines Abends war ich mit dem Dichter Eugen Brumaru am Haus von László Tökés vorbeigegangen. Da haben wir zwei Securisten in einer Skoda gesehen, die anscheinend das Haus bewachten. Ich kann mich gut daran erinnern, dass sich auch eine Gasflasche hatten, um sich zu erwärmen. Wir wollten noch am selben Abend zu Tökés zurückkehren, haben uns das aber anders überlegt, da wir Angst hatten, verhaftet zu werden. Da habe ich Brumaru gesagt: ´Wie feige sind wir und wie viel Mut der Mann hat, der im Haus wohnt´. Das war eine Woche vor dem Start der Revolution. Ein paar Tage später haben sich vor Tökés´ Haus etwa 60 Leute versammelt. Sie hatten Kerzen angezündet, alle. Da habe ich gleich an den Wenzeslaus-Platz  gedacht, denn ich hatte im Fernsehen gesehen, was in Jugoslawien und Ungarn passiert war. Da ist mir aufgefallen: diese Leute protestieren! Am nächsten Tag war schon der 16. Dezember. Auf dem Weg nach Hause bin ich vorbeigegangen. Die Revolution war gestartet! Ab dem Moment hat sich alles so schnell weiterentwickelt.
Was aber nur sehr selten gesagt wird ist, dass damals, am 16. Dezember 1989, auch eine schriftstellerische Aktion stattfand. Viele Temeswarer Schriftsteller und Kulturmenschen haben sich damals vor Tökés´ Haus versammelt: Viorel Marineasa, Lucian Vasile Szábo, Iosif Costinas, George Serban, Doina Pasca Harsanyi und Nicu Harsanyi.
Nach 21 Jahren fragen sich die Rumänen immer noch: War es ein spontaner Ausbruch, ein Aufstand, oder doch ein Staatsstreich? Was glauben Sie?
Es war spontan. Diejenigen, die anfangs protestiert haben, waren Mitglieder der Theatergruppe des Studentenkulturhauses, mit denen Tökes zusammen arbeitete. Sie haben sich die Idee mit den Kerzen ausgedacht, das war aber alles, was sozusagen vorgeplant war. Ich habe keine Russen dort gesehen. Ich glaube, das sind Lügen. Ich habe auch Grigore Cartianu das gesagt. Er meint, wir wurden provoziert. Ja, das wurden wir. Aber von Armut und vom Freiheitswillen wurden wir provoziert. Es mussten keine Russen kommen, damit wir uns die Freiheit wünschen. Vielleicht waren auch Beobachter dort, die über die Ereignisse informiert haben, nicht die haben aber unsere Revolution gemacht. Mit solchen Spekulationen tun wir nichts anderes, als uns selbst, unsere Geschichte, zu sabotieren.
 Wie war das Leben als Schriftsteller im kommunistischen Regime?
Paradoxelweise war ein Schriftsteller damals besser angesehen als heute. Er war höher geschätzt und respektiert. Dies insbesondere, wenn er subtil Kritik gegenüber dem Regime übte. Es wurden damals auch mehr Bücher verkauft als heutzutage, weil das Fernsehen damals keine Konkurrenz war. Der Schriftsteller war irgendwie als ein Aristokrat angesehen. Ich meine das metaphorisch, natürlich. Der Schriftsteller war damals irgendwie privilegiert. Heute muss er aber mit den Medien, dem Internet usw. konkurrieren.
 Bei Ihrem Debüt 1985 wurden Sie mit einem Schriftstellerpreis ausgezeichnet. Ihr Buch „Erzählungen rund um die Depozitului-Straße“ wurde aber zensiert. Worum ging es damals?
Zensur und Selbstzensur gab es schon immer. Ich hatte damals zwei Hauptgestalten: Den Feuerwehrkommandant aus Lippa/Lipova, wo ich meine Kindheit verbracht habe, nannte ich in meiner Kurzprosa Nicu, seinen Sohn, Nicusor. Es war aber ein sehr verbreiteter Name, ich hatte nicht an Ceausescu gedacht. Mein Redakteur hat mich aber darauf aufmerksam gemacht. Ich musste sie in Nelu und Nelutu umnennen. Es war ein kleiner Kompromiss, den ich schließen musste, um veröffentlicht zu werden. Das wurde auch von Monica Lovinescu bei Radio Free Europe präsentiert und stellte eine Welt ohne jegliche Zukunft dar, aber es sprach nicht Ceausescu an.
 Wenn Sie jetzt zurückblicken, haben sich Ihre Erwartungen bezüglich Demokratie und Freiheit erfüllt?
Ja, viele sind in Erfüllung gegangen. Ich beurteile die Menschen nicht im Bezug auf Geld oder ob es Sojasalami gibt oder nicht. Ich bin froh, dass ich in dieser Welt lebe, auch wenn es schwierig ist. Es ist aber eine freie Welt. Die kann mit einer Welt ohne Freiheit nicht verglichen werden. Was nach 1990 nicht erreicht wurde, sind die Standards der öffentlichen Moralität. Störend ist die Korruption. Ich beziehe mich hier insbesondere auf die Politiker, die weiterhin korrupt und Demagogen sind, auf die Justiz, die noch nicht gründlich umgestaltet wurde sowie auch auf einen Teil der Universitäten.
 Sie sind Mitgründer der Gesellschaft „Timisoara“, die insbesondere für die Einsetzung des Lustrationsgesetzes kämpfte. Wie stehen Sie dazu, heutzutage?
Das Lustrationsgesetz war am Anfang sehr wichtig und notwendig für die rumänische Gesellschaft. Jetzt empfinde ich es aber nicht mehr so. Die Gesellschaft wurde damals von jenen gegründet, die am 16. und 17. Dezember protestiert haben. Viele von uns kannten einander bereits vor der Revolution und wussten, dass keiner, oder zumindest nur sehr wenige unter uns, Informanten der Securitate waren. Hauptziel war damals, eine freie Zeitung herauszugeben, so ist die Zeitung „Timisoara“ erschienen.
 Die Revolution ist in Temeswar gestartet. Und trotzdem scheint es, dass Ihr hier keine besondere Aufmerksamkeit zuteilt wird. Die Revolution hat keine starke Identität in Temeswar. Wie sehen Sie das?
Leider wird die Revolution nur als Stereotyp und durch Klischees gefördert. Es ist auch sehr schwer, dies zu vermeiden. Jedes geschichtliche Ereignis verfällt mit der Zeit diesen Klischees. Es sind Ereignisse, die durch wiederholte Gedenkfeierlichkeiten langweilig werden. Ich versuche, das Menschliche der damaligen Zeiten in den Vordergrund zu rücken, eben um diese Stereotypen zu vermeiden. Ich glaube, dass die Ereignisse in den Schatten treten, um dann wieder in den Vordergrund zu rücken.
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