Ein köstliches Gebäude

Eine Lebkuchenvilla
Hat das Haus der Hexe so ausgeschaut, dass Hänsel und Gretel angezogen hat?
 
Lebkuchenhäuser zur Schau gestellt
Lebkuchen gibt es in vielen alten Kulturen schon lange. Bereits die alten Ägypter verwendeten gewürzte Kuchen als Grabbeigabe. Das nahrhafte Gebäck sollte die Toten auferwecken und sie im jenseitigen Leben stärken.
In Ulm und in Nürnberger Männerklöstern wurde im 14. Jahrhundert „Gesundheitsbrot“  gebacken und in Apotheken verkauft. Die deutsche Bezeichnung „Lebkuchen“ für das duftende, würzige Gebäck erschien 1409 das erste Mal in einem Haushaltsbuch fränkischer Mönche. In anderen Gegenden heißt es Lebzelten, Magenbrot, Honigkuchen, oder auch Pfefferkuchen – da „Pfeffer“ der Überbegriff für alle exotischen Gewürze war. Manche regional unterschiedlichen Lebkuchen sind zu regelrechter Berühmtheit gelangt, wie etwa Nürnberger Elisenlebkuchen, die Aachener Printen, die Thorner Pflastersteine oder die Basler Leckerli.
Für die Fastenzeit vor Ostern und im Advent eignete sich das kräftigende Gebäck besonders gut, weil es durch seine gesunde Nahrhaftigkeit Mangelerscheinungen vorbeugte.    
Als Kaiser Friedrich III. 1487 zum Reichstag in Nürnberg weilte, ließ er viertausend Kinder in die Burg kommen und beschenkte sie mit Lebkuchen – er wusste also offenbar genau Bescheid um ihren gesundheitlichen Wert.
 Nicht nur gesund, auch schön
Die flachen, stabilen Kuchen eignen sich besonders gut zur Verzierung. Das hatte wohl auch schon Kaiser Friedrich erkannt, indem er zu seinem Lobe die Lebkuchen mit seinem Konterfei verzieren ließ. Und wem sind sie nicht bekannt, die gefühlvoll verzierten Lebkuchenherzen vom Jahrmarkt?
Wann man das erste Mal aus Lebkuchen Häuschen gebaut hat, ist nicht bekannt, sie scheinen aber schon im Märchen vom Schlaraffenland und als Knusperhäuschen bei Hänsel und Gretel auf. Unterdessen sind sie zum Synonym für Weihnachtsgebäck geworden; zweifellos hat man im deutschsprachigen Raum eine besondere Beziehung dazu, und einen Hang, Religiöses mit Märchenhaftem zu verbinden.
Einzelne Lebkuchenhäuser sind da und dort in der Auslage einer Konditorei zu sehen, aber eine ganze Lebkuchenhäuser-Ausstellung ist bislang Peter Forstner, dem Koch, Konditormeister und Pächter der gesamten Gastronomie im Waldviertler Stift Zwettl vorbehalten.
Er benennt Europas einzige derartige Ausstellung nach Kaiser Franz, der im Schloss Luberegg in der Wachau seine Sommerresidenz hatte, wo Forstner 1994 das erste Mal  Lebkuchenhäuser präsentierte. Als das Donauhochwasser 2002 das Schloss zerstörte, übersiedelte er auf ein Donauschiff und kam über das Landgut Faberhof bei Passau nun in die Orangerie des Stiftes Zwettl.
 
Eine arbeitsaufwendige Ausstellung
Bis auf die sieben „Gründungshäuser“ werden jedes Jahr etwa vierzig Lebkuchenhäuser neu gebaut. Schon im Juli wird der Teig zubereitet, der bis Anfang Oktober fermentiert. Die Baupläne für die Häuser werden erstellt und schließlich die Einzelteile gebacken, zusammengesetzt und dekoriert. Insgesamt sind drei „Lebkuchenhäuser-Architekten“ aus der Stiftsgastronomie in rund tausend Arbeitsstunden damit beschäftigt. Zu Beginn der Ausstellung wird als Überraschung jedes Jahr der Nachbau eines besonders markanten Hauses  aus der Umgebung als Lebkuchenhaus enthüllt. Bei der 16. Ausstellung im Jahr 2010 war es das Stadtamt von Groß Gerungs.
Mit vielen Details liebevoll verziert reihen sich nun Hütte, Haus und Villa aneinander, das Schwedenhaus, das Bärenhaus, die Almhütte…
Bis auf die Fenster – die sind aus Zellophan – ist alles an den Häusern essbar; und das ist auch der erklärte Zweck ihres Daseins, sie sollen weder verstauben noch zerbröseln, sie gehören genauso gegessen wie jede schöne Torte und jeder schöne Schokoladenikolaus.
Die Lebkuchenhäuser sind nicht „zum Essen zu schade“; sie sind ja keine Grabbeigaben …
Schon Hänsel und Gretel haben sofort gewusst, dass ein Lebkuchenhaus zum Essen da ist. Nur die Hexe war damit nicht einverstanden …   
Traude Walek-Doby
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