Das löchrige Schutzschild

Jüngst lief auf TVR-Cultural ein französischer Dokumentarfilm über Syrien und seinen jungen Präsidenten Rashid al-Assad, ein Augenarzt, der gar nicht Präsident werden wollte. Darin wurde Frankreich als das Land dargestellt, das in der antisyrischen Eiszeit, nach Ausbruch des US-geführten Kriegs gegen den Irak und gegen Afganistan, als erstes Syrien die Hand gereicht hat. Nicht einfach auf einer internationalen Bühne, wo die Nähe Syriens zum Iran des Achmadinedschad einen weiteren Grund zur Mit-Isolation von Syrien geliefert hat. Frankreich spielt eine eigene Rolle in der internationalen Politik und Diplomatie und kümmert sich herzlich wenig um einen Mister GASP der EU.
In diesem Sinn ist Frankreich außenpolitisch auch ein wichtiger Einflussfaktor innerhalb der EU und der eigenwillige, hyperreaktive Präsident Sarkkozy mit dem lockeren Mundwerk und Tonnen von Subjektivität im Urteil bestimmt erheblich die EU-Meinung.
Auch bezüglich dem Schengenbeitritt Rumäniens und Bulgariens. Vor allem Rumänien liegt Sarkozy quer im Magen. Rumänien leistet sich einen stillen Alleingang im Umgang mit den „moldauischen Brüdern“. Und seit dem skandalösen Umgang der Franzosen mit den (hauptsächlich aus Rumänien stammenden) Zigeunern werfen die Franzosen in diesem Bereich Rumänien mangelhafte Zusammenarbeit vor. Der Mechanismus des Monitorings des rumänischen Justizwesens wird weiterhin als Signalisierungsmechanismus des westeuropäischen Unmuts über das EU-Mitglied Rumänien genutzt. Mit Frankreich ist Deutschland, Italien und die Niederlande solidarisch. Die Bildfolgen vom letzten Gipfeltreffen in Lissabon, wo Sarkozy dem – ihm in Haltung und Art sehr ähnlichen – Präsidenten Basescu den Rücken zuwendet und Berlusconi (ein anderer Artverwandter des rumänischen Präsidenten) Basescu einen Vogel zeigt, sie waren, trotz heftiger Verneinungen der Undiplomatie der Gestik, aufschlussreich.
Die Irritation über die Zurückhaltung des Westens, Rumänien als Wachthunds der Ostgrenze der EU einzusetzen, liegt hierzulande in einem der Geschichtsklischees, die uns allen mit der Schulgeschichte eingeimpft werden: durch den jahrhundertelangen aufopferungsvollen Kampf des rumänischen Volkes ist das christliche Europa vor dem Zugriff des Islam beschützt worden. Abgesehen von den Sensibilitären der 80.000 mohammedanischen Türken, Tataren und Zigeuner der Dobrudscha, die in der Schule so etwas lernen und abgesehen von der hunderte Jahre währenden Tributpflicht gegenüber der Hohen Pforte – wenn die Donaufürstentümer das Schutzschild der europäischen Christenheit gewesen waren, so besteht heute der akute Verdacht, dass dieses Schutzschild für die EU zu löchrig ist. Ein Geschichtsmythos der Rumänen – allen Schülergenerationen im Nachhall der Romantik und der Nationalstaatsideologie des 19. Jh. eingebläut – muss revidiert werden.
Dass Rumänien sich als Nation und Staat seit EU-Beitritt aus den europäischen Debatten heraushielt – das zeigt jetzt seine Folgen.
Werner Kremm
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