„Gute Ergebnisse aus dem Nichts erarbeiten“

Alltagsthemen standen in diesem Jahr auf dem Seminarprogramm.
Gespräch mit Rolf Willaredt von der ZfA
 Ein Unterricht, den sowohl Schüler, als auch Lehrer für spannend halten: Dr. Rolf Willaredt, Fachberater für Deutsch seitens der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA), ist bemüht, Seminare für Lehrkräfte zu organisieren, die Deutsch als Fremd- oder Muttersprache unterrichten oder im deutschsprachigen Fachunterricht tätig sind. Dadurch soll die Lehrerschaft auf Unterrichtsmethoden aufmerksam gemacht werden, die die SchülerInnen für den Lehrstoff begeistern. Dem internationalen Banater Lehrertag, der im Oktober im Nikolaus-Lenau-Lyzeum stattfand, folgte ein Seminar in Mediasch/Medias, an dem sich fast hundert Teilnehmer aus ganz Rumänien beteiligten. „Stadt Land Fluss“ hieß das Seminar, das als Ziel die Auseinandersetzung mit Alltagsthemen hatte (die ADZ berichtete). Dabei waren auch Teilnehmer aus Aachen in Deutschland und Chisinau in der Republik Moldau. Wieso es wichtig ist, solche Seminare zu veranstalten, erzählt Rolf Willaredt der BZ-Redakteurin Raluca Nelepcu.
 Wer sind die Teilnehmer an den Seminaren, die Sie veranstalten?
Im Medienseminar zu unserem Jahresprojekt sind Lehrkräfte, die immer zwei SchülerInnen dabei haben. Ein Drittel der Teilnehmer war auch im letzten Jahr dabei und zwei Drittel sind neu hinzugekommen. Einige sind aus Neugierde gekommen. Wir hatten auch diesmal mehr Anmeldungen als Plätze. Ich vermute auch, dass dieses spezielle Thema wiederum einen anderen Kreis angesprochen hat. Deswegen versuche ich über Jahre, die Themenschwerpunkte von Mal zu Mal zu verschieben. Mal ist das Projektthema mehr an der Literatur orientiert, mal ist es mehr an Sachtexten orientiert und manchmal ist es mehr im geistlich-philosophischen Bereich angesiedelt. In diesem Seminar wurde etwas Handfestes behandelt und  im Zentrum standen die Lehrkräfte für deutschsprachigen Fachunterricht.
 Was war bei dem diesjährigen Seminar anders als in den vergangenen Jahren?
Von der Art und Weise, die SchülerInnen und die Lehrkräfte zu motivieren, war es ähnlich, nur diesmal habe ich versucht, noch mehr Raum zu öffnen, indem wir zu lebenspraktischen Stationen gefahren sind, die unseren Alltag auch maßgeblich bestimmen: zum Marktplatz, zur Kläranlage, Wasserstation oder Mülldeponie. Diesmal waren die Impulse noch plastischer. Das ist der Hauptunterschied.
 Was sollen die LehrerInnen von so einem Seminar mitbekommen?
Wir haben gerade ein eineinhalbstündiges Gespräch nur im Kreise der LehrerInnen gehabt und sie haben bestätigt, dass sehr viel neue Information auch an sie gekommen ist, mit der sie vorher gar nicht gerechnet haben. Die Kolleginnen und Kollegen haben gemerkt, dass sie besonders interessiert waren, weil es um Alltagsthemen ging: Wieviel Chemie steckt in der Landwirtschaftsproduktion, wo kann ich denn Bio-Nahrung kaufen, wie geht´s denn hygienisch auf dem Markt zu und Ähnliches. Das sind für uns alle existenzielle Themen. Es ist eigentlich so, dass wir mehr wissen als viele glauben, aber uns selber wenig zutrauen, dieses Wissen dann auch zu erweitern, um es zu einem unterrichtstauglichen Format zu bringen. Hier besteht eine Möglichkeit, den Horizont zu erweitern und ein spannendes Thema zu finden, obwohl man für zu alltäglich halten könnte.
 Was haben die Schüler im Rahmen des Seminars erleben können?
Die SchülerInnen vergrößern fast unmerklich ihren deutschen Sprachschatz. Sie lernen mit großer Gewissheit, sehr viele Informationen aufzunehmen. Sie lernen aber auch, in der Methodenkompetenz Fortschritte zu machen, wenn sie plötzlich sehen: Ich kann ja mit unbekannten Schülern zusammenarbeiten! Keiner kannte den anderen, die Gruppen wurden so eingeteilt, dass jeder aus einer anderen Stadt oder mindestens aus einer anderen Klasse kam. Ich kann mir ja ein Selbstbewusstsein erschaffen, indem ich ein Thema angehe, wo ich vorher unsicher war. Und drittens: Ich lerne endlich für mein Leben, weil es lebensnahe Themen sind. Ich vermute, die Anschauungen werden  Auswirkungen auch auf die eigene Konsumwelt der Beteiligten haben.
 Wieviel Allgemeinwissen, wieviel Lernen und wieviel Kreativität steckt in so einem Seminar drin?
Wir arbeiten in Gruppen, sind über Stunden hinweg aktiv und die SchülerInnen merken, dass das Dazulernen den Horizont erweitert. Die Seminarstruktur ist eine Herausforderung, die sie manchmal nicht mit dem Begriff Lernen oder Schule in Verbindung bringen. Hier geht vieles wie selbstverständlich von der Hand, weil man sich interessiert, weil man neugierig ist, und weil es einfach spannend ist, zu sehen, dass man aus dem Nichts heraus gute Ergebnisse zustande bringt. Da entsteht ein großes Potenzial an Kreativität: Der eine kann zeichnen, der andere kann gut formulieren, der eine kennt Begriffe, die nicht alle kannten, man kommt auf Ideen und entwickelt darüber hinaus auch noch seine Präsentationskompetenz weiter. – Es gibt kaum Grenzen. Es sei denn, man setzt sie künstlich im normalen Unterricht und das würde ich auf Dauer nicht einen idealen Unterricht nennen.
 Was folgt nach diesem Seminar?
Nachdem die Ergebnisse zustande kommen, werden die Lehrkräfte und die SchülerInnen an ihre Schulen zurückkehren und davon berichten. Und dann werden Entscheidungen fallen: Macht meine Klasse da mit? Ist das Rahmenthema „Stadt Land Fluss“ etwas für die gesamte Schule? Das in Mediasch durchgeführte Medienseminar ist eine multiplikatorische Veranstaltung. Die Mitwirkenden LehrerInnen und SchülerInnen sind ja nur Vertreter einer riesigen deutschsprachigen Lerngemeinschaft von jährlich immer wieder über 1000 SchülerInnen. Mit jedem DSD-DFU-Projekt entsteht ein neues Schneeballsystem. Meiner Meinung nach unterfordert man unsere Jugend in vielen Bereichen, weil man nicht zur Kenntnis nimmt, wie viel diese schon wissen. Die SchülerInnen wissen mehr als wir Ihnen zutrauen, sie wissen aber weniger als sie meinen zu wissen. Um einer richtigen Balance näher zu kommen, sind effektive Projekte hilfreich. Es ist schon das zwölfte derartige Seminar, das ich veranstalte, und bisher habe ich damit gar keine schlechten Erfahrungen gemacht.
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