„Wir dürfen die Vergangenheit nicht vergessen“

Bei der Vernissage der Ausstellung (v.l.n.r.): der deutsche Konsul Klaus Christian Olasz, Elke Sabiel, Hannelore Baier, Ignaz Bernhard Fischer und Liviu Burlacu von der CNSAS

Gespräch mit Elke Sabiel, der Ehrenvorsitzenden des Vereins der ehemaligen Russlanddeportierten

 

Sie bietet schon seit Jahren ihre Unterstützung dem Verein der ehemaligen Russlanddeportierten in Temeswar/Timisoara an: Elke Sabiel, die Ehrenvorsitzende des Vereins, setzt sich dafür ein, dass sich die Deportierten in die ehemalige Sowjetunion an regelmäßigen Treffen beteiligen und bei verschiedenen Veranstaltungen dabei sind. Vor Kurzem war der Verein Gastgeber einer Ausstellung, die die Rumänische Behörde zur Untersuchung des Securitate-Archivs (CNSAS) in Temeswar organisierte. Gezeigt wurden Dokumente, die ein Bild der im Januar 1945 stattgefundenen Zwangsverschleppung der Rumäniendeutschen umreißen. Über die Probleme der Deportierten und deren Darstellung in der Öffentlichkeit sprach die BZ-Redakteurin Raluca Nelepcu mit Elke Sabiel.

 

Wie wichtig ist es, dass die Russlanddeportation dokumentarisch belegt wird?

Wenn ich in die Zukunft schauen will, muss ich mich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Ich empfinde es als sehr wichtig, dass solche Ausstellungen organisiert werden. Damit will ich der CNSAS für die Initiative, sich dieses Themas anzunehmen, danken. Meines Wissens ist es das erste Mal, dass sich eine rumänische Behörde damit beschäftigt. Wir haben schon vor 15 Jahren darüber gesprochen, dass dieses Thema in den Schulbüchern behandelt werden soll. Wir dürfen die Vergangenheit nicht vergessen. Ich war sehr froh, als ich hörte, dass die Ausstellung im vergangenen Sommer in Kronstadt gezeigt wurde. Wir haben alles in Bewegung gesetzt, dass diese Ausstellung auch nach Temeswar kommt, wo ja der Sitz des Vereins der ehemaligen Russlanddeportierten ist.

Bei der Vernissage der Ausstellung wurde auch über das Gesetz 120 und die Entschädigung gesprochen. Wie stehen Sie dazu?

Wir haben uns bei der Deutschen Bundesregierung um eine Entschädigung bemüht. Ich schäme mich, zu sagen, dass diese Art von Entschädigung eine symbolische war. Mein Gott, was sind denn 20 DM zu der Zeit oder 10 Euro heute? Das wird seit 1999 von der Bundesregierung pro Jahr gezahlt. Was eine Entschädigung im Bereich der rumänischen Politik anbelangt, kann ich nicht allzu viel dazu sagen. Man kann gerichtlich – und auch die Nachkommen können oder sollten das – versuchen, eine Entschädigungssumme zu erhalten.

Das Thema war in diesem Monat sehr aktuell. Inzwischen hat sich das Gerichtliche irgendwie zu einem Massenphänomen entwickelt…

Ich habe das beobachtet. Zu meiner Überraschung sind die, die Anträge stellen, vor allem Leute, die ausgesiedelt sind, die in Deutschland oder Österreich leben. Sie haben doch die Teilnehmer heute gesehen. Wir versuchen, rechtlichen Beistand zu leisten oder zu informieren, aber es würde zu weit führen, wenn wir dann jeden an der Hand nehmen und entsprechende Anträge mit stellen.

Das Thema der Russlanddeportation wird in Schulbüchern noch nicht behandelt, aber heute war eine Schulklasse hier, die auch interessiert mitgemacht hat. Es gibt also trotzdem Ansätze, das Thema im Unterricht einzubinden.

Es ist natürlich eine Generationsfrage. Die Jugend von heute, die ja nach 1989 einen unglaublichen Sprung in die neue Zeit gemacht hat, hat ganz andere Interessen und Prioritäten. Das ist auch verständlich. Dennoch kommt irgendwann auch bei dieser Generation, die heute noch die Lyzeen besucht oder studiert, die Einsicht, dass man sich auch mit diesen geschichtlichen Fragen der Vergangenheit auseinandersetzen muss. Ich würde mir wünschen, dass tatsächlich dieser Moment kommt, dass es in den rumänischen Schulbüchern Eingang findet. Nicht nur ehemalige Russlanddeportation, sondern auch Baragan.

Wie, glauben Sie, wird diese Ausstellung aufgenommen?

Da müsste man die Universitäten und die Schulen in Temeswar motivieren, so wie das auch heute passiert ist, dass Schulklassen kommen und sich die Ausstellung ansehen. Aber ich bin gleichzeitig auch eine Gegnerin des Zwangs. Man muss versuchen, zu motivieren, indem man vorher in den Schulklassen das Thema behandelt und dann auch im Nachhinein als Aufsatzthema sagt: „So: Eure Eindrücke bitte!“

Sie haben Sich auf die Schüler bezogen, die andere Interessen haben und sich nicht unbedingt für die historischen Ereignisse interessieren. Aber inwiefern weiß die Bevölkerung Rumäniens darüber Bescheid?

Da stoßen Sie im Grunde genommen einen ganz roten Punkt an, den ich auch gleich zurückgebe. Ihr Journalisten müsstet bestimmte Themen auch aufgreifen. Ihr müsst versuchen, in den Medien ein bestimmtes Thema am Kochen zu halten, immer wieder darauf hinweisen. Ihr koordiniert ja keine Veranstaltungen in der Stadt, denn es gibt viele Ausstellungen und viele auch gesellschaftspolitische Themen, wo es interessant wäre, dass man die Studenten oder auch die Schüler hinführt. Schwieriges Thema, aber euch Journalisten kommt eine große Verantwortung zu.

Wie viele Mitglieder zählt der Verein der ehemaligen Russlanddeportierten?

Es werden immer weniger. In ganz Rumänien – wenn wir die Ausgesiedelten weglassen – dürften es vielleicht noch 4.000-5.000 sein. Es werden ja jedes Jahr weniger. Ich beobachte das bei unseren Adventstreffen. Anfangs, als ich 1994 damit anfing, kamen 150-180 und jetzt – ihr habt das gesehen – 50. Es werden immer weniger – leider.

Sie engagieren Sich seit so vielen Jahren für diesen Verein. Was motiviert Sie, weiterzumachen?

Als ich ins Land kam – definitiv – lagen meine Sachen alle im Zoll und ich hatte Schwierigkeiten, diese Dinge aus dem Zoll herauszubekommen. Und da hat man mir gesagt: „Geh doch mal zu dem Verein der Russlanddeportierten“. Und da hat mich Bernhard Fischer gefragt: „Wo muss ich unterschreiben?“ Einen Tag später hatte ich all meine Sachen aus dem Zoll heraus und da dachte ich, da muss man was machen. Denn auch ich wusste damals noch nichts von dieser Russlanddeportation, als ich zum ersten Mal nach der Wende nach Rumänien kam. Dann haben wir Ausflüge gemacht, wir haben uns getroffen, wir waren in Sathmar, Hermannstadt und Kronstadt – eigentlich im ganzen Land. Es war sehr schön, zu beobachten, dass bei den ehemals Russlanddeportierten etwas aufbrach. Es war diese Wiedersehensfreude, denn manche waren ja in dem selben Lager gewesen. Da spielten sich emotionale Szenen ab, die mich sehr berührten und die Öffnung, das darüber Sprechen, das war auch wichtig.

Wer unterstützt zur Zeit den Verein?

Symbolisch wird ein kleiner Beitrag erhoben, aber Unterstützung erfährt der Verein der ehemals Russlanddeportierten über das Banater Deutsche Forum. Und natürlich die symbolischen 10 Euro aus Deutschland.

Privatspenden?

Kaum.

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Eine Antwort zu „Wir dürfen die Vergangenheit nicht vergessen“

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    ich würde gerne mit dem Verein ehemaliger Russlanddeportierter in Kontakt treten, gerne mit Frau Sabiel. Mein Name ist Christa-Madhu Einsiedler, geb. Kiefer. Meine Tante wurde am 14.Jänner 1945 aus Mercydorf nach Russland deportiert. Ich arbeite an einer Kurzgeschichtensammlung, die die Deportation, die Flucht meiner Eltern aus dem rumänischen/serbischen Banat und die Folgen der Kriegstraumata auf die nächste (meine) Generation literarisch aufarbeitet.
    Ich freue mich über eine Kontaktaufnahme!
    mfg Christa-Madhu(at)einsiedler.at

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