Wir und die

„Keine Isolierung ist jämmerlicher als jene, die wir uns vorstellen.“ Das sagte ein weiser Araber, Ali ibn abi Taleb (7. Jh.).  Seine Aussage gilt heute sowohl für die Differenzen rund um die mohammedanische Expansion in der Welt, aber auch für die Integrationsproblematik innerhalb der EU. Damit ist nicht die Integration so verschiedener Welten gemeint wie jene der Zigeuner und Frankreichs, sondern einfach die Ost-West-Integration.
„Wir“ im Osten und „die“ im Westen – schon mit dieser Formulierung wird eine intuitiv gefühlte, faktisch existierende Kluft benannt, die in unseren und ihren Köpfen, aber auch in unseren und ihren physischen Regionen wirkt. Und diese real existierende Kluft wird noch durch unsere Vorurteile, persönlichen Erfahrungen, kulturellen Aneignungen (Lesen!), durch Erkenntnisse und Schlussfolgerungen potenziert, „jämmerlicher“ gemacht, um mit Ali Taleb zu reden. Wenn „wir“ im Osten von Integration (aktuell: in den Schengen-Raum) sprechen, dann zerreden wir erst mal das Thema und zwingen diejenigen, die es damit ernst meinen (ich denke da, politikneutral, z.B. an Ex-Innenminister Blaga) abzudanken. Wenn „die“ im Westen von (der selben) Integration reden, dann planen sie erst mal und legen Termine fest (: Schengen-Integration am 27. März 2011). In Wirklichkeit reden und planen beide aneinander vorbei.
Jedermann, der etwas auf sich hält, lobt die „Vielfalt“ Europas. Und jedermann, der „europäisch“ denkt, möchte „Integration“, versteht darunter aber insgeheim auch „Verzicht“ (auf Eigenes, Gewachsenes, mentalitär Verankertes) und „Übernahme“ (von Fremdem, Anzueignendem durch selbstaufgezwungene Akzeptanz, Übernahme einer anderen Denkweise), letztendlich aber: Verflachung und Entblätterung der Vielfalt – die wieder, allvermeintlich, Europa charakterisiert. Integration auf Kosten der Vielfalt.
Die von den Vätern des Friedensgedankens Union der Europäer miteingebrachte Integrationsidee wird ihrer Natürlichkeit verlustig, indem sie zerplant – verbürokratisiert – oder zerredet – der Worteinflation unterworfen – wird. Die Gefahren, die beiden Richtungen inhärent sind, kennen wir Osteuropäer aus einer 50jährigen Erfahrung mit Fünfjahrplänen und Agitprop. Daher, indirekt, osteuropäische Aversion gegen Integration und die Gefahren, die daraus abzuleiten sind: Feindbilder, Fremdenhass, Schuldzuweisungen.
Überwiegen nun letztendlich die Unterschiede (die Differenzen, das Anderssein) oder die Gemeinsamkeiten (Ähnlichkeiten, gemeinsame Nenner) zwischen Ost und West und inwiefern ist Integration auf Annäherung, Verzicht und Übernahme(n) zu gründen? Auch in den Köpfen. Wenn 2011 die letzten Grenzen zwischen Rumänien und der Rest-EU fallen, dann sollte man zumindest jetzt nicht mehr über die finanziell-technischen Aspekte der Schengen-Integration diskutieren, sondern über unser „Wir“ und ihr „Wir“.
Werner Kremm
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