Dunkle Geschichtsepisode im Rampenlicht

DSTT-Direktor Lucian Varsandan eröffnet das europäische Theaterfest im Foyer des Temeswarer Theaters.
Münchner Kammerspiele eröffnen EUROTHALIA-Festival
 „Ein Ort des interkulturellen Dialogs“: Das stellte DSTT-Direktor, Lucian Varsandan, am letzten Wochenende bei der feierlichen Eröffnung der II. Auflage des Europäischen Theaterfestivals EUROTHALIA als deklariertes Hauptziel in den Vordergrund. Eröffnet wurde der Theatermarathon (13.-21. November in Temeswar) im Beisein von Bürgermeister Gheorghe Ciuhandu, des DFDR-Abgeordneten Ovidiu Gant, von Unterstaatssekretär Helge Fleischer und von Klaus Olasz, dem deutschen Konsul in Temeswar.
Schon der Auftakt kam einem Paukenschlag gleich: Mit der Inszenierung SOLD OUT, einem Gastspiel der Münchner Kammerspiele, wurde ein weiterhin hochinteressantes Thema, der staatlich gesteuerte „Ausverkauf“ eines Großteils der Rumäniendeutschen an die BRD, auf die Bühne gebracht.
Daß die Debatte der Klärung und Bewältigung unserer jüngsten Vergangenheit hierzulande noch lange nicht abgeschlossen ist und weiterhin Nachholbedarf hat, zeigte der Anklang dieser Problematik beim Temeswarer Publikum: Wenn die Jüngsten die Praxis des kommunistischen Regimes eher wie den verfremdeten Mechanismus des absurden Theaters taxierten, war die Reaktion älterer Semester zwischen stumm und bitter. Die 1977 geborene rumänische Autorin und Regisseurin Gianina Carbunariu (sie zeichnete auch für Bühnenfassung und Spielleitung) verarbeitete auf einfühlsame Weise in ihrem dokumentarischen Theater Selbsterlebtes und Recherchen über dieses dunkle Kapitel der deutsch- rumänischen Vergangenheit. Schätzungen zufolge hat die BRD 1967-1989 für die Auswanderung (auch „Familienzusammenführung“ in der Beamtensprache) von über 226.000 Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen mehr als 1,1 Milliarden DM an das kommunistische Regime Rumäniens gezahlt. Von nur 440 Personen im Jahr 1967 wuchs die Zahl der jährlichen Aussiedler aus Rumänien auf 23.387 Personen im Jahr 1989 an. Die Inszenierung (Uraufführung am 5. Mai 2010 in München) verleiht diesem Theater den herben Geruch der Realität. Gestalten, Szenen und Sprache lassen Vieles aus dem brutalen, menschenverschleißenden System des kommunistischen Regimes, hier anhand einer deutschen Familie vom Lande, aufleben. Eingeflochten werden auch Gesprächsthemen aus der Zeit nach der Wende wie z.B. „Rückerstattung“ oder „Securitate-Akten“. Dabei ruft vor allem das Jounalistische, die Einblendung von Augenzeugenberichten, besondere Effekte hervor.
In der Vorstellung, die auch ins Rumänische und Englische übersetzt wurde, spielten Sylvana Krappatsch, Lasse Myhr, Hildegard Schmahl, Lenja Schultze, Edmund Telgenkämper und Michael Tregor. Für Bühnenbild und Kostüme zeichnete Dorothee Curio.
Balthasar Waitz
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