114 Arten von Chaos auf der Bühne

Szene aus dem Stück von Radu Afrim. Im Bild, die beiden Kosmonauten Kasimir und Oleg
Zu: „Die letzte Botschaft des Kosmonauten an die Frau, die er einst in der ehemaligen Sowjetunion liebte“
Von Ana Saliste
„Meine Kenntnisse über das Weltall sind chaotisch, in Bezug auf das Irdische kann ich auch nicht viele Antworten geben. Über beides kann ich jedoch einige Fragen aufwerfen. Das tue ich durch diese Inszenierung“, mit diesen Worten fasst Regisseur Radu Afrim seine neue Produktion „Die letzte Botschaft des Kosmonauten an die Frau, die er einst in der ehemaligen Sowjetunion liebte“ von David Greig zusammen. Die Aufführung ist eine Produktion des Nationaltheaters Klausenburg/Cluj Napoca und wurde vor Kurzem im Rahmen des Europäischen Theaterfestivals „Eurothalia“ in Temeswar/Timisoara aufgeführt.
Etwa 114 Arten von Chaos wollte Afrim in seinem neuen Stück „harmonisch“ zusammen bringen. Und daher auch der Name der Raumkapsel: „Harmonie 114“, in der die russischen Kosmonauten Oleg (Cristian Rigman) und Kasimir (Ovidiu Crisan) durch das All driften. Die beiden wurden für ein Projekt in den Weltraum geschossen und einfach dort gelassen, ohne die Möglichkeit, den Kontakt zur Erde wiederherzustellen. Der letzte Funkkontakt zur Erde liegt mittlerweile zwölf Jahre zurück.
Und während für die Helden die Zeit längst stehen geblieben ist, so können die Menschen auf der Erde mit der Zeit nichts anfangen. Die beiden Kosmonauten umkreisen den blauen Planeten unaufhörlich,  bleiben aber gleichzeitig der Welt völlig fremd. Doch unter der gleichen Entfremdung leiden auch die Menschen auf der Erde, wo die Unmöglichkeit zu kommunizieren eines der verheerendsten Symptome der Krankheiten unserer Zeit darstellt. Eine Zeit, die Afrim im Chaos schweben lässt, in der jeder auf seine eigene Weise um Hilfe schreit, doch niemand den anderen hört. „It´s all being high and down at the same time… Wie ein Skater oder wie in unseren Träumen, in denen wir über den Boden schweben. Dies nur, wenn ihr euch an solche Träume erinnern könnt, wobei das Adrenalin bei der Landung stärker zu spüren ist“, erläutert der Regisseur. Er verleiht jeder Szene eine andere Ästhetik, einen anderen Kern, woraus ständig eine andere Tragik aufkeimt. Die Gestalten bringt er durch Videoprojektionen gleich zweimal vor die Augen des Zuschauers, zerstückelt und chaotisch.
Tanz und Gesang schmelzen mit Projektionen und zerfetzten Dialogen zusammen. Die einzige Verbindung zwischen Himmel und Erde stellt die rhythmische Ein- und Ausatmung von Nastassja (Ramona Dumitrean), Kasimirs Tochter, dar. Es scheint, als sei ihr Atmungsrhythmus das Einzige, das während der ganzen Zeit im Gleichgewicht bleibt. Nastassja träumt. Eigentlich träumt sie die Wahrheit und blickt immer wieder zum Himmel hinauf, in der Hoffnung, ihren Vater zu sehen. Ihr Leben erweist sich als chaotisch: Sie liebt den verheirateten Keith (Ionut Caras), der urplötzlich im Meer verschwindet. Die Suche nach ihm führt seine Frau Vivienne nach Südfrankreich, wo sie den Raketenforscher Bernard trifft. Inzwischen trifft Nastassja Erik, der sie mit nach Oslo nimmt. Dort sieht sie auf dem Dach eines Hauses ein Leuchten am Himmel, als Oleg die Raumstation in die Luft sprengt.
Immer wieder begegnen sich die Figuren in diesem Stück, dabei sind sie eng miteinander verbunden und doch Lichtjahre voneinander entfernt. Kosmos, Gefühle, Lust und Menschliches verschmelzen unaufhörlich in einem Ganzen, um dann gleich in endlose Partikel zersprengt zu werden und sich im All aufzulösen.
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