Palaver

„Wie der Flug nicht ohne die Gravitation möglich ist, so hat auch die Freiheit nur ihren Sinn unter den Bedingungen der Begrenzung“. Mit diesem Satz beginnt der Essay „Über die Begrenzung“ von Gabriel Liiceanu. Er schrieb ihn in den achtziger Jahren. Das war die Zeit, in der wir in Rumänien allesamt als Staatsfeinde galten. Der Kreis um den Philosophen Noica, zu dem auch Liiceanu gehörte, und die Autoren der ehemaligen Aktionsgruppe Banat. In einer bolschewistischen Diktatur gerät man schnell in den Widerstand, und noch schneller in die Opposition.  
Ansonsten überschnitten sich weder unsere Programme, noch kreuzten sich unsere Wege. Wir, die Autoren der Aktionsgruppe, waren für eine urbane, kritische Literatur, nach westlicher Norm, eine Literatur die sich dezidiert den ästhetischen und ideellen Grundlagen der deutschen Literatur verschrieben hatte. Unsere Literaturvorstellungen betonten zunächst das Engagement und später eine engagierte Subjektivität. Damit war, außer der Verteidigung des Individuums, eine Verankerung im Gesellschaftlichen benannt. Wir verfolgten aufmerksam die Tendenzen und Traditionen der deutschen Gegenwartsliteratur und ergänzten ihre Begriffe durch unsere speziellen Erfahrungen mit der Minderheiten-Situation und dem Nationalkommunismus. Es galt, die Gesellschaft mit den Mitteln der Literatur dem Regime zu entreißen.
Die rumänischen Kollegen hingegen hatten in ihren eigenen Augen nicht nur sich selbst und ihre Literatur gegen die offizielle Propaganda zu verteidigen, gegen Obszönität und Vulgarität, sie verstanden sich auch als Sachwalter einer verwaisten Nationalkultur. Sie formulierten ihr Anliegen von Anfang an ästhetisch abgehoben und damit begrenzt, und sie blieben dabei. Sie waren unpolitisch und legten auch Wert darauf, als unpolitisch zu gelten.
Während wir nach Formen suchten, um die Diktatur zu thematisieren, suchten sie nach Formen um die Diktatur zu ignorieren. Sie wären gerne im Elfenbeinturm gewesen, während wir uns manchmal ebenso gerne an der Spitze der Bewegung gesehen hätten.
Sie dachten, man könne den literarischen Diskurs von den tektonischen Bewegungen einer Gesellschaft, von denen selbst die Diktatur nicht unberührt bleibt, trennen. Das war ein ästhetischer Irrtum und ein politischer Fehlschluss. Indem sie an die Ewigkeit ihrer Kunst glaubten, entglitt ihnen der Sinn für die alltägliche Wahrheit.
Letzten Endes waren wir gleichermaßen machtlos. Die Frage ist, was wir jeweils aus unserer Machtlosigkeit heraus bewegt haben, was wir als Schriftsteller zur Entlarvung der Diktatur beigetragen haben. Die Grenzen dieses Beitrags aber lagen nicht allein in der Begrenzung durch das Regime, sie lagen auch in der Begrenzung durch das eigene ästhetische Anliegen.
Richard Wagner
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Eine Antwort zu Palaver

  1. lucius fascius schreibt:

    Schrifsteller waren nicht die einzigen, die unter dem „ehemaligen“ Regime geleidet haben. Ich verstehe genau was Sie sagen wollen und bin innsbesondere mit den letzten zwei Abschnitten einverstanden. Aber: genau wie die rumänischen Schriftsteller zu einen Elfenbeinturm strebten im Vergleich zu den deutschsprachigen (in diesem Fall), machte es die ganze Branche überhaupt. Sie dissozierten ihre Leiden von den Leiden des Volkes, Intelektuelle, Arbeiter und Bauern.
    Wir haben immer die Tendenz zu vergessen, dass wir ALLE im selben Gefängniss eingesperrt waren und jetzt, 20 Jahre danach, erscheinen, wie in der rumänischen Rede, viele Helden nach der Schlacht….die allerdings im besten Fall als unentschieden gelten kann.

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