Abwrackprämie, die Sauerstoffpumpe für den Automarkt

Vier von fünf neu zugelassenen Wagen kamen 2010 aus dem Segment der Gebrauchtwagen. Im Bild: Blick auf den Gebrauchtwagenmarkt

Inhaber von Gutscheinen warten auf ein (Finanz)Wunder

Von Siegfried Thiel

„Ich hoffe, auch im kommenden Jahr gibt es noch Autos für die Schrottpresse“, sagt Doru Bogdan, Verkaufsdirektor im Temeswarer Autohaus Procar. Das Jahresziel von etwa 350 abgesetzten Wagen in den Verwaltungskreisen Temesch/Timis und Karasch-Severin/Caras-Severin wird der Autodealer in diesem Jahr erreichen, 209 davon wurden jedoch über Abwracktickets abgesetzt. „Allgemein war es jedoch ein schlechteres Autojahr als 2009“, sagt Doru Bogdan. Damit ist er auf gleichem Meinungsniveau mit vielen anderen Autohändlern, aber auch konform der Daten des Nationalen Statistikamtes. In den ersten neun Monaten 2010 ist die Zulassung von neuen PKW in Rumänien um ein Viertel gegenüber der gleichen Zeitspanne des Vorjahres zurückgegangen. Einen totalen Einbruch gab es im ersten Halbjahr. Im dritten Quartal hat die Zulassung von Neuwagen zugenommen: um 20 Prozent gegenüber der gleichen Zeitspanne 2009 und um neun Prozent im Vergleich zum zweiten Trimester 2010. Prognosen gehen davon aus, dass in diesem Jahr der Neuwagen-Verkauf im Vergleich zu 2009 um vier-fünf Prozent zurück gehen und ein Volumen von etwa 110.000 Wagen ausmachen wird. Den Löwenanteil daran werden die PKW einnehmen.

Viel abgewrackt, wenig Neues gekauft

Zum Leidwesen der Autohändler  werden – statistisch gesehen – bei jeder Neuwagenzulassung vier Second-Hand-Wagen in den rumänischen Verkehr eingeschrieben. Die gesunkene Kaufkraft der Rumänen und die vielen Gebrauchtwagen sind der Grund für den schlechten Absatz an Neuwagen auf dem einschlägigen Markt, sagen Autohändler. Auch für das kommende Jahr sind die Prognosen eher düster, zumindest in den ersten Monaten wird mit erheblichem Absatzeinbruch gerechnet – Autohändler warten erneut auf das Abwrackprogramm, das wahrscheinlich erneut im kommenden März starten wird. Fünf Abwracktickets werden für einen einzigen Neukauf zugelassen, so die derzeitigen Informationen aus dem Umfeld des rumänischen Umweltministeriums.

Die Finanzkrise macht sich auch beim Autokauf über die Abwrackprämie bemerkbar. So haben bis Mitte Oktober mehr als 175.000 Privatpersonen und Firmen ihre alten Karren zur Verschrottung gebracht und einen Abwrack-Gutschein erhalten. Neuwagen wurden jedoch weniger als 50.000  gekauft. Bei drei möglichen Tickets für einen Neuwagen heißt es noch immer, dass nahezu 40.000 Abwrackscheine unausgelöst in verschieden Tischschubladen liegen. Ihre Frist läuft jedoch am 23.November ab.

Manch einer mag weiterhin auf Preisspekulationen aus sein. So haben Ticketbesitzer gehofft, zusätzliche zu niedrigen Preisen kaufen zu können, oder ihre ungenutzten besser an den Mann bringen zu können. Abwracktickets zu 3.800 Lei wurden das ganze Jahr über zwischen 900 – 2.000 Lei gehandelt. Auch derzeit werden die meisten angebotenen Gutscheine zu weniger als einem Drittel ihres Wertes abgegeben. Die meisten der Verkäufer haben auch im Falle mehrerer Gutscheine nicht ausreichend Geld, um sich zumindest einen Dacia leisten zu können. „1.500 Lei für einen Gutschein, das wäre zusätzliches Geld, das mich über die beiden kommenden Winter hinweg retten würde“, sagt ein etwa 70-jähriger Mann. Er hat seinen  Wagen nicht etwa deshalb verkauft, weil dieser etwa eine Schrottkarre gewesen wäre, sondern weil „Auto mit Versicherungen, Wartung, Reifen und Treibstoff richtig Geld kostet. Dabei kann ich doch mit der Bahn gratis fahren“. Kein Zweifel, es werden wohl Gutscheine als einziger Beweis bleiben, dass manch einer irgendwann ein Auto besessen hat, denn am 23. November läuft die Frist für den Kauf für die Verwertung der Abwracktickets ab. Auf dem Markt der Abwracktickets erwartet man jedoch einen weiteren Preisverfall, da in diesen Tagen wohl reichlich Gutscheine auf den Markt kommen. „Manche haben ein Geschäft daraus machen wollen und viele Gutscheine gekauft und kriegen sie nun nicht mehr los“, vermutet eine anderer Temeswarer, der beruflich mit Auto-Ersatzteilen zu tun hat.

Trend: Erlös aus Gutscheinen und Billigvehikel

Die Anzahl der entsorgten Wagen hat sich 2009 etwa verdreifacht. Der Verkauf der Gutscheine war dazu ein ganz wichtiges Argument. Rückblickend meint der Umweltminister Lászlo Borbely, viele Rentner, die sich keinen neuen Wagen mehr leisten können, hätten sich für den Verzicht auf das Auto entschieden. „Sie haben sich so etwas Geld verdient, auf jeden Fall mehr, wenn sie den Wagen zum Alteisen gebracht hätten“.

Der Trend geht allgemein in Richtung Billigwagen. Das spüren nicht nur die Autohäuser, sondern auch die Zulieferindustrie. Temeswarer Betriebe, die bis vor kurzem nicht einmal daran gedacht hätten, für den rumänischen Dacia Autoteile herzustellen, bemühen sich heute um die Gunst der rumänischen Renault-Tochter. Und das, lange bevor der Dacia Duster zum engen Kreis der Wagen gehörte, der letztendlich den „Wagen des Jahres“ hergeben wird.

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