Zu den Anfängen: Misstrauen und Überzeugungsarbeit

Szenette führt ins Gründungsjahr zurück.
Doppelfeier für Temescher Industrie- und Handelskammer
Von Siegfried Thiel
 So symbolträchtig wie vieles in den Tagen, in denen die Temescher Industrie-, Handels- und Landwirtschaftskammer  (IHK) ihre Jubiläen feierte, war auch die Szenette vor dem Sitz der Kammer in Temeswar/Timisoara. Es war eigentlich ein Sprung über mehr als eineinhalb Jahrhunderte, in denen sich so einiges in der Existenz der Temescher Kammer, aber auch in Unternehmerkreisen getan hat. Eine Szenette über die mögliche Unterredung aus dem Jahr 1850 zwischen dem damaligen habsburgischen Wirtschaftsminister von Brück und dem jungen König Franz Josef führte zurück in die Zeit als Temeswar, Zentrum der Region, zum Sitz einer Handelskammer wurde. Der damalige Wirtschaftsminister hatte in Wien den Monarchen überzeugt, dass in allen Provinzen des Reiches sogenannte Gewerbekammern eingerichtet werden müssten. 60 an der Zahl sollten es werden. Auf dem Gebiet des heutigen Rumänien wurden solche noch in Klausenburg/Cluj und in Kronstadt/Brasov gegründet. Die Szenette spannte den Bogen bis hin zum heutigen Kammerpräsidenten, Georgica Cornu, der zwar regiegemäß die Verordnung zur Kammergründung von damals vorlas, neben sich aber einen Computermonitor hatte, der – unter Umständen – auf die Gegenwart hinweisen sollte. Indirekt machte der Platz vor der Kammer (auf dem Opernplatz angesiedelt) durch seine Architektur auch einen Abstecher in die Zwischenkriegszeit, als der erste rumänische IHK-Vorsitzende Ioan Oprea zwischen 1925 und 1926, den Sitz der heutigen Handelskammer – inmitten vieler Prunkbauten im Jugendstil –  errichten ließ.
 
Unternehmen, die die Umstrukturierung überlebt haben, aber auch neue Wirtschaftsinitiativen haben sich im Firmenranking behauptet.
 Nie Maßnahme von oben
Die Festveranstaltung der Temescher Handelskammer zum 160. Gründungstag und zum 20. Jahrestag seit der Wiederaufnahme des Kammersystems in Rumänien hatte eine erlesene Gesellschaft aus Wirtschaft und Politik zusammengebracht, aber auch viele geladene Gäste aus Österreich, Serbien und Ungarn. Der Handelsdelegierte an der österreichischen Botschaft in Bukarest, Rudolf Lukavsky, hatte eine Kopie des Originals mitgebracht, das 1850 die Gründung des Kammersystems im habsburgischen Reich besiegelt hatte. Der Temeswarer Bürgermeister Gheorghe Ciuhandu ging in seiner Rede ebenfalls bis in das Jahr 1850 zurück und zitierte aus den Memoiren eines seiner berühmten Vorgänger, Josef Preyer, der erwähnte, das 80 bedeutende Handwerker und Händler jener Zeit wenig erbaut waren, eine Gewerbekammer sozusagen aufgedrängt zu bekommen. Sie fanden es damals als eine „Maßnahme von oben“, und ließen sich nur schwer für einen solchen Beitritt überzeugen. 140 Jahre später hatte die Wiederaufnahme des Kammersystems in den rumänischen Verwaltungskreisen neue Hürden zu überwinden. „Es war damals eine kuriose Situation“, sagt Cornel Eustatiu, Gründungspräsident der Temescher IHK aus dem Jahr 1990, der Banater  Zeitung gegenüber. Er setzt fort: „Wir mussten die Leiter kommunistischer Betriebe überzeugen, einem liberalen Kammersystem beizutreten“. 63 Firmen waren es im Herbst 1990. Unter der Regie der beiden anderen Kammerpräsidenten, Emil Mateescu (1992 – 2006) und Georgica Cornu, wuchs die Zahl der Kammermitglieder auf über 800 an. Sicherlich scheint diese Anzahl gering, macht sie doch gerade Mal fünf Prozent der insgesamt im Verwaltungskreis Temesch registrierten Firmen aus: „Sie müssen aber bedenken, dass Kammermitglieder meist Firmen sind, die ein hohes Wirtschaftspotential haben“, heißt es in Kammerkreisen. Daten der Handelskammer ergeben nämlich, dass mehr als 60 Prozent des Umsatzes im Kreis Temesch von den Firmen geschaffen wird, die Mitglieder der Handelskammer sind. „Die IHK ist die beste Visitenkarte in der Beziehung zwischen Geschäftsleuten und bietet ein zusätzliches Vertrauenselement“, heißt es im Pressetext der Kammer zu den Jubiläumsveranstaltungen.
 IHK: Visitenkarte mit praktischem Hintergrund
Wirtschaftsklubs, Wirtschaftsabteilungen an Botschaften und Entwicklungsagenturen, aber auch vielfache Kommunikationsmöglichkeiten scheinen heute den Handelskammern den Rang abzulaufen. „Wer braucht schon eine Mitgliedschaft in der Handelskammer?“ Und rhetorisch: „Nur um Mitgliedsbeitrag zu bezahlen?“ Vor allem kleinere Betriebe, die finanzschwach sind und deren Leiter kaum Ambitionen/Chancen auf eine Präsidentschaft haben, stellen sich solche Fragen. Cornel Eusta]iu hat die Erfahrung gezeigt, dass „viele, die 1990 den Mut hatten, der IHK beizutreten, heute finanziell gut aufgestellt sind. Manche gehören zum Top 500 der reichsten Rumänen“. Rudolf Lukavsky meint, Handelskammern seien heute sinnvoller denn je – „Sie sollten eine starke Vertretung für die gesamte Wirtschaft in der Region sein, stellvertretend für die einzelnen Branchen und Firmen“. Auch im Bereich Aus- und Weiterbildung sieht Lukavsky über Wirtschaftskammern ein hohes Potential.
„Zeit ist Geld“, solche Aussagen hat Rumänien sehr schnell aus Westeuropa übernommen. Ob dies auch „überhastetes Vorgehen“ bedeutet, wie oftmals die heute schnellebige Welt erfordert und mit sich bringt, bleibt dahin gestellt. Das Großformat einer Taschenuhr, angebracht am Frontispiz der Temescher Handelskammer, soll in Zukunft nicht nur die Zeit messen, sondern, wie Georgica Cornu bei der Enthüllung sagte, als „Barometer für die Temescher Wirtschaft“ gelten.
Eckdaten der Temescher IHK
 160 Jahre seit ihrer Gründung
20 Jahre seitdem sie ihre Tätigkeit wieder aufgenommen hat, nach 50 Jahren Verbot durch das kommunistische Regime
1. Oktober 1850 – beginnt die Handelskammer in Temeswar ihre Tätigkeit unter der Bezeichnung „Geverbekammer für die Serbische Wojvodschaft und das Temescher Banat“   
19. September – 3. Oktober 1891 – findet in Temeswar die erste Industrie- und Landwirtschaftsmesse des Banats statt
1922 – Ernennung des ersten rumänischen Präsidenten der Temescher Handelskammer, Ioan Oprea
In den Jahren 1925 – 1926 – wird der Sitz der Handelskammer im Temeswarer Stadtzentrum gebaut – da, wo er sich auch heute noch befindet
24. Februar 1949 – die kommunistische Regierung des Landes beschließt, die Handelskammern in den Regionen aufzulösen
23. Juli 1990- die rumänische Regierung beschließt die Wiederaufnahme der Kammertätigkeit
1. September 1990 – die Temescher Industrie- und Handelskammer nimmt ihre Tätigkeit effektiv wieder auf
In den letzten 20 Jahren ihrer Tätigkeit hat die Temescher IHK auch einige Landespremieren zu verzeichnen
1992 – hat als erste Handelskammer in Rumänien ein Departement für europäische Integration gegründet
1992 – IHK wird Herausgeber des Wirtschaftsmagazins Banat Business, das auch heute noch erscheint
2001 – die Einführung des Konzeptes „front office“ und die „Geschäftsbörse“ als wirtschaftliche Informationsseite im Internet  
2002 –  Zentrum für Internationalen Beziehungen gegründet
2003 -2004 – Zentren und Netzwerke zur Förderung der Wettbewerbsfähigkeit werden gegründet
2005 – die  Eröffnung des Regionalen Geschäftszentrums. Hier finden Ausstellungen, Messen und Konferenzen statt
2006 – Der Unternehmer Georgica Cornu ist neuer Präsident der Handelskammer. Ab diesem Jahr wird das Amt des Kammerpräsidenten ehrenamtlich ausgeführt
2009 – der Temescher IHK werden ihre im Kommunismus enteigneten Besitztümer rückerstattet
2009 – Landespremiere – das Regionalbüro zur Förderung und Klassifizierung der Cluster wird eröffnet
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