Stimmen aus der Kulturszene

Ein brisantes Gespräch über unsere Vergangenheit und Gegenwart: Herta Müller im Dialog mit Gabriel Liiceanu im Rumänischen Athenäum

Nicolae Manolescu, Vorsitzender des Rumänischen Schriftstellerverbandes: „Welch große Enttäuschung die Art, in der Herta Müller die Fragen von Gabriel Liiceanu im Rahmen ihres Dialogs im Athenäum beantwortet hat! Vor allem anderen, erschien mir das Umschmeicheln mit ihrer moralischen Statur eines Publikums, das gerade das hören wollte, was ihm gesagt wurde, als unangebracht. Herta Müller hat offensichtlich eine Rolle gespielt. Die Tatsache, daß sie diese perfekt, wie eine große Schauspielerin, gespielt hat, kann kaum als eine Entschuldigung angesehen werden. Der Beifall vor offenen Bühne bewies, daß ihre Botschaft die Rampe überschritten hat. Das Seltsame ist, daß das Publikum nicht zu bemerken schien, daß nicht nur die Schriftsteller in die Löwengrube des Jüngsten Gerichts ihrer Branchenkollegin geworfen wurden, sondern auch das rumänische Volk in seiner Ganzheit. Eine nicht nur böswillige sondern auch falsche Botschaft. Herta Müller hatte diese auch bei anderen Gelegenheiten, obwohl nicht mit der Audienz vom 27. September, überbracht. Die Botschaft beinhaltet eine schonungslose Kritik des Benehmens der Rumänen in den Jahren der kommunistischen Diktatur und des fehlenden Zivilgeistes der Schriftsteller.“ (Adevarul, 1. Oktober 2010)

 
Mircea Cartarescu, Schriftsteller: „Die rumänische Öffentlichkeit jedoch, hat sich lamentabel präsentiert, was den Ausdruck `Ihr seid hierher gekommen wie zum Zirkus`, womit Herta Müller diese im Athenäum begrüßt hat, berechtigt erscheinen läßt. So wie all das, was im Fernseher zu sehen ist, Zirkus ist, das alltägliche politische Spektakel Zirkus ist, der öffentliche wie private Raum Zirkus ist, wurde auch der Besuch einer großen Schriftstellerin als schrilles Spektakel mit kitschigen Akzenten angesehen. Im Saal des Rumänischen Athenäums drängelten sich genügend zweifelhafte Gestalten unseres öffentlichen Lebens, viele enttarnte Securitate- Informanten. Diese klatschten am stärksten Beifall.“ (Evenimentul zilei, 1. Oktober 2010)
„… Auf zahlreichen Seiten ihrer Essays spricht Herta Müller über die Angst. Der kommunistische Terror war so konkret wie der erschreckende Geruch eines Kadavers. Weder Dimov, weder Gellu Naum, noch Radu Petrescu, weder Mircea Horia Simionescu, weder Mircea Ivanescu, weder die meisten der Achziger haben nicht direkt gegen das System gesprochen, da das Selbstmord war, was Herta Müller nur zu gut weiß, da sie nicht mal dieses Risiko eingegangen war. Sie haben es vorgezogen, in ihrer spezifischen Art zu widerstehen: mit dem Schreiben ihrer Bücher, ohne Konzessionen, ohne sich dem Chor der Schönmacher des Regimes anzuschließen. Nur der, der jene Zeiten nicht miterlebt hat, gibt sich nicht Rechenschaft über den Wert dieses Widerstandes, der kein passiver war, da dieser Heldentum unter dem kollosalen Druck eines Regimes, das alle ausübende Macht und eine Exklusivität des öffentlichen Diskurses besaß, hinter dessen Rücken der unsterblich scheinende sowjetische Kommunismus stand. Somit, auf alle Vorwürfe, die mir Herta Müller, allein unter all jenen, die mich kennen, macht, müsste meine Antwort diese sein: „Der Levant. Die Nostalgie. Alles“. Plus weitere drei Lyrikbände….“  
 
Gabriel Liiceanu, Schriftsteller und Direktor des Humanitas-Verlags Bukarest: „Es ist nicht gerecht, daß Herta Müller, die keine Geste des Protestes gemacht hatte, als sie noch im Lande war, die die Chance hatte nach Deutschland auszuwandern und sich erst dann an die Öffentlichkeit gewandt hatte, als sie auf der anderen Seite war, uns nun sagt, daß die Guten unter uns das Fortgehen gewählt haben, und die anderen da geblieben sind. Wir hatten nicht die Chance der gleichen Wahl, fortzugehen, gehabt. Bis zu einem Punkt hatte Herta Müller einen ähnlichen biographischen Weg gehabt, wie er einem Teil von uns beschert war. Ich selbst hatte auch eine Securitate- Akte, wurde ab 1971 verfolgt, hatte Mikrophone im Haus. Sie kamen in mein Haus und, nach den Hausdurchsuchungen blieben meine Sachen demonstrativ in der Mitte des Hauses zurück. In meinem Fall kam es nicht zu der Art physischen Kontakts, zu direkten körperlichen Bedrohungen, wie das bei Herta Müller der Fall war.“ (B1 TV, 14. Oktober 2010).
Redaktion und Übersetzung: Werner Kremm und Balthasar Waitz
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