Im Präsidium mit Liiceanu

Aus der rumänischen Presse über den Bukarestbesuch der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller
 
Der Anlass zum Bukarest-Besuch von Herta Müller war die 20. Gründungsfeier des „Humanitas“-Verlags und die Vorstellung zweier kürzlich erschienener Übersetzungen ins Rumänische: „Atemschaukel/Leaganul respiratiei“ und „Reisende auf einem Bein“/Calatorie într-un picior“, beide erschienen im gefeierten Verlag. Das Großereignis während des Besuchs war die „öffentliche Lesung“ im Athenäum, der ein knisternder „Dialog“ mit dem Philosophen und „Humanitas“-Aktionär und -Gründer Gabriel Liiceanu vorausgegangen war. Für die Medien war eine Pressekonferenz im 21. Stock des Intercontinental-Hotels anberaumt.
 
Adrian Schiop in „România Libera“: „Die Interviews und Pressekonferenzen der Herta Müller sind weder provokant noch voller geistreicher Bemerkungen. Trotzdem sind sie keineswegs langweilig. Die Schriftstellerin hat eine frappierende Eigenschaft: Freimütigkeit… Wittgensteins Wahlspruch: `Alles was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden`, das trifft wunderbar auf die Pressekonferenz zu, die gestern im Intercontinental-Hotel stattfand.“
Atmosphäre und Inhalt des Bukarest-Besuchs von Herta Müller werden am besten, fairsten und doch sehr persönlich durch den Schriftsteller Eugen Istodor im „Catavencu“ widergegeben:
„`Wollen Sie auch zum Preis/Premiu`, werde ich gefragt im Aufzug, der zum 21. Stock des Intercontinental-Hotels hochfährt. Ich fuhr tatsächlich zum „Premiu“, den jetzt der Humanitas-Vertag präsentierte. Herta Müller war  bisher schon öfter in Rumänien. Ich hatte ihr keine Beachtung geschenkt. Auch ihre Bücher hatte ich bis zum „Premiu“ nicht gelesen. Danach habe ich mich auch nicht gerade um sie gerissen. Ich war zum „Premiu“ gekommen.
Und siehe sie! Sie war im Präsidium, umgeben von Mikrofonen und von Liiceanu. Herta Müller ist zigarettendünn, streichholzdünn, mit ihren Brillen, die sich in der Ordnung des Haares verlieren, das bis auf Ohrläppchenhöhe gestutzt ist. Sie ist so zerbrechlich, dass man überhaupt nicht weiß, wo das Organ Platz findet, das sie von Zeit zu Zeit anruft, das Organ das denkt, jedes Wort aus dem Deutschen ins Rumänische übersetzt, manchmal mit Schwierigkeiten. Ich schaue sie an. Die selben Worte sind zu hören. Aber keinen Augenblick protokollarisch. Sie schleudert sie hin. Und ihre Gesten sind kein Drunter und Drüber. Nichts wird getan oder gesagt auf Gutdünken, dem Zufall überlassen. Alles partizipiert an dieser Hora mit den Lippen, den Fingerspitzen, den gespreizten und dünnen Fingern.
Man kann nicht sagen, dass sie Charme hat. Sie ist einfach, direkt. Ihr Lächeln ist kurz. Sie lacht selten auf, zeigt dann alle Zähne. Sie ist eher eingeigelt als entspannt. Aber wenn man sie nach alldem fragt, sie gibt sich nicht Rechenschaft darüber. So oft sie spricht, kannst du nicht umhin, ihre Geschichte mitzulesen. „Mitwohnende Nationalität“ in Rumänien. Deutsche aus Rumänien in Deutschland. Der Kommunismus. Oskar Pastior. Ich glaube, das hat sie in der letzten Zeit dutzende Male wiederholt, Ihre Worte sind grausam und ich gebe mir spontan Rechenschaft, weshalb: sie hat Geschichte, ja, jedes Wörtchen ist für sie eine Geschichte der Jahre, die vergangen sind. Und wenn sie sagt: „Ich sammle keine Insignien“, „Im Buch habe ich eine durchschnittliche Realität widergegeben“, „Gut sind in Rumänien die `Mici`, die Sakuska, der Auberginensalat, die Wassermelonen“ – sie konnte nur Sachen nennen, die für sie wirklich zählen. Sie ist durch alles durch, sie hat es gefühlt, sieht es in einer mehr oder weniger guten Komplizität zwischen Wort und Gedanken, aber selbstsicher und sicher, unerschütterbar, denn rundherum ist kein bisschen Schatten. Und deshalb lässt sie nichts unvollendet, gibt nicht nach. Sie kennt am besten die Geschichte und sie zerstückelt-manipuliert sie nicht, wie wir es gerne sehen würden. Wozu auch. Zu den Wassermelonen und den Mititei fügt sie etwas Essentielles hinzu: „Und die sehr wunderbaren Menschen, die ich kenne und mit denen ich befreundet bin.“
Kein Detail ringsherum wird chaotisch so einfach rumtollen lassen. Denn das, was Sinn und Blut ergibt, ist diese Geschichte. Liiceanu wirft auf die Initialfrage eines Journalisten ironisch ein: “Was gut ist in Rumänien? Die Tomaten!“ Doch Herta Müller erlaubte nicht, dass diese Antwort sie umschwirrt, so dass sie sie sofort ahndet mit: „Mir schmecken Tomaten nicht!“ Sie schaut auf keine Folgen. Egoistisch vielleicht, integer auf alle Fälle. Kompromisslos. Klar. So zerbrechlich wie agil ist sie im Geiste. Ganz gespannte Stahlfeder.
Gefragt, ob sie sich distanziert von weißwelchem kommunistischen Preis/Premiu, oder wie viel Pastior und wie viel Herta in ihrem letzten Buch ist, oder warum sie nicht wie am Fließband schreibe, sagte Herta Müller, indem sie wieder ihre Fingerspitzen vor den Mikrofonen zusammenpresste. „Ich habe mich nicht verändert. Auch früher schrieb ich nur alle zwei-drei Jahre ein Buch. Ich schreibe nicht gern.“ Und du glaubst ihr das.
 
 
„Der Nobelpreis hat nur mein äußeres Leben verändert. Schaut mal, wie ich jetzt bin!“
 
„Rumänien muss sich nicht bemühen, dass ich mich hier heimisch fühle. Es wäre schon gut, wenn ich-weiß-nicht-wie-viele Rumänen sich hier heimisch fühlen würden“.
 
„Es ist nicht normal, dass (die ehemaligen Securitate-Leute) gut positioniert sind und auf die Füße gefallen sind. Ich glaube, dass ihre Absichten nicht mehr die selben sind wie in Zeiten der Diktatur und wenn sie wissen möchten, wohin ich gehe, was ich esse, welche Schuhe ich mir kaufe oder welche Brillen, dann ist das ihr Problem“.
 
„Hier und jetzt, auf dieser Bühne, bin ich keine Schriftstellerin. Das ist ein anderer Beruf. Das ist Zirkus!
 
 
Herta Müller: „Vaterland ist ein Wort, das ideologisch verwendet wurde. Zuhause ist weniger und mehr…Ich sagte schon: Vaterland ist etwas, was du nicht lassen und verlassen kannst. Dieses blöde Vaterland folgt dir überallhin, wohin du dich begibst, um loszuwerden, was dir im Land passiert ist.“
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