„Es wäre schade, nicht auf Deutsch zu studieren“

Der Historiker und Politologe Vasile Docea: „Das Unterrichtssystem ist keine Insel“.

Foto: Zoltán Pázmány

Gespräch mit Dozent Vasile Docea

 

Die deutschsprachige Abteilung für Internationale Beziehungen und Europastudien (DAIBES) wurde an der Temeswarer West-Universität vor sechs Jahren ins Leben gerufen. Die Idee zur Gründung einer solchen Abteilung hatte der aus dem Banat stammende Dozent Dr. Vasile Docea. Bisher war die Abteilung nur autorisiert, in diesem Jahr soll sie offiziell anerkannt, d.h. akkreditiert werden. Doch das macht keinen großen Unterschied, meint Vasile Docea, denn die DAIBES-Studenten hatten immer auch vor einer unbekannten Kommission bei der Abschlussprüfung gut abgeschnitten. Und eins ist schon mal klar: Wer einen Studiengang in deutscher Sprache absolviert, dem stehen viele Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt zur Wahl. Über die Vorteile eines deutschsprachigen Studiums sprach BZ-Redakteurin Raluca Nelepcu mit dem Historiker Vasile Docea.

 

Die DAIBES gibt es bereits seit sechs Jahren. Wie hat sich die Abteilung im Laufe dieser Zeit entwickelt?

Wir können von einer vielfältigen Entwicklung der deutschsprachigen Abteilung für Internationale Beziehungen und Europastudien sprechen. Wir haben in dieser Zeit etwas Erfahrung gesammelt. Erfahrung im Sinne des Unterrichts, aber auch der Verwaltung einer solchen Abteilung, was gar nicht so einfach ist. Es bestehen sehr gute Beziehungen zur Leitung der Universität. Die Unterrichtssprache ist Deutsch, was bedeutet, dass wir die Studienpläne, die Curricula und die Unterrichtspläne für die jeweiligen Fächer immer zweisprachig schreiben müssen.

Wir Lehrer sind gleichzeitig auch Vermittler der Beziehungen zwischen den Lehrkräften, die von außerhalb Rumäniens kommen, und der Leitung der Universität. Man muss nicht nur übersetzen, sondern auch erklären. Leute, die aus anderen Unterrichtssystemen kommen, haben eine andere Denkweise, sie verstehen unsere Regeln nicht immer. Am Anfang haben wir sehr viel Zeit gebraucht, um solche Probleme zu regeln.

Entwickelt hat sich auch die Zahl der Lehrkräfte. Am Anfang gab es gar keinen Professur-Inhaber, ja sogar keinen Assistenten, der direkt an der Abteilung angestellt war. Wir waren ein paar Leute, die neben unseren festen Stellen Unterrichtsstunden an dieser Abteilung in Anspruch nahmen. Inzwischen hat die Abteilung Lehrkräfte angestellt. Wir sind jetzt vier: ein Dozent, ein Lektor und zwei Assistenten. Wir haben noch zwei Lektorenstellen ausgeschrieben und hoffentlich wird das Unterrichtsministerium die Wettbewerbe für die Postenbesetzung auch  genehmigen.

Auch die Zahl der Studenten hat sich im Laufe der Jahre erhöht. Wir haben mit 27 Studenten angefangen, wobei wir gleich in der zweiten Generation 60 Studierende hatten und in der dritten waren es dann 70. Danach begann die Zahl wieder zu sinken. Seit drei Jahren hat sich die Zahl stabilisiert, wir haben etwa 25 Studenten pro Jahrgang. Insgesamt lernen bei uns in drei Studienjahren 70 Studenten. Das bringt uns eine gewisse Zufriedenheit. Wir hoffen, dass die Zahl auch künftig stabil bleibt.

Am Anfang haben Sie Sich mehr oder weniger nebenbei für die DAIBES engagiert. Was hat Sie denn ermutigt, weiterzumachen?

Als ich die Initiative der Eröffnung einer deutschsprachigen Abteilung ergriff, war es mir mit diesem Projekt sehr ernst. Nicht nur, weil ich halb Deutscher (mütterlicherseits) bin, sondern auch, weil mir bewusst war, dass die deutsche Sprache eine geeignete Sprache für den Universitätsunterricht ist, dass die Absolventen mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben werden. Gleichzeitig sah ich bessere Chancen für die Studenten, Masterstudiengänge im Ausland zu belegen. Mir sind Fälle bekannt, wo sich Absolventen um Jobs beworben haben, doch sie wurden abgewiesen, weil sie kein Deutsch konnten. Auch die nicht deutschen Firmen suchen immer wieder Leute, die Deutsch sprechen, weil sie vielleicht gute Beziehungen zu Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum pflegen. Das war für mich ein Argument, dieses Projekt auf die Beine zu stellen und fortzusetzen.

Mit welchen Erwartungen kommen die Studenten zu dieser Abteilung?

Insbesondere Absolventen deutschsprachiger Klassen oder Gymnasien sind unsere Studenten. Ich weiß nicht, ob für die meisten schon von Anfang an klar ist, dass sie einen Weg wählen, der dauern wird. Ich glaube, es ist mehr eine Sache der Fortsetzung. Sie haben mit dem Gymnasium in deutscher Sprache begonnen und wollen dann weiterhin auf Deutsch studieren. Es gibt natürlich auch Leute, die von Anfang an bewusst diese Abteilung wählen. So haben wir auch Studenten, die nicht von deutschsprachigen Gymnasien kommen, die einfach Deutsch gelernt haben und ihr Universitätsstudium in deutscher Sprache absolvieren wollen. Diese sind sich bewusst, dass sie bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Welche berufliche Laufbahn können die Absolventen der DAIBES einschlagen?

Das fragen mich auch manche Studenten: Was könnten wir danach machen? Meine Antwort klingt immer so: Danach könnt ihr weiter studieren. Das empfehle ich auch. Wir bemühen uns jetzt, einen Masterstudiengang in deutscher Sprache zu organisieren und hoffen, dass es bis nächstes Jahr klappen wird. Ich empfehle den Absolventen, weiter zu studieren, damit sich auch ihre beruflichen Chancen erhöhen. Wir bereiten Leute für den Politik- und Verwaltungsbereich vor. Politikbereich bedeutet sehr viel: Von der EU und den europäischen Einrichtungen, wo sich unsere Absolventen bewerben können, bis zur Lokalpolitik, politische Analysten, Berater, Referenten usw. Dann sollte es für unsere Absolventen auch Plätze in der Verwaltung geben.

Sind Absolventen der DAIBES in europäischen Einrichtungen tätig?

Nein, noch nicht, es ist immer noch zu früh. Sie müssen davor noch studieren, Masterstudiengänge absolvieren. Aber ich bin sicher, dass wir bald welche dort haben werden. Praktika haben sogar mehrere Studenten an europäischen Institutionen absolviert. Aber auch an anderen politischen Einrichtungen aus dem deutschsprachigen Raum: Zum Beispiel haben wir drei Absolventen, die das sechsmonatige Bundestagspraktikum abgeschlossen haben.

Von wo kommen die Gastlehrer, die an der DAIBES unterrichten?

Wir haben und hatten mehrere Gastlehrer. Wir haben von Anfang an versucht, Lehrkräfte von außerhalb Rumäniens herzubringen und dies aus mehreren Gründen. Einer davon war die deutsche Sprache. Dann war es der Zugang zur deutschen Kultur, der durch diese Lehrer vermittelt wurde. Und dann gab es noch die sogenannte Mentalitätsfrage: Die Lehrkräfte, die aus Deutschland oder Österreich kommen, haben eine ganz andere Denkweise. Sie kommen mit einer stark demokratisch geprägten Mentalität, was auch für uns am Anfang ein bisschen fremd war. Für unsere Studenten war das wie eine Impfung mit Demokratie. Bis vergangenes Jahr hatten wir zwei langfristige Herder-Dozenturen, eine dauerte drei Jahre, die andere vier Jahre. So konnten wir zwei Professoren aus Berlin gewinnen, die ständig hier waren und in direktem Kontakt mit unseren Studenten. Gleichzeitig konnten wir auch zeitweilige Kontakte mit Professoren aus Deutschland durch verschiedene Programme wie z.B. Erasmus herstellen, wo Lehrkräfte gekommen sind, um ein paar Wochen oder ein paar Monate zu unterrichten. Jetzt haben wir ein DAAD-Lektorat, das durch eine Lektorin, Frau Tanja Becker, besetzt wird. Bis vergangenes Jahr hatten wir auch ein Robert-Bosch-Lektorat, aber die Stiftung entschied, die Lektorate aus Mittel- und Osteuropa abzuschaffen, um ihren Schwerpunkt weiter nach Osten zu verlagern. In diesem Wintersemester werden wir einen Soziologen aus Nürnberg gewinnen, der mit einem DAAD-Programm kommt. Ich hoffe, dass er für längere Zeit an der DAIBES unterrichten wird. Es gibt auch ein paar junge Wissenschaftler aus dem Ausland, die mit uns in Kontakt geblieben sind und mit denen wir ab und zu zusammenarbeiten.

Was für Veranstaltungen gibt es an der DAIBES in diesem Jahr?

Wir haben ein paar Veranstaltungen, die zur Tradition geworden sind. Die Studenten im zweiten Studienjahr unternehmen immer eine Studienreise nach Deutschland, zu verschiedenen politischen Institutionen. Die Studenten im ersten Jahr haben das sogenannte Seminar in Alexanderhausen/[andra. Jedes Jahr im Dezember organisieren wir ein sogenanntes Außenseminar im Schwabenhaus, wo wir die Schlussfolgerungen des Semesters ziehen. Es ist die erste Außenaktivität der Studenten. Am Ende des ersten Studienjahres gibt es dann eine Reise in die andere Richtung, nach Altringen. Das sind ganz ernste Studienreisen mit vollem Unterrichtsprogramm – nur nicht am gewohnten Ort, der Uni.

Die Studienreisen nach Deutschland dauern etwa eine Woche bis zehn Tage. Bis zum sechsten Semester gibt es mehrere solche Veranstaltungen und die Herstellung von Kontakten zu den deutschsprachigen Abteilungen in Novi Sad und Budapest.

Mit welchen Universitäten arbeitet die deutschsprachige Abteilung noch zusammen?

Die Zusammenarbeit hat Vorteile für beide Seiten. Insbesondere durch Erasmus-Programme, aber nicht nur, dürfen viele unserer Studenten im Ausland ein Semester oder auch ein ganzes Jahr an einer Partneruni studieren. Zur Zeit haben wir ungefähr zehn Partneruniversitäten im deutschen Sprachraum. Unserer Studenten gehen nach Berlin, Freiburg, Klagenfurt, Tübingen, Regensburg, u.a. Das ist sehr wichtig für uns und es macht uns sehr stolz, denn dadurch können wir die Tür der Uni international öffnen. Auch aus dem Ausland kommen Studenten zu uns, für ein Semester oder für ein ganzes Jahr. Dieses Jahr sind fünf Erasmus-Studenten aus Deutschland dabei.

Die Abteilung ist vorläufig nur autorisiert, sie wird in diesem Jahr akkreditiert. Was bedeutet das?

Unterschiede gibt es kaum. Der einzige Unterschied ist, dass man bei autorisierten Abteilungen nicht selber die Lizenzprüfung organisieren darf. Bis jetzt haben die Studenten die Prüfung vor Lehrern aus der rumänischen Abteilung abgelegt. Es gab keine Probleme, denn die Studenten waren sehr gut vorbereitet, auch wenn die Prüfungen recht schwierig waren. Es gibt in Rumänien die Regel, dass man mindestens drei Generationen von Absolventen verabschieden muss, bevor man eine Akkreditierung beantragen darf. Irgendwann im Dezember bekommen wir einen Besuch vom Unterrichtsministerium und hoffentlich im Frühling auch die Akkreditierung.

Zur feierlichen Eröffnung der Abteilung hatten Sie den Intendanten des Deutschen Staatstheaters eingeladen. Das deutsche Radio und die ADZ stellen sich jedes Jahr bei den Studenten vor. Wie wichtig ist es für die Studenten, dass sie die deutsche Gemeinschaft in Temeswar kennen?

Es ist sehr wichtig. Dadurch differenzieren wir uns von anderen Abteilungen. Wir betrachten das Unterrichtssystem nicht als Insel, sondern als integriertes System. Man macht Unterricht nicht an und für sich, sondern man soll das alles in Verbindung bringen. Wir besuchen manchmal zusammen mit den Studenten das Deutsche Staatstheater, wir gehen in Konzerte, wir versuchen, die guten Beziehungen zum deutschen Kulturzentrum zu pflegen, wo interessante Veranstaltungen stattfinden, wie zum Beispiel die wöchentlichen Filmabende. Die Studenten haben davon sehr viel zu gewinnen.

Wenn Sie für die Abteilung werben würden, wie würden Sie das tun?

Ich bin kein Werbefachmann, doch eins möchte ich trotzdem sagen: Als Banater wäre es schade, nicht auf Deutsch zu studieren, wenn es schon mal diese Möglichkeit gibt.

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