Wolfsberg, ein Ort der Kraft

Die Jungschauspieler beim Workshop: Improvisation und (Selbst)erforschung

Zweite DSTT-Sommerschule: Eindrücke und Auswertungen

 

Sommerschule, 15.- 30. August 2010 in Wolfsberg/Garâna: Interviews mit Professor Thomas Buts von der Folkwang Universität Essen, den Trainern Laura Butler, Daniel Irizarry und David Skeist von der Columbia University New York, Statements von Klaus Brennecke, Konsul der Bundesrepublik Deutschland in Temeswar/Timisoara, Elisabeth Ochsenfeld, Diplom-Graphikerin an der Akademie der Wissenschaften Heidelberg und Emilian Roşculescu, Leiter des Informationszentrums Banat-Wolfsberg. Die Gespräche führte Eleonora Ringler-Pascu, Dozentin am Institut für Schauspiel der West-Universität Temeswar.
 
Verraten Sie uns einige Eindrücke von der diesjährigen Sommerschule, über ihre Bedeutung aus Ihrer Sicht, insbesondere im Blick auf die Abschlusspräsentation!
 
Klaus Brennecke: Ursprünglich hatte ich vor, zwei Wochen Urlaub in diesem ruhigen Winkel der Welt zu machen und am Ende die Resultate des Workshops zu begutachten, doch dann ergab sich gleich bei der Eröffnung die freundliche Einladung seitens Prof. Thomas Buts, auch den Seminarveranstaltungen beizuwohnen. Ich habe die Aktivitäten praktisch durchgehend verfolgt und bestaunt, wie diese unmittelbar Veränderungen bewirkten. Bei der Präsentation, nach 14-tägiger harter Arbeit, war es eine reine Freude, zu sehen, welche grandiosen Ergebnisse vorgestellt wurden. Sowohl Thomas Buts als auch seine amerikanischen Kollegen arbeiteten intensiv und individuell abgestimmt auf die einzelnen TeilnehmerInnen. Es war ein „work in progress“, Kostproben aus einer Arbeit, die sich immer noch in der Entwicklung befand. Faszinierend ist, zu sehen, wie facettenreich dieses Ensemble des DSTT ist – das war für mich aber nicht neu, denn ich verehre das Haus und sein Ensemble, seit ich in Temeswar tätig bin. Es war gut, dass der deutsche Konsul gesehen hat, wie ein deutscher Professor mit diesen wunderbaren Schauspielerinnen und Schauspielern, deren Muttersprache ja großenteils nicht deutsch ist, intensiv an der Sprecherziehung arbeitet, und weil leider die Intendanz auf Grund wichtiger Terminverpflichtungen und unabweisbarer anderer Gründe nicht in der Lage war, an dem Seminar teilzunehmen, fand ich es besonders schön, dass wenigstens der deutsche Konsul dabei sein durfte.

Wie kam es dazu, die Leitung der Sommerschule zu übernehmen und welche Zielsetzung steht im Vordergrund?

 
Thomas Buts: Eine Zielsetzung zu finden, war nicht so einfach, nachdem Niky Wolcz mir telephonisch berichtet hatte, was letztes Jahr gemacht wurde, denn ich habe keine Erfahrung mit dem DSTT. Selber habe ich mit nichtdeutschsprachigen Schauspielern gearbeitet, aber mit deutschsprachigen im deutschsprachigen Theater, deren zweite Sprache Deutsch ist, und nicht die Sprache, in der sie tagtäglich sprechen, das ist für mich ganz neu. Ich dachte, ich nehme eigentlich die Zielsetzung wie immer, ich gucke, wie die Leute drauf sind, wo ihre Energien sind, wie sie mit ihrer persönlichen, natürlichen Stimme verbunden sind, körperlich, über die Atmung – so quasi die natürliche Stimme zu befreien, aber immer auf Grundlage der Artikulationsbasis oder der Fühl- und Denkbasis des Deutschen.
Wie bewertest du die Zusammenarbeit mit den jüngeren Kollegen von der Columbia University?
Die drei Kollegen aus den USA kannte ich nur flüchtig seit 2006, von ihrem Besuch an der Folkwang Uni, als mir ihre körperliche Energie, Ausstrahlung und Fröhlichkeit auffiel. Ich war auf die Zusammenarbeit mit ihnen sehr neugierig – es ging auf Anhieb unkompliziert. Sehr komisch war es auch, ein Schüler ihrer Stimm-Lehrerin (Kristin Linklater) gewesen zu sein. Die Arbeit an der Columbia, mit der starken Körperbetonung, Viewpoints, Improviation, Ikonographie, Arbeit mit dem ABC – das war mir alles vertraut. Was mich angenehm überrascht hat, dass wir so gut zusammenarbeiten können, obwohl ich die Leitung übernommen habe.
Wie findest du Wolfsberg als Arbeits-Raum für die Sommerschule?
Ich habe bereits Workshops in abgelegenen Gegenden gemacht, das ist immer zweischneidig – ich bin natürlich Großstädter und das ist dann für mich eine Gewöhnungsphase. Aber ich genieße es, in Klausur zu sein, ohne Ablenkung zu arbeiten, den Fortbildungsablauf zu organisieren, der diesmal teilweise bis zu 12 Stunden pro Tag dauerte. Ein bischen Schwierigkeiten hatte ich mit dem Raum, denn mein großes Problem ist, dass ich für die Übungen den Boden benötige. Auch die Infrastruktur war etwas schwierig, aber irgendwie haben wir uns daran gewöhnt. Diesen Raum werde ich immer in Erinnerung behalten, denn nach zwei Wochen ist das der Arbeits-Raum.
Gäbe es die Möglichkeit für weitere Kontakte zum DSTT bzw. zum Institut für Schauspiel?
Ja, grundsätzlich schon, natürlich. Ich meine, ich bin wirklich gerne hier. Vom ersten Tag an war ich angenehm überrascht, dass ich mir jederzeit vorstellen kann, zurückzukommen, irgend etwas zu machen. Die Arbeit mit den Schauspielern und den Studenten war toll – ich kenne das ganz anders, wo die Leute egozentrisch sind, nicht miteinander auskommen. Ich persönlich nehme sehr viel Energie mit, weil ich auch sehr viel bekommen habe. Natürlich, ich denke, dass wir etwas angefangen haben und wenn man den neudeutschen Begriff „Nachhaltigkeit“ berücksichtigt, ist es ein Beginn, wobei man noch so viel in einem kontinuierlichen Zeitraum machen und etablieren könnte. Von mir aus bin ich offen für die Zukunft.
Wie empfindet ihr das „Comeback“ in Wolfsberg? Welche Schwerpunkte sind für dieses Jahr festgelegt worden?
Daniel: Am Anfang waren wir sehr skeptisch, denn wir wussten nichts über Thomas, doch er entpuppte sich von der ersten Begegnung an als ein sehr offener Mensch. Während des Workshops war er stets bemüht, alle unsere Aktivitäten in den gesamten Prozess einzugliedern.
Laura: Wir wussten genau, woher Thomas kommt, denn wir besuchten seine Uni. Das besondere an seinen Übungen war, dass wir die vertrauten Methoden erkannten, auch als er sie in Deutsch erklärte. Es ist einfach fantastisch, wie wir gearbeitet haben – ständig zusammen, wie in einer Familie, was zu einem Fließen der Energien führte.
David: Die Funktion des Theaters ist, einen Weg aus dem Alltag zu finden, die täglichen Sorgen zu vergessen. Diese Sommerschule ist so ein Weg und Nikys fantastische Idee, sich in so einer Gegend zurückzuziehen, ist genial. Schwerpunktmäßig orientierte Niky den Worksshop vom letzten Jahr auf die Szenenarbeit. Diesmal stellte Thomas die Stimme in den Mittelpunkt und so fokussierten wir das Training darauf. Damit erhielt der Workshop eine andere Koloratur, weil es mehr die Arbeit mit dem Schauspieler und seiner Stimme als Instrument berücksichtigte. Die Abschlusspräsentation widerspiegelt genau diesen Aspekt, dass es mehr (Selbst)Erforschung und Improvisation gab.
Daniel: Zu dem Abendtraining kann ich nur bemerken, dass ich froh war, dies in einem magischen Frei-Raum zu tun, am Waldrand von Wolfsberg, weit weg vom Trubel der Stadt.
Was denkt ihr über eine Fortführung der Sommerschule?
Laura: Was mich beeindruckt, ist die Ernsthaftigkeit in der Arbeit und zugleich die Fröhlichkeit in der Freizeit – eine schöner Ausgleich.
David: Die phantastische Energie, das beeindruckende Feedback, das ist so vital, elektrisierend! Es ist ein Privileg, mit so einer wunderbaren, talentierten Gruppe zu arbeiten!
Daniel: Niky spricht immer am Anfang der Tätigkeit über die drei wichtigen Schritte, die ein Schauspieler durchmachen muss: Anfangs steht ein Mentor an der Seite des Schauspielers, dann erscheint ein Spielleiter und zuletzt agiert der Schauspieler im Vordergrund. In diesem Sinne ist Niky trotz seiner diesjährigen Abwesenheit anwesend. Er ist unser Mentor, der uns seine Methoden übermittelt hat, die wir unsererseits weitergeben.
Was fühlt man nach einem Überraschungsauftritt mit Texten aus dem eigenen Gedichtband „Manchmal später“ während der Schlusspräsentation der Sommerschule 2010?
Emilian Rosculescu, bekannt als Papi:. Ich kann nur sagen, das, was stattgefunden hat, war sehr bereichernd, insbesondere nachdem das Infozentrum niedergebrannt ist und ich keine Location mehr hatte. Das Schöne ist, dass sich die Menschen nicht fundamental geändert haben. Was sie mir gegeben haben, während der beiden Workshops, ist Kraft, die ich von nirgends sonst bekommen hätte können. Wolfsberg ist ein Ort der Kraft.
Welche Eindrücke bleiben nach der Work-in-progress-Vorstellung der jungen Künstler aus Temeswar?
Elisabeth Ochsenfeld: Dieses  Treffen in Wolfsberg hat mich kulturell und seelisch noch mehr an diesen Ort gebunden. Es grenzt an einem Wunder, Menschen wie Niky Wolcz, Thomas Buts, Laura Butler, Daniel Irizarry, Daniel Skeist, Jan Garbarek, die jungen talentierten Schauspieler u.a. auf den Straßen von Wolsberg anzutreffen. Zurück zum Theater, zur Abschlusspräsentation, die mich außerordentlich beeindruckt hat: Die Grotowski-, Stanislawskimethoden waren mir vertraut und ich erkannte in den Übungen von Thomas wichtige neue Techniken. Das Zusammensein im Art House bestätigt meine Auffassung, dass dieses natürliche Zusammenfinden von kunstliebenden Menschen nur andauern soll und muss!
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